Krisenkommunikation (intern und extern)

Fragen, die hierher führen

«Eine Journalistin ruft an und will wissen, was passiert ist» · «Vor dem Schulhaus steht ein Kamerateam» · «Was schreiben wir den Eltern, und wann?» · «Wer darf überhaupt Auskunft geben?» · «Im Elternchat kursieren Gerüchte – reagieren wir?»

In der Krise entsteht ein Vakuum, und es wird gefüllt: von Elternchats, von Jugendlichen mit Handys, von Medien. Wer nicht steuernd eingreift, überlässt anderen die Entscheidung darüber, welche Aspekte des Ereignisses öffentlich werden. Auch ein fachlich gutes Krisenmanagement kann so in einem völlig anderen Licht erscheinen – und im schlimmsten Fall fatale Entwicklungen begünstigen. Kommunikation ist deshalb kein Anhängsel der Krisenbewältigung, sondern ein Teil von ihr.

Die Reihenfolge

Intern vor extern, und innerhalb des Internen von nah nach fern:

  1. Direkt Betroffene und ihre Familien – zuerst, persönlich, nicht per Sammelmail.
  2. Kollegium – bevor die Schülerinnen und Schüler es erfahren. Lehrpersonen, die von ihrer Klasse überrascht werden, verlieren Handlungsfähigkeit.
  3. Schülerinnen und Schüler – klassenweise, durch die eigene Lehrperson, mit abgesprochenem Wortlaut.
  4. Eltern – am selben Tag, schriftlich, sachlich, mit Ansprechstelle und Hilfsangeboten.
  5. Behörde und Schulaufsicht – parallel, nicht nachträglich.
  6. Öffentlichkeit – zuletzt, gebündelt, meist gemeinsam mit Behörde und Polizei.

Die häufigste Verletzung dieser Reihenfolge ist banal: Ein Elternbrief geht raus, bevor das Kollegium informiert ist. Ab dann kommuniziert die Schule reaktiv.

Grundsätze

Der Umgang mit Medien

Der kommerzielle Druck sorgt für einen harten Wettlauf um Fakten und Meinungen; das bringt forderndes, beharrliches Auftreten mit sich, das an die Grenzen von Medienethik und Medienrecht stossen kann. Das Schulhaus als Kulisse liefert dazu emotionale Bilder. Im Ernstfall ist das Medieninteresse deshalb immens – und die Frage ist nicht, ob die Schule vorkommt, sondern wie.

Praktisch:

Was nie in eine Auskunft gehört

Notfallpläne, Alarmierungswege, interne Codewörter, Schutzmassnahmen. Nach einer Amokdrohung nannte der stellvertretende Rektor einer Schweizer Kantonsschule diese Details im Fernsehen; sie sind seither im Netz abrufbar. Solche Angaben fliessen in künftige Tatplanungen ein. Dasselbe gilt für unüberlegte Sätze über die eigene Wehrlosigkeit – sie werden zitiert und wirken weiter.

Der Sonderfall: Nachahmung

Bei zielgerichteter Gewalt und bei Suizid gelten verschärfte Regeln, weil Kommunikation hier nachweislich Verhalten beeinflusst. Für Jugendliche in belasteter Lage kann ein Täter durch die Berichterstattung zum Handlungsmodell werden – als jemand, der Angst verbreitet, sich inszeniert und andere kontrolliert; Macht, Prominenz und Umsetzbarkeit sind die Elemente, die reale Taten von fiktionalen unterscheiden. Deshalb: keine Täterprominenz, keine Handlungsanleitungen, keine Details zu Methode und Ablauf. Bei Suizid kommen die Regeln zum Werther- und Papageno-Effekt hinzu: keine Glorifizierung, keine Methoden- und Ortsangaben, dafür immer der Hinweis auf Hilfsangebote.

Nach der Krise

Kommunikation endet nicht mit der letzten Anfrage. Was bleibt: eine ehrliche Information darüber, was die Schule gelernt hat und was sie ändert; Dank an alle, die getragen haben; und die Auswertung im Kollegium – was hat funktioniert, wo war die Schule zu spät, welche Nummer hat gefehlt. Diese Auswertung ist der einzige verlässliche Weg, wie eine Schule beim nächsten Mal besser dasteht.

Verbindungen

Literatur