Lese-Rechtschreib-Störung (LRS)
Die Lese-Rechtschreib-Störung (LRS, klinisch Legasthenie) ist eine umschriebene Entwicklungsstörung des Schriftspracherwerbs: Lesen und/oder Rechtschreiben liegen deutlich unter dem, was aufgrund von Alter, Beschulung und allgemeiner Begabung zu erwarten wäre – und dies lässt sich nicht hinreichend durch eine Seh- oder Hörbeeinträchtigung, eine neurologische Erkrankung oder mangelnde Beschulung erklären. In der Klassifikation erscheint sie unter den umschriebenen Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten (ICD-10 F81.0 Lese- und Rechtschreibstörung, F81.1 isolierte Rechtschreibstörung; ICD-11 6A03 developmental learning disorder). «Störung» und «Schwäche» werden im Alltag oft synonym gebraucht; fachlich meint die Störung das diagnostisch abgesicherte, persistierende Bild.
Diagnostik
Kern der Diagnostik ist die standardisierte, normierte Erfassung der Lese- und Rechtschreibleistung im Vergleich zur Alters-/Klassennorm. Als zentrale Vorläufer- und Korrelatfertigkeiten gelten die phonologische Bewusstheit und die Benennungsgeschwindigkeit (rapid automatized naming) – beide sind mit Tests wie dem TEPHOBE (Mayer) erfassbar und prognostisch bedeutsam. Methodisch wird der ältere Diskrepanzansatz (Schriftsprache vs. Intelligenz) zunehmend durch ein dimensionales Verständnis und durch Verlaufsdiagnostik ergänzt (Reaktion auf Förderung). Die Abklärung kann schulisch (im Thurgau über die Abteilung Schulpsychologie und Logopädie) oder ärztlich/kinderpsychiatrisch erfolgen – die Wahl des Weges bestimmt auch die Kostenträgerschaft.
Förderung
Wirksame Förderung ist symptomspezifisch, früh und intensiv: lautorientierte (phonics-basierte) Arbeit am Phonem-Graphem-Bezug, regel- und morphembasiertes Rechtschreibtraining sowie systematisches Leseflüssigkeitstraining. Unspezifische «Wahrnehmungstrainings» ohne Schriftsprachbezug gelten als nicht belegt. Vorschulisch ist die Förderung der phonologischen Bewusstheit die wichtigste präventive Stellschraube. Die Förderung ist Teil der schulischen Fördermassnahmen und kann von Logopädie begleitet werden.
Schulische Einordnung und Verzahnung
LRS ist der häufigste Auslöser eines Nachteilsausgleichs in der Volksschule: mehr Zeit, Vorlesen der Aufgabenstellung, technische Hilfsmittel, separates Setting – Anpassungen der Prüfungs*bedingungen*, ohne die Lernziele zu senken. Erst wenn die Schriftsprachziele trotz Förderung und Nachteilsausgleich über längere Zeit deutlich nicht erreicht werden, kommt die Lernzielanpassung in Betracht (mit Zeugnisfolge). Im Thurgau wird LRS amtlich als «schulische Teilleistungsstörung» geführt (Merkblatt des Amts für Volksschule), was den Zugang zu Nachteilsausgleich und Beratung regelt. Diese Stufung – fördern → Bedingungen ausgleichen → erst zuletzt Ziele senken – ist der rote Faden, der LRS mit dem sonderpädagogischen Verfahren verbindet.
Verbindungen
- Nachteilsausgleich (NTA) – LRS ist dessen klassischer Anwendungsfall; die Diagnose begründet den Anspruch
- Lernzielanpassung (Lza) – die nächste Stufe, wenn Förderung und Ausgleich nicht genügen
- Förderansätze in der Schule – der Ort der symptomspezifischen LRS-Förderung im Schulalltag
- Lernziele und Operationalisierung – die Schriftsprachziele, die Förderung und Nachteilsausgleich gerade erhalten wollen
- Von der Auffälligkeit zur Massnahme – das sonderpädagogische Zuweisungsverfahren – der Verfahrensrahmen von Abklärung bis Massnahme
- Glossar Sonderpädagogik und Sonderschulung in der Schweiz – Einordnung von Teilleistungsstörung, Abklärung und Förderbericht
- Kanton Thurgau – führt LRS als «schulische Teilleistungsstörung» mit eigenem Merkblatt
Literatur
- Schulte-Körne, G. & Galuschka, K. (2019). Lese-/Rechtschreibstörung (LRS). Göttingen: Hogrefe. https://doi.org/10.1026/02721-000 – Hauptquelle: Störungsbild, Diagnostik und Förderbedarf
- Mayer, A. (2021). Lese-Rechtschreibstörungen (LRS) (2. Aufl.). Stuttgart: UTB. https://doi.org/10.36198/9783838588032 – Lehrbuch zum Störungsbild
- Mayer, A. (2018). Gezielte Förderung bei Lese- und Rechtschreibstörungen (3., überarb. Aufl.). München: Reinhardt. – Förderansätze
- Mayer, A. (2025). Test zur Erfassung der phonologischen Bewusstheit und der Benennungsgeschwindigkeit (TEPHOBE-R). Manual (6., aktual. Aufl.). München: Reinhardt. – Testmanual TEPHOBE-R zur phonologischen Bewusstheit
- Scheerer-Neumann, G. (2023). Lese-Rechtschreib-Schwäche und Legasthenie. Grundlagen, Diagnostik und Förderung (3. Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer. https://doi.org/10.17433/978-3-17-041445-7 – Grundlagen, Diagnostik und Förderung
- Klicpera, C., Schabmann, A., Gasteiger-Klicpera, B. & Schmidt, B. (2020). Legasthenie - LRS. Modelle, Diagnose, Therapie und Förderung. Mit 100 Übungsfragen (6., aktual. Aufl.). München: Reinhardt. https://doi.org/10.36198/9783838554822 – Standardwerk zur Legasthenie
- Mann, C., Oberländer, H. & Scheid, C. (2020). LRS Legasthenie. Prävention und Therapie. Ein Handbuch (2., neu ausgestattete Aufl). Weinheim: Beltz. – Prävention und Therapie
- Amt für Volksschule Thurgau (2025). Merkmale und Auswirkungen von schulischen Teilleistungsstörungen auf das schulische Lernen. Kanton Thurgau. https://av.tg.ch/public/upload/assets/180360/Merkblatt_Schulische-Teilleistungsstoerungen_2025.pdf – Merkblatt Schulische Teilleistungsstörungen; schulischer Bezug, vgl.
Verweise auf diese Seite
- Förderansätze in der Schule Zettelkasten
- Nachteilsausgleich (NTA) Zettelkasten