Bildungsmonitoring und evidenzbasiertes Handeln
Der Bildungsbericht ist Teil eines breiteren Anspruchs: Bildungssystem auf empirischer Basis steuern. Diese Idee – «evidenzbasiertes Handeln» – verbindet sich mit ähnlichen Anliegen in Medizin (evidence-based medicine), Sozialarbeit und Bildungsforschung allgemein (siehe Hatties Visible Learning).
Was «evidenzbasiert» heisst
Evidenzbasiertes Handeln bedeutet: Entscheidungen werden auf empirische Befunde gestützt, nicht auf Intuition, Tradition oder rein politische Präferenz. Bei systemischen Bildungs-Entscheidungen heisst das: Welche Daten haben wir? Was zeigt die Forschung? Welche Erfahrungen aus anderen Ländern oder Kantonen?
Das schliesst Wertentscheidungen nicht aus – Bildung ist immer auch normativ. Aber es verlangt, dass empirisch Klärbares auch empirisch geklärt wird, statt durch Annahmen kompensiert.
Drei Säulen evidenzbasierten Handelns
Klassisch werden drei Quellen verbunden:
Externes Wissen: Forschungsbefunde, Bildungsstudien, internationale Vergleiche (PISA, TIMSS), Meta-Analysen.
Internes Wissen: Daten aus der eigenen Institution – Übergangsquoten, Leistungsdaten, Befragungen, Selbstevaluationen (siehe Datengestützte Schulentwicklung).
Expert:innen-Wissen: Erfahrungs- und Praxiswissen der beteiligten Fachpersonen.
Die drei Quellen sind nicht hierarchisch – sie ergänzen sich. Wer nur auf eines setzt (z.B. nur «harte Zahlen» oder nur «mein Bauchgefühl»), arbeitet einseitig.
Grenzen der Evidenz
Empirische Befunde haben Grenzen: Sie zeigen, was unter bestimmten Bedingungen war – nicht zwingend, was unter anderen Bedingungen wäre. Sie zeigen Durchschnittseffekte – nicht, ob die eigene Schule «durchschnittlich» ist. Sie messen, was messbar ist – nicht zwingend, was wichtig ist.
Die methodische Kritik an Visible Learning zeigt diese Grenzen am Beispiel: Selbst eine sehr umfangreiche Synthese hat methodische Tücken, die in der Rezeption oft übersehen werden.
Anwendung für Schulleitungen
Für Schulleitungen ist die Verbindung von Bildungsbericht-Daten mit eigener Schulrealität anspruchsvoll, aber wertvoll: Welche schweizerischen Befunde passen zu unserer Schule? Wo unterscheiden wir uns? Welche Massnahmen, die anderswo wirken, könnten bei uns funktionieren – und welche nicht?
Diese Reflexion macht aus dem Bildungsbericht ein Werkzeug, nicht nur eine Lektüre. Sie schützt vor zwei Fallen: blindem Übernehmen von «Best Practices» (was anderswo funktioniert, muss bei uns nicht funktionieren) und Ignorieren von Befunden (weil «bei uns ist alles anders»).
Verbindungen
- bildungsmonitoring-schweiz – der institutionelle Rahmen des Schweizer Monitorings
- Datengestützte Schulentwicklung – Monitoring-Daten als Grundlage konkreter Schulentwicklung
- Visible Learning – das Grundkonzept – Hatties Meta-Studie als Paradebeispiel evidenzbasierter Pädagogik
- Methodische Kritik an Visible Learning – die Grenzen evidenzbasierten Handelns zeigen sich in der Methodenkritik
Literatur
- Wolter, S. C., Albiez, J., Cattaneo, M. A., Denzler, S., Diem, A., Lüthi, S., Oggenfuss, C. & Schnorf, R. (2026). Bildungsbericht Schweiz 2026. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung [SKBF].
Verweise auf diese Seite
- Bildungsbericht als Führungsinstrument der Schulleitung Zettelkasten
- Tertiarisierung der Lehrpersonenausbildung Zettelkasten