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Entwicklungsvielfalt nach Jenni

Entwicklungsvielfalt nach Jenni

Oskar Jennis Grundthese stellt die Einheitsnorm vom Kopf auf die Füsse: Kinder gleichen Alters sind sehr verschieden, und jedes einzelne Kind trägt vielfältige Facetten in sich – Entwicklungswissen dient dazu, Kinder «lesen» zu können und die eigenen Erwartungen an ihre individuellen Eigenheiten anzupassen (Jenni 2021, Vorwort). Damit führt der Zürcher Entwicklungspädiater die Linie Remo Largos weiter, dessen Fit-Begriff er ausdrücklich übernimmt: Kinder können sich «nur durch eine Passung mit dem Umfeld» bestmöglich entfalten (Vorwort).

Variabilität als Gesetzmässigkeit – nicht als Störung

Kapitel 1 trägt das Programm im Titel: Variabilität ist der «zentrale Faktor» der kindlichen Entwicklung. Jenni unterscheidet interindividuelle Variabilität (Verschiedenartigkeit zwischen gleichaltrigen Kindern in Ausmass, erstem Auftreten und Abfolge von Merkmalen) und intraindividuelle Variabilität (Unterschiede der Merkmale innerhalb eines Kindes – das «Profil» aus Stärken und Schwächen); Heterogenität/Diversität fassen zusätzlich äussere Dimensionen wie Herkunft und Lebensbedingungen (S. 6). Die Pointe ist normativ: Vielfalt «verdient Anerkennung und Wertschätzung»; Variabilität wird «erst dann zu einem Problem, wenn sie mit Geringschätzung und Ausgrenzung … einhergeht». In der Inklusionsperspektive der Behindertenrechtskonvention gilt: «Normalität wird dabei mit Variabilität gleichgesetzt» (S. 6).

Normbereich statt Punktnorm

Statistische Kennwerte (Mittelwerte, Perzentilen) beschreiben die Streuung – sie taugen aber nicht als Punktnorm für das Einzelkind: Ein unauffälliger Meilenstein schliesst eine leichte Störung nicht aus, und ein spätes Auftreten ist für sich noch keine Pathologie; erst die Art und Weise der Bewegung, nicht nur der Zeitpunkt, ist diagnostisch aussagekräftig (Geh-Alter-Beispiel, S. 11). Fachpersonen brauchen deshalb Grundkenntnisse der Entwicklungsdiagnostik, um den Entwicklungsstand einschätzen und Kinder «weder über- noch unterfordern» zu können (S. 11).

Relatives Alter: die unterschätzte Schul-Variable

Altersklassen vergrössern die ohnehin grosse Variabilität: Im Standweitsprung einer zweijahrgängigen Kindergartengruppe (4–6 Jahre) reicht die Spannbreite von 25 bis 134 cm – ein durchschnittlicher Vierjähriger springt so weit wie ein schwacher Sechsjähriger (S. 17). Das relative Alter führt dazu, dass «die Jüngeren eines Klassenverbandes häufiger als unreif und schwächer wahrgenommen werden als die Älteren» (S. 18) – bis hin zur Häufung von ADHS-Diagnosen bei den jüngsten Geburtsmonaten eines Jahrgangs (Abb., S. 17). Das Fallbeispiel Felicitas zeigt die Stichtags-Härte: Wenige Tage Geburtsdatum entscheiden über ein ganzes Einschulungsjahr (S. 18). Bei Frühgeborenen wird das chronologische Alter deshalb bis zum Schuleintritt korrigiert (S. 18).

Das Fit-Konzept: Passung statt Anpassung

Jenni operationalisiert die Passung über kindliche Grundbedürfnisse, deren Gewicht sich über die Entwicklungsphasen verschiebt (nach Largo): Geborgenheit und Zuwendung, soziale Anerkennung und Akzeptanz, Entwicklung/Leistung und Erfolg (Kap. 5.6, S. 340–341, Abb. 5.25). Ein Fit besteht, wenn die Umwelt – Familie, Kindergarten, Schule – zu den Bedürfnissen und Eigenheiten des Kindes passt; die Bedürfnisse sind dabei «von Kind zu Kind sehr unterschiedlich ausgeprägt» (S. 341). Die Beweislast dreht sich: Nicht das Kind muss zur Norm passen, sondern das Umfeld zur Entwicklung.

Relevanz für die Schulleitung

Verbindungen

Quellennachweis

Jenni, O. (2021). Die kindliche Entwicklung verstehen: Praxiswissen über Phasen und Störungen. Springer. – Programmatik und Largo-Fit: Vorwort; Variabilitäts-Definitionen, Inklusion/BRK («Normalität = Variabilität»): S. 6; Normbereich, Geh-Alter-Beispiel, Entwicklungsdiagnostik: S. 11; Altersklassen/Standweitsprung, ADHS-Geburtsmonat: S. 17; relatives Alter, Fallbeispiel Felicitas, Alterskorrektur Frühgeborene: S. 18; Fit-Konzept und Grundbedürfnisse (nach Largo 2019): S. 340–341 (Kap. 5.6). Seitenzahlen am PDF-Volltext verifiziert (Druckseite = PDF-Seite − 15).

Literatur