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Tertiarisierung der Lehrpersonenausbildung

Tertiarisierung der Lehrpersonenausbildung

Mit Tertiarisierung ist der schrittweise Übergang der Lehrpersonenausbildung in der Schweiz von den traditionellen kantonalen Lehrerseminaren zu den heutigen Pädagogischen Hochschulen (PH) auf Tertiärstufe gemeint. Dieser Prozess hat ab den späten 1990er-Jahren begonnen und prägt das Berufsverständnis der Lehrpersonen bis heute. Das LCH-Berufsleitbild 2024 nennt die Tertiarisierung explizit als eine der zentralen Entwicklungen des Schweizer Bildungssystems.

Hintergrund

Bis Ende der 1990er-Jahre wurden Volksschul-Lehrpersonen in der Schweiz primär an kantonalen Lehrerseminaren ausgebildet – Sekundarstufe-II-Institutionen, die Allgemeinbildung und pädagogische Ausbildung kombinierten. Die Konkordatslösung über die EDK (Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und Erziehungsdirektoren) führte ab den späten 1990er-Jahren zur Schaffung der Pädagogischen Hochschulen als Fachhochschulen mit Bachelor- und teilweise Master-Studiengängen. Die letzten Seminare wurden Mitte der 2000er-Jahre aufgehoben.

Treiber waren mehrere Faktoren: Anpassung an internationale Standards (insbesondere die Bologna-Reform ab 1999), Erhöhung der wissenschaftlichen Fundierung des Lehrberufs, schweizweite Vergleichbarkeit der Diplome, sowie eine stärkere Forschungs- und Entwicklungsorientierung.

Folgen für das Berufsbild

Die Tertiarisierung hat das Berufsbild der Lehrperson substanziell verändert. Drei Verschiebungen sind besonders sichtbar:

Wissenschaftliche Fundierung: Lehrpersonen sind heute Akademiker:innen mit Hochschuldiplom. Sie werden in pädagogischer Psychologie, Fachdidaktik, Erziehungswissenschaft und evidenzbasiertem Handeln ausgebildet – nicht mehr primär in Allgemeinbildung plus methodisch-praktischer Erfahrung.

Reflexionsanspruch: Das Berufsverständnis hat sich von «Wissensvermittlung» Richtung reflexive Praxis verschoben. Lehrpersonen sollen ihr eigenes Handeln theoretisch fundiert beobachten, analysieren und weiterentwickeln können – Reflexion ist Teil der Berufsausübung, nicht nur deren Vorbereitung.

Permanente Weiterbildung: Der Bachelor- bzw. Master-Abschluss ist nicht mehr Endpunkt der Ausbildung, sondern Anfang. Berufsbegleitende Weiterbildung ist strukturell und teilweise auch rechtlich verankert.

Spannungsfelder

Die Tertiarisierung ist nicht unumstritten. Wiederkehrende Kritik betrifft die wahrgenommene Theorielastigkeit der PH-Ausbildung (Spannung zur Praxisrelevanz), die teilweise kürzere Praxiszeit im Studium gegenüber den früheren Seminaren, sowie die Frage, ob die PHs ihr Forschungsmandat ausreichend wahrnehmen. Im Kontext des Lehrpersonenmangels werden zudem Quereinstiegs- und Sur-Dossier-Pfade diskutiert, die teilweise neben dem regulären PH-Diplom verlaufen.

Für Schulleitungen ist die Tertiarisierung doppelt relevant: Sie führen heute ein akademisch gebildetes Kollegium mit entsprechenden Erwartungen an Eigenverantwortung, Mitsprache und fachliche Tiefe. Gleichzeitig haben sie selbst oft einen Quereinstieg oder eine PH-basierte Weiterbildung absolviert – ihre Führungsrolle gegenüber einem akademisierten Kollegium braucht eigene professionelle Legitimation, die wesentlich über das Berufsverständnis und über messbar wirksame Schulleitungspraxis hergestellt wird.

Internationaler Vergleich

Die Schweizer Tertiarisierung verlief vergleichsweise spät: Andere europäische Länder (Deutschland, Niederlande, skandinavische Länder) hatten den Übergang zur Hochschulausbildung der Lehrpersonen teilweise schon Jahrzehnte früher abgeschlossen. Das hat in der Schweiz zu einem dichten und schnellen Reformprozess geführt – mit den damit verbundenen Anpassungslasten für alle Beteiligten.

Verbindungen

Literatur