Projektwoche im Musterbetrieb
Status
Rohidee vom 14.08.2026, wörtlich festgehalten. Noch kein Konzept – die Ausarbeitung ist verabredet, aber terminlich offen.
Die Idee im Original
Wir holen die Schülerinnen und Schüler eine Woche lang aus dem Klassenzimmer und machen den Unterricht in einem Musterbetrieb, der dabei mitmacht. Der ganze Unterricht hat dann aber entweder mit Themen aus dem Arbeitsmarkt zu tun – idealerweise KI – oder sogar mit konkreten Herausforderungen des Gastgeber-Unternehmens.
Die Entscheidungslogik funktioniert so: In der ersten Lektion werden zwei Gruppen gebildet – eine sind die Berufsleute, die andere die Wissenschaftler. Die Schülerinnen und Schüler entscheiden sich für eine Gruppe aufgrund folgender Prämisse: Sind sie in der Wirtschaft, dürfen und müssen sie grosse Entscheidungen treffen, wie CEOs. Sie tragen aber auch die volle Verantwortung dafür, was ihre Entscheidungen nach sich ziehen, das ist zuletzt notenrelevant. Dafür brauchen sie Entscheidungsgrundlagen.
Die Wissenschaftler wiederum brauchen nichts Schwerwiegendes zu entscheiden und tragen keine Verantwortung – ihr Job ist es, genau die Grundlagen zu erarbeiten, nach denen die CEOs die besten Entscheidungen treffen können. Dazu kriegen sie Aufträge direkt von den CEOs, und natürlich müssen sie Forschungsprojekte an Land ziehen, das ist bei ihnen notenrelevant.
Der Clou an der Sache ist, dass die Schülerinnen und Schüler x-mal umentscheiden und die Gruppe wechseln können, was später im professionellen Leben nur sehr schwer möglich ist. Am Ende der Woche sollen sie eine gute Vorstellung haben, ob sie in die Wirtschaft oder in die Wissenschaft wollen; und sie sollen eine Vorstellung davon haben, wie die Arbeitswelt «von innen» aussieht.
Erste Notizen für die Ausarbeitung
Festgehalten am 14.08.2026, damit die Gedanken nicht verloren gehen. Alles noch unter Vorbehalt der eigentlichen Konzeptarbeit.
Was die Idee stark macht. Sie hat einen curricularen Anker: Berufliche Orientierung ist im Lehrplan 21 ein eigenes Modul im dritten Zyklus, dazu kommen die überfachlichen Kompetenzen und der Fachbereich Wirtschaft, Arbeit, Haushalt. Das ist für die Legitimation gegenüber Schulpflege und Eltern entscheidend – die Woche ist dann kein Ausflug, sondern Unterricht am vorgesehenen Ort. Zweitens ist die Rollenlogik echtes projektbasiertes Lernen mit einer Auftraggeber-Auftragnehmer-Beziehung zwischen den Gruppen – die Schülerinnen und Schüler arbeiten füreinander, nicht für die Lehrperson. Drittens ist das Umentscheiden-Dürfen der eigentliche pädagogische Kern und zugleich der beste Werbesatz für die Idee.
Beurteilung – entschieden am 14.08.2026: keine Noten. Wer die Folgen von Entscheidungen benotet, benotet auch Glück; eine gut begründete Entscheidung, die schlecht ausgeht, müsste sonst abgestraft werden, und die Jugendlichen lernten, Risiko zu meiden statt sauber zu entscheiden. Dazu käme die kantonale Frage, ob eine Projektwoche überhaupt zeugnisrelevant sein kann. Neuer Ansatz: ein nicht notenrelevantes Punktesystem, das gerade genug Ehrgeiz weckt – oder ein Bonussystem, bei dem die Gewinnenden sich etwas wünschen dürfen. Wichtig dabei: Was Verantwortung spürbar macht, ist nicht die Note, sondern die Konsequenz. Punkte oder Bonus tragen das nur, wenn sie sichtbar sind, laufend nachgeführt werden und sich nicht folgenlos zurücksetzen lassen. Beurteilungsgegenstand bleibt die Entscheidungsqualität: Wurden Grundlagen genutzt? Wurde begründet? Wurde nachgesteuert, als die Lage kippte?
Spannungsfeld Verantwortung und Wechselrecht. Wenn man die CEO-Gruppe jederzeit verlassen kann, kann man auch den Konsequenzen davonlaufen – das untergräbt die Prämisse «volle Verantwortung». Das lässt sich auflösen, wenn der Wechsel bewusst inszeniert wird: mit Übergabe, kurzer Begründung und Reflexion. Dann wird das Ausweichen selbst zum Lerngegenstand, statt zum Schlupfloch.
Rollenbild der Wissenschaft – nachgeschärft am 14.08.2026. Ursprünglich arbeitete die Forschung ausschliesslich im Auftrag der Wirtschaft, was sie strukturell zur Zulieferin machte. Neu dürfen die Forschenden auch selbständig Ergebnisse entwickeln und sie der Wirtschaft «verkaufen». Damit haben sie eigene Agenda-Hoheit, und es entsteht ein zweiter Marktmechanismus neben der Auftragsforschung. Offen bleibt, ob sie auch das Recht haben, einen Auftrag zurückzuweisen oder umzudeuten.
Praktische Brocken für später. Gastbetrieb finden und binden (Was hat er davon? Realistisch: Nachwuchsbindung, Aussenwirkung, frischer Blick auf ein echtes Problem) · Aufsichtspflicht, Versicherung und Wegzeiten · Vertraulichkeit, wenn an echten Unternehmensproblemen gearbeitet wird · Rolle der Lehrpersonen während der Woche · KI als Thema versus KI als Werkzeug – beides möglich, aber nicht dasselbe.
Aus einem externen Feedback (14.08.2026)
Rückmeldung einer aussenstehenden Person, von Dani als «unqualifiziert, aber nicht uninteressant» eingeordnet. Was davon trägt:
Die Wechselregel gehört über das Programm, nicht in die Spielregeln. Drei Personen sind unabhängig voneinander auf denselben Punkt gekommen – das ist die Kernbotschaft nach aussen: «Hier darf man die Gruppe wechseln.» Kommunikativ verwertbar gegenüber Schulpflege, Eltern und Gastbetrieb.
Die Etiketten-Kritik – der stärkste Einwand. Die Einstiegsfrage «Willst du entscheiden oder herausfinden?» fragt nach der Rolle, nicht nach dem Motiv. Vierzehnjährige wählen nach Status: CEO klingt nach Eckbüro, Wissenschaft nach Hausaufgaben. Folge: schiefe Gruppengrössen und die Gefahr, dass die Forschung als Restgruppe gelesen wird. Möglicher Ausweg statt einer Quote: das Ungleichgewicht selbst arbeiten lassen. Sind fast alle CEO, wird Forschungskapazität knapp, ihr Preis steigt, und die Entscheidenden merken, dass sie ohne Grundlagen nicht entscheiden können. Der Markt korrigiert, was die Etiketten verzerrt haben – und genau das wäre die Lektion.
Verantwortung als Spielregel statt als Moralpredigt. Brauchbares Gestaltungsprinzip: Verantwortung wird strukturell erfahren, nicht ermahnt. Achtung, das Feedback begründete das mit der Notenrelevanz – die ist inzwischen verworfen. Es trägt trotzdem, weil nicht die Note, sondern die spürbare Konsequenz wirkt.
«Auch Wissen will verkauft werden.» Bestätigt die Akquise-Mechanik und passt zur Erweiterung, dass Forschende eigene Ergebnisse anbieten dürfen.
Die Freitags-Mindmap – der konkreteste Vorschlag. Drei Stufen: Was hat mir gefallen – warum – was sagt das über mich. Das Prinzip (vom Konkreten zum Motiv aufsteigen) ist brauchbar und liefert das, was die Etiketten-Kritik einfordert: die ehrliche Antwort entsteht durch das Wechseln, nicht durch die Eingangswahl. Aber: «hinauf zum Lebensziel» ist für diese Altersstufe zu hoch gegriffen und produziert Fassadensätze. Oberste Stufe bescheidener fassen. Vor einer Eigenentwicklung prüfen, was die Berufliche Orientierung an Instrumenten bereits bereithält (Standortbestimmung, kantonale Berufswahlordner) – nicht neu erfinden, was existiert.
Mit Vorsicht: das Bild vom «rückwärts laufenden» Arbeitsleben. Die Beobachtung, dass draussen Entscheidungen ohne Grundlagen fallen und die Verantwortung bei denen landet, die die Grundlagen geliefert hätten, ist analytisch interessant – sie beschreibt die Entkopplung von Entscheidungsbefugnis und Sachkenntnis, dieselbe Spannung wie in der Expertenorganisation, wo die Fachkompetenz an der Basis liegt und die Koordination anderswo. Als Begründung im Konzept tauglich, als Aussage gegenüber dem Gastbetrieb untauglich – der Betrieb ist in diesem Bild das «Draussen». Nicht in Werbematerial übernehmen.
Nicht übernommen: der aphoristische Ton des Feedbacks. Einiges daran ist Einsicht, einiges blosser Rhythmus; die eingängigsten Sätze sind nicht die belastbarsten.
Einstieg in die Konzeptarbeit
Reihenfolge nach Abhängigkeit – die ersten beiden Punkte entscheiden über alles Weitere und sind von Dani zu setzen, bevor ausgearbeitet wird.
- Zielgruppe und Zweck festlegen. Welcher Zyklus, welche Klassenstufe? Die Rollenlogik setzt Jugendliche voraus, die Berufswahl real vor sich haben – das deutet auf die Sekundarstufe I. Und: Soll die Woche primär der Berufswahlorientierung dienen, dem Verständnis der Arbeitswelt oder beidem? Davon hängt ab, was am Freitag herauskommen muss.
- Adressat klären. Generisches Konzept zum Weitergeben, oder Konzept für eine konkrete Schule in einem konkreten Kanton? Das bestimmt, wie verbindlich die rechtlichen und curricularen Teile ausformuliert werden müssen.
- Curriculare Verortung verifizieren. Die Kompetenzen der Beruflichen Orientierung im Lehrplan 21 konkret benennen statt pauschal darauf zu verweisen; kantonale Vorgaben zu Projektwochen und Beurteilung prüfen. Erst danach lässt sich sauber sagen, was die Woche curricular abdeckt.
- Spielmechanik ausarbeiten. Punkte- oder Bonussystem konkretisieren (Sichtbarkeit, Nachführung, Unumkehrbarkeit), den Markt zwischen den Gruppen definieren (Auftragsforschung und Eigenentwicklung, Preisbildung bei knapper Forschungskapazität), das Wechselprotokoll festlegen (Übergabe, Begründung, Reflexion).
- Wochendramaturgie entwerfen. Tag für Tag, mit dem Montagseinstieg und der Freitagsreflexion als Klammer; dabei klären, was die Lehrpersonen während der Woche tun und was der Betrieb beiträgt.
- Betriebsakquise vorbereiten. Nutzenargumentation aus Betriebssicht, Rahmenvereinbarung, Vertraulichkeit bei echten Unternehmensproblemen, Aufsichtspflicht und Versicherung.
Verbindungen
- Index – Zukunftskompetenzen – thematischer Ort der Idee
- Projektbasiertes Lernen und multiple Intelligenzen – die didaktische Grundform, auf der die Woche aufbaut
- Lehrplan 21 – curricularer Anker über Berufliche Orientierung und die überfachlichen Kompetenzen
Literatur
Eigene Idee von Dani, festgehalten am 14.08.2026. Die Notizen zur Ausarbeitung sind Arbeitshypothesen ohne Quellenprüfung – vor der Konzeptarbeit sind insbesondere die Lehrplan-Verortung und die kantonalen Beurteilungsvorgaben am Original zu verifizieren.