Das Zeitbudget der Kindheit: Was der Schule gehört, was den Eltern und was dem Umfeld
Eine Kindheit dauert etwa 157'800 Stunden. Wie viel dieser Zeit gehört der Schule? Wie viel den Eltern? Wie viel Peers, dem Verein, dem Bildschirm? Das Ergebnis überrascht in beide Richtungen: Über die ganzen achtzehn Jahre haben die Eltern etwa dreimal so viel Zeit wie der Unterricht, in den Schuljahren selbst sind beide ungefähr gleichauf. Der grösste Block aber gehört weder den einen noch den anderen.
Die Setzungen
Gerechnet wird von der Geburt bis zur Volljährigkeit: 18 Jahre, gut 6570 Tage, rund 157'800 Stunden. Davon geht zuerst der Schlaf ab – von 14 Stunden beim Säugling bis 8,5 Stunden bei der Jugendlichen –, das sind rund 67'000 Stunden. Es bleiben rund 90'000 Wachstunden. Das ist der ganze Kuchen.
«Zeit mit den Eltern» meint hier zugewandte Zeit: reden, essen, spielen, vorlesen, streiten, gemeinsam unterwegs sein. Nicht gezählt sind der Schlaf, die Zeit bei Freundinnen und im Verein und die Stunden, in denen das Kind zu Hause ist, während die Eltern es nicht sind.
Die Schule lässt sich genau rechnen
Diese Zahlen sind hart, weil die EDK sie jährlich erhebt. Die Schulpflicht dauert elf Jahre, und bei ihrem Beginn sind die Kinder in der Regel vier Jahre alt. Die Wochenlektionen steigen von 12 bis 25 im ersten Jahr über 24 bis 28 im dritten und vierten und 28 bis 32 vom fünften bis achten auf 31 bis 35 in den Jahren neun bis elf. Eine Lektion dauert in der grossen Mehrheit der Kantone 45 Minuten, das Schuljahr zählt 38 bis 39 Schulwochen.
Mit den Mittelwerten gerechnet ergibt das rund 12'000 Lektionen, also rund 9000 Stunden reinen Unterricht. Rechnet man Pausen, Schulweg und Hausaufgaben dazu, beansprucht die obligatorische Schule etwa 12'000 Stunden – dieser Zuschlag ist geschätzt, die 9000 sind es nicht.
Die Eltern muss man schätzen
Für «in Kontakt sein» gibt es keine Statistik. Darum zwei Spalten: knapp gerechnet nur die zugewandte Zeit, grosszügig gerechnet jede Stunde im selben Raum.
| Alter | Jahre | knapp | grosszügig | knapp gesamt | grosszügig gesamt |
|---|---|---|---|---|---|
| 0–4 | 4 | 5 h/Tag | 8 h/Tag | 7300 | 11'700 |
| 4–6 (Kindergarten) | 2 | 4 h/Tag | 6,5 h/Tag | 2900 | 4700 |
| 6–12 (Primarstufe) | 6 | 3 h/Tag | 5 h/Tag | 6600 | 11'000 |
| 12–15 (Sekundarstufe I) | 3 | 2 h/Tag | 3,5 h/Tag | 2200 | 3800 |
| 15–18 (Sekundarstufe II) | 3 | 1,5 h/Tag | 2,5 h/Tag | 1600 | 2700 |
| Total | 18 | 20'600 | 34'000 |
Als Faustzahl also rund 27'000 Stunden. Die Grössenordnung hält einer Gegenprobe stand: Nach der Arbeitskräfteerhebung 2016 wenden Mütter in Paarhaushalten mit jüngstem Kind unter 15 Jahren 21,5 Stunden pro Woche für Kinderbetreuung auf, Väter 13,8 Stunden. Zusammen sind das 35,3 Stunden pro Woche, über fünfzehn Jahre rund 27'500 Stunden. Zwei Vorbehalte: Die Zahl gilt für den Haushalt und alle Kinder darin, und sie zählt Betreuung als Arbeit, nicht als gemeinsame Zeit. Sie landet deshalb am oberen Rand der Schätzung, nicht in ihrer Mitte.
Vier Befunde
Über die ganze Kindheit gewinnen die Eltern dreifach. 27'000 zu 9000 Stunden. Wer sagt, die Schule erziehe die Kinder, rechnet falsch.
In den Schuljahren ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Zwischen 6 und 15 kommen die Eltern auf rund 11'800 Stunden, der Unterricht auf rund 7800. Rechnet man der Schule zu, was sie tatsächlich beansprucht, sind es gut 10'000 und damit praktisch dasselbe. Dazu kommt die Tageslage: Die Schule bekommt die frischen Stunden am Morgen, die Eltern den müden Rest am Abend – Einordnung, keine Messung.
Der grösste Block gehört niemandem. Von den 90'000 Wachstunden entfallen rund 30 Prozent auf die Eltern und rund 10 Prozent auf den Unterricht, mit Pausen, Weg und Hausaufgaben gut 13. Die übrigen knapp 60 Prozent gehören der familienergänzenden Betreuung, den Freundschaften, den Geschwistern, dem Verein, dem Bildschirm und dem Alleinsein. Wie sie sich verteilen, weiss diese Rechnung nicht – der grösste Teil der Kindheit ist der am wenigsten vermessene.
Eine Klassenlehrperson ist zeitlich ein Vater. Mit 24 Lektionen in der eigenen Klasse kommt sie auf rund 690 Stunden pro Schuljahr mit einem Kind; ein Vater kommt nach derselben Erhebung auf rund 720 Stunden im Jahr. Der Unterschied liegt nicht in der Menge, sondern im Teiler: Die Vaterstunden gehören einem Kind oder zweien, die Stunden der Klassenlehrperson gehören rund neunzehn – so gross ist die durchschnittliche Primarklasse (19,2). Wer daraus ableitet, die Schule könne die Familie ersetzen, hat den Teiler übersehen. Wer daraus ableitet, die Schule sei nebensächlich, hat die Menge übersehen.
Was die Rechnung nicht kann
Der grösste Hebel ist die Definition von Kontakt: Zwischen knapp und grosszügig liegt der Faktor 1,65. Wer das Abendessen mitzählt, bei dem alle aufs Telefon schauen, kommt auf ein anderes Ergebnis als wer es weglässt. Die 24 Lektionen sind viel Präsenz in der eigenen Klasse; auf der Sekundarstufe liegt der Wert deutlich tiefer. Ab 15 spaltet sich der Weg: Am Gymnasium bleibt die Schule bei 30 bis 35 Lektionen, in einer Lehre fallen drei bis vier Tage in den Betrieb, womit ein dritter Erziehungsakteur dazukommt, den niemand so nennt. Und leben die Eltern getrennt, verteilen sich dieselben Stunden auf zwei Haushalte und schrumpfen dabei meistens. Als Milchbüchleinrechnung taugt sie trotzdem: Die Grössenordnungen stimmen, und sie stimmen anders, als man vermutet.
Verbindungen
- Tagesstrukturen – greifen genau in den grössten und am wenigsten gestalteten Block hinein
- Blockzeiten – legen fest, welcher Teil des Vormittags der Schule gehört
- Klassenbildung – liefert den Teiler: 19,2 Kinder pro Primarklasse
- Ganztagsschulen und Betreuung – verschiebt Stunden von den Eltern zur Institution
- Elternrechte und Elternpflichten – warum das Gesetz die Eltern in der Pflicht lässt
- Der Elternabend – die drei Zahlen als Einstieg, wenn Eltern der Schule die Erziehung überlassen
- Mediennutzung Jugendlicher – Hinweise darauf, wer sich den Rest der Wachzeit teilt
- Gleichaltrige und Peer-Beziehungen – der zweite Anwärter auf denselben Block
Literatur
- Wolter, S. C., Albiez, J., Cattaneo, M. A., Denzler, S., Diem, A., Lüthi, S., Oggenfuss, C. & Schnorf, R. (2026). Bildungsbericht Schweiz 2026. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung [SKBF]. – durchschnittliche Klassengrösse 2023/24 (Primarstufe 19,2)
- Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren [EDK]. (2025). Kantonsumfrage 2024/25: A 2 Unterrichtsdauer. Abgerufen am 18. September 2026 von https://edk.ch/de/bildungssystem/kantonale-schulorganisation/kantonsumfrage/a-2-unterrichtsdauer (nicht im Zotero-Korpus)
- Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren [EDK]. (o. J.). Schule und Bildung in der Schweiz. Abgerufen am 18. September 2026 von https://www.edk.ch/de/bildungssystem/beschreibung (nicht im Zotero-Korpus)
- Bundesamt für Statistik [BFS]. (2017, 11. Juli). Männer legen bei Haus- und Familienarbeit zu – Frauen bei bezahlter Arbeit. Unbezahlte Arbeit 2016 [Medienmitteilung]. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb/unbezahlte-arbeit.assetdetail.2967878.html (nicht im Zotero-Korpus)
Verweise auf diese Seite
- Blockzeiten im Schweizer Bildungssystem Zettelkasten
- Der Elternabend Zettelkasten
- Elternrechte und Elternpflichten: Information, Mitwirkung und Verantwortung der Eltern im Kanton Zürich Zettelkasten
- Klassenbildung in der Volksschule Zettelkasten
- Mediennutzung Jugendlicher – JAMES-Befunde Zettelkasten
- Tagesstrukturen Zettelkasten