Fallbeispiel Pickup-Ratgeber: Was ein Flirtbuch über die Manosphere verrät

Ausgangspunkt war ein Ratgeber, wie er im Netz kursiert und von Jugendlichen geteilt wird: TraumPrinzEffekt von Pierre Stimmenthaler, Selbstverlag, 151 Seiten, das Vorwort gezeichnet «im Jahre 2018» – ein deutschsprachiger Pickup-Ratgeber der «Daygame»-Schule und faktisch ein Lead-Magnet für Coachings der Marke BesserFlirten.net. Als Ratgeber unbrauchbar, als Anschauungsmaterial lehrreich: Er zeigt in gemässigter, gut lesbarer Form die Denkfigur, aus der die Manosphere hervorgegangen ist. (Wer stattdessen wissen will, was Beziehungen wirklich trägt, liest den Beitrag Dating, Sex und Männlichkeit.)

Die Architektur ist ein Verkaufstrichter

Der Autor beschreibt sein eigenes Vorgehen im Vorwort als «Kaltakquise-Art». Das Vokabular bleibt dabei: eskalieren, kalibrieren, Investition. An einer Stelle wird das Ansprechen ausdrücklich mit der Telefonakquise verglichen – entweder man werde «einfach so von der Couch geklingelt» und wolle einem «eine Versicherung andrehen», oder man habe vorab Interesse signalisiert und freue sich über den Anruf. Daraus folgt fast alles Weitere: In einem Verkaufsprozess ist Widerstand ein Hindernis; beim Kennenlernen ist er die Antwort.

Das Fundament ist falsch

Die Kernthese lautet, Anziehung funktioniere über Dominanz. Sie stützt sich auf ein Beziehungsmodell, das im Kapitel «Wie Frauen Dich anziehend und sexy finden» so eingeführt wird: «Der US-amerikanische Psychologe Steven Pinker begründete ein Modell … dass es drei Arten von Beziehungen gibt.» Das Modell stammt allerdings von Alan Page Fiske (Relational Models Theory). Pinker greift es nur auf, begründet hat er es nicht. Fiske unterscheidet indes vier Formen: Communal Sharing, Authority Ranking, Equality Matching, Market Pricing. Der Ratgeber nennt bloss drei, und ausgerechnet Communal Sharing fehlt – diejenige für enge, nicht verrechnete Beziehungen. Zudem beschreibt Fiske, wie Menschen Beziehungen kognitiv ordnen, nicht wie Begehren entsteht. Der Sprung zur Dominanzthese ist eine «Kreativleistung» des Ratgebers.

Die Forschung kennt Dominanz und Kontrolle nicht als Wirk-, sondern als Schadensmechanismus: Ryan und Deci führen sie an erster Stelle dessen auf, was in engen Beziehungen die psychologischen Grundbedürfnisse untergräbt.

Der Konsens-Widerspruch ist strukturell

Das Buch bekennt sich zum Nein – «dann berührt Dich das in der gleichen Weise, wie, als wenn sie ‹Nein› gesagt hätte: Du nimmst es zur Kenntnis» – und liefert zugleich Werkzeuge, es zu umgehen. Das Kapitel «Wie Du sie zum Stoppen bringst» empfiehlt, gezielt sitzende Frauen anzusprechen, und begründet das dreifach: «Frauen, die irgendwo sitzen, können nicht weg. Frauen, die irgendwo sitzen, werden Dich nicht unfreundlich abweisen. Frauen, die irgendwo sitzen, geniessen es in der Regel, kurz ‹unterhalten› zu werden.» Ein eigenes Kapitel heisst «‹Ich hab’ einen Freund› – wie reagieren?», und schon das Vorwort erklärt, sie sage das vielleicht, weil sie mit der selbstbewussten Art nicht umzugehen wisse, «obwohl das gar nicht stimmt». Dieselbe Logik trägt das Kapitel «Wenn sie was von DIR will!» über Frauen, die im Auftrag unterwegs sind und Unterschriften sammeln.

Dazu kommt eine bewusst gesetzte Neugierlücke: «Kündige an, ihr beim Wiedersehen etwas zu verraten!» – im Buch selbst «ein kleiner gemeiner Trick, der mit der Neugierde der Frau spielt», eingeordnet unter «Vorzeitige Kontaktabbrüche vermeiden».

Faktencheck

BehauptungBefund
Drei Beziehungstypen nach PinkerFalsch zugeschrieben (Fiske), unvollständig wiedergegeben, falsch ausgelegt
Anziehung nur über DominanzNicht belegt; Dominanz ist als Schadensmechanismus katalogisiert
60'000 Gedanken pro TagMythos ohne Quelle. Beste verfügbare Schätzung: rund 6200 Gedankenübergänge pro Tag, aus fMRT-Daten abgeleitet (Tseng und Poppenk 2020)
Frauen haben kein «emotionales Gedächtnis»Freie Erfindung; dient der Rechtfertigung von Zeitdruck und Eskalation
Hoch- und TiefstatusDie Begriffe stammen aus Johnstones Improvisationstheater, das Buch nennt keine Quelle. Johnstones Pointe ist die Flexibilität von Status; hier wird eine Einbahnstrasse daraus
Haltung macht attraktiv («ein Haken in Deiner Brust»)Ohne Beleg vorgetragen. Die nächstliegende Forschung – expansive Haltung verändere Hormone und Risikofreude (Carney, Cuddy und Yap, 2010) – ist in einer grösseren Replikation 2015 nicht bestätigt worden und wurde 2016 von der Erstautorin selbst verworfen; ob Haltung anziehend wirkt, beantwortet sie ohnehin nicht

Zwei Dinge macht das Buch besser als seine Nachfolger: Es warnt ausdrücklich davor, zu schnell Berührungen einzubauen oder neben einer Frau herzulaufen, die keine Lust auf ein Gespräch hat – das empfinde sie als «creepy». Und es behauptet nicht, die Welt sei gegen den Leser verschworen. Genau diese Verschwörungsdeutung macht bei den Nachfolgern aus Liebeskummer eine Ideologie.

Die Brücke zur Manosphere

Motiv im RatgeberHeutige Zuspitzung
Anziehung läuft über DominanzAlpha/Beta-Hierarchie, «Chad» und «Beta»
Status als Eigenschaft des MannesSigma, Hustle, Selbstoptimierung als Identität
Frauen entscheiden emotionalFrauen seien irrational und hypergam
Äussere Erscheinung optimierenLooksmaxxing, Mewing, Blackpill-Fatalismus
Ein Nein ist eine HürdeKonsens als taktisches Problem
Bezahltes Coaching als LösungKostenpflichtige «Universitäten» und Communities

Verbindungen

Literatur