Lernen – konstruktivistisches Verständnis
Berner, Isler und Weidinger legen ihr Buch Einfach gut lernen nicht als Lerntheorie an – aber ein konstruktivistisches Lernverständnis trägt es durchgehend: Lernen ist nicht das Einprägen vorgegebener Inhalte, sondern ein aktiver Konstruktionsprozess, in dem Lernende neues Wissen mit bestehendem verknüpfen. In ihrer Übersicht der Perspektiven auf Aufmerksamkeit lautet die Botschaft der sozial-konstruktivistischen Sicht: «Lernen wird selbst konstruiert» – neue Informationen werden wahrgenommen und selektiert, durch interne Verarbeitung (Aktivierung von Vorwissen, Kombination von altem und neuem Wissen, Bezug auf authentische Lebenssituationen) entsteht eine neue, individuelle Struktur (2021, S. 77). Und mit Wagenschein: «Der Schüler soll nicht – und will nicht – sich etwas einfüllen lassen, sondern er soll sich etwas einfallen lassen können» (S. 132).
Kernannahmen
Konstruktivistisches Lernen kennt mehrere Kernannahmen: Lernen ist subjektiv – jede und jeder baut auf der eigenen Vorgeschichte auf; anschlussorientiert – neue Information wird nur dann «verarbeitbar», wenn sie an Vorhandenes anschliesst; selbsttätig – Lernen ist eine Eigenleistung der lernenden Person, nicht eine «Übertragung»; kontextabhängig – was gelernt wird, hängt vom Kontext der Lernsituation ab und ist nicht beliebig übertragbar. Diese Systematik ist lernpsychologisches Grundwissen, keine Systematik des Buches.
Diese Sicht ist anschlussfähig an die kognitive Entwicklungspsychologie (Piaget, Vygotsky): Lernen ist Assimilation (Einbau in vorhandene Schemata) und Akkommodation (Anpassung der Schemata an neue Erfahrungen). Von den beiden nennt das Buch nur Vygotski – mit der «Zone der nächsten Entwicklung» als dem Raum, in dem Lehrpersonen Aufgaben so gestalten, dass sie Lernerfolge ermöglichen und fordern (S. 252).
Konsequenzen für die Lehrperson
Wenn Lernen konstruktiv ist, ist «Unterrichten» nicht «Vermitteln», sondern Anregen, Begleiten, Stützen. Die Lehrperson kann nicht «Lernen machen» – sie kann nur Lerngelegenheiten schaffen und Lernen ermöglichen (vgl. Angebot-Nutzungs-Modell). Berner et al. ziehen im Fazit dieselbe Folgerung: Weil Lernen immer an bereits erworbenem Wissen und eingeübten Fähigkeiten anknüpft, müssen gute Lehrpersonen «das Vorhandene neu organisieren und erweiterte Interpretationen anbieten» – gute Lehrerinnen und Lehrer unterscheiden sich von schlechten «durch ihren Respekt vor dem Wissen der Schülerinnen und Schüler» (S. 254).
Das heisst nicht «Lehrpersonen sind unwichtig» – im Gegenteil. Aber ihre Wirksamkeit liegt in der Qualität des Angebots, nicht in der Lautstärke der Vermittlung. Eine konstruktivistisch verstandene Lehrtätigkeit setzt voraus, dass die Lehrperson Vorwissen kennt, Aufgaben entwickelt, die kognitiv aktivieren, Lernspuren beobachtet, Feedback gibt und Reflexion ermöglicht.
Anschluss an aktuelle Modelle
Der konstruktivistische Zugang verbindet sich direkt mit Hatties «Lernende als ihre eigene Lehrperson» (Selbstregulation als Krönung des konstruktivistischen Lernens) und mit der adaptiven Unterrichtsführung – beides Konzepte, die Lernen als Eigenleistung der Schülerinnen und Schüler verstehen, die durch geschicktes pädagogisches Handeln gestützt wird.
Wichtig ist die Abgrenzung gegen einen «verkürzten Konstruktivismus», der Lehrpersonen für überflüssig erklärt («Kinder lernen am besten ohne Anleitung»). Das ist nicht die Position von Berner et al. – im Schwesterband gilt mit Lipowsky, dass offene Lernsituationen traditionellen «von sich aus weder über- noch unterlegen» sind (2024, S. 13). Lernen braucht Struktur, Anleitung, Erklärung. Aber die Lernarbeit muss die lernende Person selbst leisten.
Verbindungen
- Angebot-Nutzungs-Modell – das Modell folgt einem konstruktivistischen Lernverständnis
- Didaktisches Handeln – Grundbegriffe (Berner) – didaktisches Handeln muss das konstruktive Eigen-Lernen ermöglichen
- Lernende als ihre eigene Lehrperson – Hatties Konsequenz: Lernende konstruieren ihr Verständnis selbst
- Kognitive Entwicklung (Piaget & Vygotsky) – Piaget/Vygotsky liefern die entwicklungspsychologische Grundlage
Literatur
- Berner, H., Isler, R. & Weidinger, W. (2021). Einfach gut lernen. Bern: Hep. – sozial-konstruktivistische Perspektive auf Aufmerksamkeit S. 77; Wagenschein S. 132; Zone der nächsten Entwicklung S. 252; Fazit-Thesen zu den Lehrpersonen S. 254. Druckseite = PDF-Seite − 1.
- Berner, H., Isler, R. & Weidinger, W. (2024). Einfach gut unterrichten (3. Aufl.). Bern: Hep. – Lipowsky zu offenen Lernsituationen, S. 13. Druckseite = PDF-Seite − 1.
Verweise auf diese Seite
- Kognitive Entwicklung (Piaget & Vygotsky) Zettelkasten