Lernen – konstruktivistisches Verständnis
Berner legt seinem Buch ein konstruktivistisches Lernverständnis zugrunde: Lernen ist nicht das Einprägen vorgegebener Inhalte, sondern ein aktiver Konstruktionsprozess, in dem Lernende neues Wissen mit bestehendem verknüpfen. Diese Grundannahme prägt alle weiteren Themen des Buches und steht in expliziter Abgrenzung zu naiven «Sender-Empfänger»-Modellen des Lernens.
Kernannahmen
Konstruktivistisches Lernen kennt mehrere Kernannahmen: Lernen ist subjektiv – jede:r baut auf der eigenen Vorgeschichte auf; anschlussorientiert – neue Information wird nur dann «verarbeitbar», wenn sie an Vorhandenes anschliesst; selbsttätig – Lernen ist eine Eigenleistung der lernenden Person, nicht eine «Übertragung»; kontextabhängig – was gelernt wird, hängt vom Kontext der Lernsituation ab und ist nicht beliebig auf andere Situationen übertragbar.
Diese Sicht ist anschlussfähig an die kognitive Entwicklungspsychologie (Piaget, Vygotsky): Lernen ist Assimilation (Einbau in vorhandene Schemata) und Akkommodation (Anpassung der Schemata an neue Erfahrungen).
Konsequenzen für die Lehrperson
Wenn Lernen konstruktiv ist, ist «Unterrichten» nicht «Vermitteln», sondern Anregen, Begleiten, Stützen. Die Lehrperson kann nicht «Lernen machen» – sie kann nur Lerngelegenheiten schaffen und Lernen ermöglichen (vgl. Angebot-Nutzungs-Modell).
Das heisst nicht «Lehrpersonen sind unwichtig» – im Gegenteil. Aber ihre Wirksamkeit liegt in der Qualität des Angebots, nicht in der Lautstärke der Vermittlung. Eine konstruktivistisch verstandene Lehrtätigkeit setzt voraus, dass die Lehrperson Vorwissen kennt, Aufgaben entwickelt, die kognitiv aktivieren, Lernspuren beobachtet, Feedback gibt und Reflexion ermöglicht.
Anschluss an aktuelle Modelle
Der konstruktivistische Zugang verbindet sich direkt mit Hattie's «Lernende als ihre eigene Lehrperson» (Selbstregulation als Krönung des konstruktivistischen Lernens) und mit der adaptiven Unterrichtsführung – beides Konzepte, die Lernen als Eigenleistung der Schüler:innen verstehen, die durch geschicktes pädagogisches Handeln gestützt wird.
Wichtig ist die Abgrenzung gegen einen «verkürzten Konstruktivismus», der Lehrpersonen für überflüssig erklärt («Kinder lernen am besten ohne Anleitung»). Das ist nicht Berners Position – Lernen braucht Struktur, Anleitung, Erklärung. Aber die Lernarbeit muss die lernende Person selbst leisten.
Verbindungen
- angebot-nutzungs-modell – das Modell folgt einem konstruktivistischen Lernverständnis
- Didaktisches Handeln – Grundbegriffe (Berner) – didaktisches Handeln muss das konstruktive Eigen-Lernen ermöglichen
- Lernende als ihre eigene Lehrperson – Hatties Konsequenz: Lernende konstruieren ihr Verständnis selbst
- Kognitive Entwicklung (Piaget & Vygotsky) – Piaget/Vygotsky liefern die entwicklungspsychologische Grundlage
Literatur
- Berner, H. (2021). Einfach gut lernen. Bern: Hep.
Verweise auf diese Seite
- Kognitive Entwicklung (Piaget & Vygotsky) Zettelkasten