Emotion und Lernen
Lange wurde Lernen primär als kognitiver Prozess betrachtet – Emotion galt als «Störfaktor», den man möglichst ausschalten sollte. Berner, Isler und Weidinger setzen einen anderen Akzent: In der Entwicklung von Neugier und Interesse sind Emotionen «ebenso bedeutsam wie Inhalte», und Gefühle können «sowohl die Ursache von Lernprozessen als auch das Ergebnis davon sein» (2021, S. 132). Emotion ist kein Beiwerk des Lernens, sondern Teil davon: Was wir lernen, was wir behalten, wie wir es abrufen können, hängt eng mit dem emotionalen Kontext der Lernsituation zusammen.
Wie Emotion das Lernen beeinflusst
Emotionen wirken auf mehreren Ebenen: Aufmerksamkeit – starke Emotion fokussiert oder zerstreut die Aufmerksamkeit; Gedächtnis – emotional aufgeladene Inhalte werden besser behalten; Verarbeitungstiefe – positive Stimmung begünstigt kreatives, integrierendes Denken, negative Stimmung detailgenaues, analytisches Denken; Transfer – das in einer bestimmten emotionalen Lage Gelernte ist in ähnlicher Lage leichter abrufbar; Wiedereinstieg – wer mit einem Thema negative Emotion verbindet (Angst, Scham), meidet es; wer positive verbindet, sucht es. Diese Ebenen sind lernpsychologisches Grundwissen; Berner et al. belegen zwei Verbindungen: Zur Selbstwirksamkeit – wer guter Stimmung ist und positive Emotionen erlebt, fühlt sich selbstwirksamer, weshalb die Lehrperson «die emotionale Befindlichkeit jedes und jeder Einzelnen im Auge» haben soll (S. 19) –, und zur Neugier: Neugier und Ängstlichkeit sind zwei entgegengerichtete Verhaltenssysteme; neugieriges Verhalten entsteht nur, wenn Risiken klein sind und keine Gefahren wahrgenommen werden – und in der Schule können durchaus Situationen Angst hervorrufen (S. 128).
Lernemotionen im Schulalltag
Die Forschung zu Lern- und Leistungsemotionen (Pekrun, nicht im Korpus) unterscheidet typische Lernemotionen: Freude und Stolz (an gelungenen Aufgaben), Interesse und Neugier (an neuen Inhalten), Angst (vor Prüfungen, vor Misserfolg, vor Blossstellung), Langeweile (bei zu leichten oder sinnlos erscheinenden Aufgaben), Frustration (an zu schweren Aufgaben), Scham (nach öffentlichen Fehlern). Berner et al. bringen die beiden wichtigsten auf eine Formel: «Der grösste Feind der Neugier ist Angst, der bedeutendste Gegenspieler die Langeweile» (S. 132). Sehr neugierige Schülerinnen und Schüler reagieren auf verunsichernde Anreize – neue Aufgaben, unbekannte Fragestellungen, neues Material – sensibler und differenzierter und zeigen meist bessere Leistungen im Problemlösen (ebd.).
Jede dieser Emotionen hat Wirkung auf Lernen – nicht nur die «positiven». Eine moderate Anspannung kann Aufmerksamkeit fokussieren; Angst hingegen blockiert Denken und Erinnerung. Frust kann zur konstruktiven Anstrengung werden – oder zum Aufgeben führen.
Konsequenzen für den Unterricht
Aus diesem Befund folgen mehrere praktische Empfehlungen: Psychologische Sicherheit im Klassenzimmer als Voraussetzung für Lernen – für Berner et al. die zentrale Voraussetzung überhaupt: eine geregelte, ruhige Lernsituation, in der niemand gemobbt wird, alle sich angstfrei bewegen können und Lehrpersonen zwar korrigieren, aber nicht blossstellen (S. 49); moderate Herausforderung (in der Zone der nächsten Entwicklung, nicht permanent über- oder unterfordernd); emotionale Bindung an die Sache (warum ist das wichtig? Was hat das mit uns zu tun?); gute Beziehung zur Lehrperson (vgl. Lehrer-Schüler-Beziehung) – bei Berner et al. ein verlässliches, entspanntes und angstfreies Lehrer-Schüler-Verhältnis (S. 55).
Für Schülerinnen und Schüler mit erhöhter Belastung (Traumata, familiärer Stress, Mobbing-Erfahrungen) ist die emotionale Dimension des Lernens noch zentraler. Lernen gelingt erst, wenn das Nervensystem nicht im Alarmmodus ist – kognitive Forderungen vor emotionaler Stabilisierung sind in solchen Fällen kontraproduktiv.
Verbindungen
- Lernmotivation – Quellen und Dynamik – Emotion ist eine der Quellen der Lernmotivation
- Lehrer-Schüler-Beziehung als Wirkfaktor – Beziehungserfahrungen prägen das emotionale Lernklima
- Resilienz in der Entwicklung – Resilienz ist die emotionale Robustheit, die Lernen unter Belastung ermöglicht
- Traumata und Belastungen – traumatische Erfahrungen blockieren Lernprozesse emotional
- Intrinsische Motivation – Interesse und Freude als Marker intrinsischer Motivation, erlebte Inkompetenz als Weg in Hilflosigkeit und Amotivation
Literatur
- Berner, H., Isler, R. & Weidinger, W. (2021). Einfach gut lernen. Bern: Hep. – Gefühlslagen als Quelle der Selbstwirksamkeit S. 19; sichere Lernsituation S. 49; angstfreies Lehrer-Schüler-Verhältnis S. 55; Neugier und Ängstlichkeit als entgegengerichtete Systeme S. 128; «Die Rolle von Emotionen für die Neugier und das Interesse» S. 132. Druckseite = PDF-Seite − 1.
- Pekrun, R. (2006). The control-value theory of achievement emotions. Educational Psychology Review, 18(4), 315–341. (nicht im Korpus; Systematik der Lern- und Leistungsemotionen)