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Gleichwürdigkeit nach Juul

Gleichwürdigkeit nach Juul

Jesper Juuls Kernbegriff beantwortet, was nach dem Ende der Gehorsamskultur an ihre Stelle tritt – und es ist ausdrücklich nicht Gleichstellung: Gleichwürdigkeit heisst, dass «beiden Seiten in einer Beziehung der gleiche menschliche Wert zugeschrieben und der gleiche Respekt entgegengebracht wird, obwohl sie sich in Status und Macht unterscheiden und also weder gleichgestellt noch ebenbürtig sind» (Juul & Jensen 2015, S. 316). Ansichten, Gefühle und Selbstverständnis des Kindes zählen gleich viel – die Führung und Verantwortung bleiben beim Erwachsenen.

Integrität und Kooperation: der Grundkonflikt

Juul/Jensen fassen die psychosoziale Entwicklung als Dauerspannung zwischen Integrität – der erlebten «Komplementierung zwischen innerer und äusserer Verantwortlichkeit», kein fester Wert, sondern ein «beziehungsmässiges Gefühl in konstanter Veränderung» (S. 50) – und Kooperation (S. 61). Die Kooperations-Mechanik ist Juuls berühmteste Einsicht: Kinder kooperieren, indem sie das Verhalten der Erwachsenen kopieren (verbal, physisch, sozial, bewusst wie unbewusst) – und ihr Wille, «für den Erhalt der Beziehung zu sorgen», übersteuert notfalls ihre Fähigkeit, «für ihre Unversehrtheit zu sorgen» (S. 62). Auffälliges Verhalten ist in dieser Lesart nicht Widerstand, sondern Schmerz, Signale, Symptome des Konflikts (S. 61). Integrität und Selbstwertgefühl stehen dabei in einem «intimen und dialektischen» Verhältnis – gewahrte Integrität ist die Grundlage gesunden Selbstwerts (S. 78; Juuls dänisches «selvfølelse», wörtlich «Selbstgefühl», hier als Selbstwertgefühl übersetzt).

Vom Gehorsam zur Verantwortung – mit Führung

Die Demokratisierung der Erziehung war nötig, aber nicht hinreichend: Mitbestimmung allein brachte «nicht von sich aus mehr Ruhe und Harmonie» – es fehlen «Wertvorstellungen, die mit der Gehorsamskultur brechen, in Verbindung mit einer erwachsenen Führung»; Kinder brauchen den gleichwürdigen Dialog, um sich selbst zu finden (S. 75). Zwei Konsequenzen: Statt Kindern Grenzen zu setzen, lernen Erwachsene, sich abzugrenzen (S. 316). Und Strafe entlarvt Juul als selbstzerstörerische Ersatzbotschaft – «Ich gebe jetzt auf, von dir Respekt für mich zu verlangen, und setze stattdessen etwas zwischen uns» – die kein Ansehen erzeugt, sondern «Unbehagen, Angst, strategisch kalkuliertes Verhalten oder Apathie» (S. 316).

Beziehungskompetenz als Berufskompetenz

Für pädagogische Profis definieren Juul/Jensen professionelle Beziehungskompetenz dreiteilig (S. 178):

  1. die Fähigkeit, das einzelne Kind «zu seinen eigenen Prämissen zu ‹sehen›» und das eigene Verhalten darauf abzustimmen, «ohne dabei die Führung abzugeben»;
  2. Authentizität im Kontakt (= pädagogisches Handwerk);
  3. und die Fähigkeit und der Wille, «die volle Verantwortung für die Qualität der Beziehung zu übernehmen» (= pädagogische Ethik).

Qualität verstehen sie als «verwirklichte Wertvorstellungen» (S. 178) – Beziehungskompetenz ist das Mittel dazu und neben der Vermittlungskompetenz die zweite Säule professioneller Kompetenz. Für Gespräche gilt: Kinder sprechen bei ernsten Konflikten «in einem Code» und untertreiben Schmerz und Ernst – gesehen werden wollen und niemandem Sorgen machen liegen im Widerstreit (S. 295).

Relevanz für die Schulleitung

Verbindungen

Quellennachweis

Juul, J. & Jensen, H. (2015). Vom Gehorsam zur Verantwortung: Für eine neue Erziehungskultur. Beltz Taschenbuch (Originalausgabe © 2002). – Integrität S. 50; Grundkonflikt Integrität/Kooperation S. 61–62; Gleichwürdigkeit/Demokratie/Führung S. 75; Selbstwertgefühl S. 78 (inkl. Übersetzungs-Fussnote «selvfølelse»); Beziehungskompetenz-Definition und Qualität S. 178; persönliche Sprache/«Code» S. 295; Gleichwürdigkeits-Definition, Abgrenzen statt Grenzen, Strafe-Analyse S. 316. → Zotero
Seitenzahlen am PDF-Volltext verifiziert (Druckseite = PDF-Seite − 1).

Literatur