Tod und Trauerfälle in der Schule
Fragen, die hierher führen
«Ein Kind aus der vierten Klasse ist am Wochenende gestorben, am Montag beginnt die Schule» · «Eine Lehrerin ist unerwartet gestorben – wie sagen wir es?» · «Wie viel Trauer ist an einer Schule richtig?» · «Sollen wir zur Beerdigung gehen?» · «Was machen wir mit dem leeren Platz im Klassenzimmer?»
Ein Todesfall bringt eine Schule an die Grenze ihrer Routinen. Sie kann ihn nicht bearbeiten wie ein Ereignis, aber sie kann verhindern, dass zur Trauer noch Orientierungslosigkeit kommt. Was Schulen in dieser Lage tragfähig macht, sind wenige klare Entscheidungen, früh getroffen und ruhig kommuniziert.
Die ersten Stunden
Fakten sichern, bevor irgendetwas gesagt wird. Was ist geschehen, was ist gesichert, was wünscht die Familie? Bei einem Todesfall in der Familie einer Schülerin oder eines Schülers ist der Wille der Angehörigen leitend – auch darüber, was in der Klasse gesagt werden darf. Bei Suizid gelten zusätzlich die Regeln des Nachahmungsschutzes.
Krisenteam einberufen, Ablauf des ersten Tages festlegen. Wer informiert welche Klasse, wer ist wo präsent, wo gibt es einen Raum für Kinder, die nicht im Unterricht bleiben können, wer betreut das Kollegium.
Kollegium vor Klasse. Lehrpersonen erfahren es zuerst, mit abgesprochenem Wortlaut. Wer selbst betroffen ist, muss nicht unterrichten – das gehört gesagt, sonst hält es niemand für erlaubt.
Klassenweise informieren, durch die eigene Lehrperson, in einfachen, wahren Sätzen. Keine Beschönigungen («eingeschlafen», «von uns gegangen»), die jüngere Kinder verwirren. Raum lassen für Fragen, auch für unbeholfene, und für Schweigen.
Was Trauer in der Schule braucht
- Erlaubnis. Trauer zeigt sich bei Kindern unregelmässig: Weinen, Gleichgültigkeit, Albernheit, Wut, alles am selben Tag. All das ist normal und darf da sein, ohne pädagogisch korrigiert zu werden.
- Struktur. Gerade weil alles wankt, hilft der Stundenplan. Der Unterricht läuft weiter – mit der ausdrücklichen Erlaubnis, ihn zu unterbrechen.
- Rituale. Ein Platz, an dem etwas hingelegt werden kann; eine Kerze; ein Kondolenzbuch; eine gemeinsame Stille. Rituale sind Formen, in denen Gefühle einen Ort haben, ohne dass jemand reden muss.
- Der leere Platz. Er wird nicht heimlich am Nachmittag geräumt, sondern gemeinsam und angekündigt – wann und wie, entscheidet die Klasse mit.
- Verabschiedung. Die Beerdigung hilft Hinterbliebenen beim Begreifen; eine Teilnahme der Klasse wird mit der Familie abgesprochen, ist freiwillig und vorbereitet – die Kinder sollen wissen, was sie erwartet, auch dass es zu Gefühlsausbrüchen kommen kann.
- Zeit. Der Rückweg in den Alltag dauert länger, als der Betrieb es vorsieht. Jahrestage, Geburtstage und die Übergabe an eine neue Lehrperson sind Punkte, an denen die Trauer wiederkommt.
Drei verschiedene Lagen
- Tod eines Kindes. Am schwersten, weil er die Ordnung der Generationen umkehrt. Im Zentrum stehen die Klasse, die Geschwister im Haus und die engsten Freundinnen – letztere brauchen oft länger Begleitung als die Klasse.
- Tod einer Lehrperson. Trifft Kinder und Kollegium gleichzeitig; die Schulleitung muss beides tragen und dabei zugleich die Nachfolge organisieren. Eine offene Aussage darüber, dass auch Erwachsene trauern, entlastet alle.
- Tod eines Angehörigen eines Kindes. Der häufigste Fall und der leiseste. Hier entscheidet die Klassenlehrperson zusammen mit der Familie, was die Klasse erfährt. Wichtig ist die Rückkehr: Das Kind kommt in eine Klasse, die vorbereitet ist und nicht verstummt, wenn es den Raum betritt.
Was die Schulleitung entscheidet
Sie legt fest, wie informiert wird, wer präsent ist, welche Formen des Gedenkens die Schule wählt und wann der Betrieb zur Normalität zurückkehrt. Sie hält den Kontakt zur Familie und schützt sie vor gutgemeinter Überfürsorge. Und sie sorgt dafür, dass das Kollegium selbst Unterstützung bekommt – Intervision, Supervision, im grösseren Ereignis Notfallseelsorge oder psychosoziale Notfallversorgung. Nicht ihre Aufgabe ist die therapeutische Begleitung; die gehört zu Schulsozialarbeit, Schulpsychologie und externen Fachstellen.
Vorbereitet sein
Der einzige Zeitpunkt, an dem sich diese Fragen ruhig klären lassen, ist vorher. In den Notfallordner gehören: Wer wird alarmiert und in welcher Reihenfolge; welche Räume stehen zur Verfügung; welche Textbausteine gibt es für Elternbrief und Kollegiumsinformation; welche Fachstellen sind wie erreichbar; welche Formen des Gedenkens hat die Schule für sich als angemessen bestimmt. Wer diese Liste hat, muss am Montagmorgen nur noch entscheiden, nicht mehr erfinden.
Verbindungen
- Schülersuizid – der Sonderfall; die Trauerarbeit ist dieselbe, der Nachahmungsschutz kommt hinzu
- Notfall – die ersten 30 Minuten – die Sofortphase bei plötzlichem Ereignis in der Schule
- Krisenkommunikation – Reihenfolge und Sprachregelung, auch gegenüber Medien
- Nachsorge und Prävention – wie aus dem Durchlebten Struktur für das nächste Mal wird
- Schulinterne Krisenteams und Notfallpläne – wo die Vorbereitung schriftlich liegt
- Schulsozialarbeit – Betreuung der Kinder und Entlastung der Lehrpersonen
- Hochbelastete Kinder – Kinder mit Vorbelastung reagieren auf Todesfälle anders und brauchen früher Unterstützung
Literatur
- Drewes, S. & Seifried, K. (Hrsg.) (2012). Krisen im Schulalltag. Prävention, Management und Nachsorge. Stuttgart: Kohlhammer. https://doi.org/10.17433/978-3-17-023196-2 – Krisen im Schulalltag*: Lasogga, Psychische Erste Hilfe in der Schule, S. 119 ff.; Seeger, Notfallseelsorge für Schulen, S. 133 ff.; Helmerichs et al., Psychosoziale Notfallversorgung, S. 138 ff.; Weber & Dreiner, Mittel- und langfristige Nachsorge, S. 165 ff.
- Bründel, H. (2014). Notfall Schülersuizid. Risikofaktoren – Prävention – Intervention. Stuttgart: Kohlhammer. https://doi.org/10.17433/978-3-17-025887-7 – Notfall Schülersuizid*: Überbringung der Nachricht S. 129 ff., Trauerverarbeitung S. 134 ff. (Beerdigung und Vorbereitung der Klasse S. 144), Nachsorge S. 145 ff.
- Wehner, L. (2014). Empathische Trauerarbeit. Vielfalt der professionellen Trauerarbeit in der Praxis. Wien: New York, NY. – Empathische Trauerarbeit*, zur professionellen Begleitung Trauernder.
Verweise auf diese Seite
- Krisenkommunikation (intern und extern) Zettelkasten
- Schülersuizid: Dynamik und Prävention Zettelkasten