Begabungs- und Begabtenförderung (BBF)
«Begabungs- und Begabtenförderung» ist im Schweizer Schuldiskurs und im Lehrplan 21 der integrative Standardbegriff für die Förderung von Potenzial und Leistungsstärke. Der Doppelbegriff ist kein Pleonasmus, sondern verbindet bewusst zwei Pole – und markiert damit den positiven Pol des Förderns: Hier geht es nicht um den Ausgleich eines Defizits, sondern um die Entfaltung von Potenzial.
Zwei Pole, ein Begriff
- Begabungsförderung meint die Entfaltung der Begabungspotenziale aller Kinder – eine Haltung und Aufgabe des Regelunterrichts (anspruchsvolle, offene Aufgaben, innere Differenzierung in der heterogenen Klasse).
- Begabtenförderung meint die gezielte Förderung von Kindern mit ausgewiesen hoher Begabung (Hochbegabung) – eine zusätzliche, oft einzeln gesteuerte Massnahme.
Der zusammengesetzte Begriff hält beide zusammen: kein Potenzial soll übersehen werden (der inklusive Anspruch), und die besonders Leistungsfähigen sollen nicht vergessen gehen (der spezifische Anspruch). Im gestuften Fördermodell liegt die Begabungsförderung damit auf Stufe 1 (guter Unterricht für alle), die Begabtenförderung auf Stufe 2 (gezielte einfache Massnahme; vgl. Unterstützungssystem und Glossar).
Die zwei Massnahmenstränge: Akzeleration und Enrichment
Die Begabtenförderung kennt zwei klassische Wege:
- Akzeleration (Beschleunigung) – das Kind durchläuft den Stoff schneller: vorzeitige Einschulung, Überspringen einer Klasse, fachweise Teilakzeleration, «Compacting».
- Enrichment (Anreicherung) – das Kind geht in die Tiefe statt nach vorn: vertiefende Projekte, Wettbewerbe, Mentorate, das Drehtürmodell oder Pull-out-Angebote.
Beide sind keine Gegensätze, sondern werden je nach Kind und Fach kombiniert.
Begabung ist nicht gleich Leistung
Eine hohe Begabung schlägt sich nicht automatisch in guten Noten nieder. Das macht die Diagnostik von Begabung und Motivation wichtig und erklärt das Phänomen des Underachievers – hohe Begabung bei schwacher Leistung (Leistungsmotivation und Underachievement). Motivation ist dabei so zentral wie die kognitive Begabung selbst (Lehwald 2017). Die übliche Konvention für Hochbegabung (IQ über 130) erfasst denn auch nur einen Ausschnitt dessen, was BBF adressiert.
Förderung, nicht Elite
BBF ist von der Eliteförderung abzugrenzen (Begabung vs. Eliteförderung): Sie zielt nicht auf die Reproduktion privilegierter Gruppen, sondern ist Teil der Chancengerechtigkeit – Begabungen finden sich in allen sozialen Schichten, und gerade Underachiever oder Kinder aus bildungsfernen Familien profitieren. Damit fügt sich BBF in den inklusiven Anspruch ein, jedes Kind seinem Potenzial entsprechend zu fördern (vgl. Integration und Inklusion).
Lehrplan 21 und kantonale Verankerung
Der Lehrplan 21 verpflichtet zur Förderung aller Schülerinnen und Schüler, ausdrücklich auch der leistungsstarken, und liefert damit die curriculare Grundlage der Begabungsförderung. Die Begabtenförderung ist hingegen kantonal unterschiedlich organisiert: teils als Teil der sonderpädagogischen Massnahmen, teils als separates Angebot mit eigenen Pools, Beauftragten oder regionalen Kursen. Die feinkörnige kantonale Auflösung steht im Glossar und im Unterstützungssystem. Auf der Ebene der Schulentwicklung beschreibt Miceli (2023) BBF als Aufgabe der ganzen Schule, nicht einzelner Spezialangebote.
Für die Schulleitung
Die Leitungsaufgabe ist doppelt: ein BBF-Konzept verankern und eine Haltung des Potenzialblicks im Kollegium pflegen (Begabungen sehen, nicht nur Defizite). Konkret entscheidet die Schulleitung über Akzelerationen (etwa das Überspringen), steuert Enrichment-Ressourcen und trägt die Elternberatung bei Hochbegabung mit. Interview-tauglich: Begabungsförderung ist für mich kein Eliteprojekt, sondern Chancengerechtigkeit – ich will jedes Kind seinem Potenzial entsprechend fordern, vom Underachiever bis zur Hochbegabten.
Verbindungen
- Akzeleration – der erste Massnahmenstrang (Beschleunigung), hier begrifflich verortet
- Enrichment-Modelle / Drehtürmodell: Wer den Unterricht verlässt, was hinter der Tür geschieht und warum die Auswahl darüber entscheidet – der zweite Strang (Anreicherung) und sein bekanntestes Format
- Diagnostik von Begabung und Motivation – wie Begabung erkannt wird, da sie nicht mit Leistung gleichzusetzen ist
- Leistungsmotivation und Underachievement – der Underachiever als Kernfall der BBF
- Begabung vs. Eliteförderung – die Wertfrage: Chancengerechtigkeit statt Eliteförderung
- Entwicklungsfenster der Begabung – die entwicklungspsychologische Zeitdimension der Begabungsförderung
- Elternberatung bei Hochbegabung – die Elternarbeit, die zur Begabtenförderung gehört
- Förderansätze in der Schule – das übergeordnete Stufenmodell; BBF ist dessen positiver Pol (Stufe 1 + 2)
- Das Unterstützungssystem der Volksschule – wer macht was / Glossar Sonderpädagogik und Sonderschulung in der Schweiz – Einordnung als einfache Massnahme und kantonale Begriffe
- Integration und Inklusion – Begriffsklärung – BBF als Teil des inklusiven Förderanspruchs
- Inklusive Didaktik: innere Differenzierung – Begabungsförderung für alle als didaktische Basis
- Intrinsische Motivation – die Theorie hinter Neugier und Wissbegier: optimale Herausforderung, Wahl und informierende Rückmeldung nähren, Belohnung und Bewertung untergraben
- Urlaub und Jokertage – Förderbedarf besonderer Begabungen als Dispensationsgrund (ZH) und die Thurgauer Absenzen für Förderprogramme (§ 37 Abs. 3 VSV)
- Schullaufbahnentscheide – § 38 VSV: das Überspringen einer Klasse auf der Primar- und Sekundarstufe aufgrund von Leistung und Entwicklungsstand
- Verordnung über die sonderpädagogischen Massnahmen (VSM) – § 2 Abs. 2: ausgeprägte Begabung als besonderes pädagogisches Bedürfnis; § 5: Angebote über die Verordnung hinaus auf Kosten der Gemeinde
Literatur
- Miceli, N. (Hrsg.) (2023). Praxisbuch Begabungsfördernde Schulentwicklung. Weinheim: Beltz. – . Praxisbuch Begabungsfördernde Schulentwicklung. – BBF als Schulentwicklungsaufgabe (BBF als Aufgabe der «ganzen Schule»: ca. S. 53 / PDF-S. 54).
- Weigand, G., Fischer, C., Käpnick, F., Perleth, C., Preckel, F., Vock, M. & Wollersheim, H. W. (Hrsg.) (2020). Leistung macht Schule. Förderung leistungsstarker und potenziell besonders leistungsfähiger Schülerinnen und Schüler. Weinheim: Beltz. – . Leistung macht Schule. Förderung leistungsstarker und potenziell besonders leistungsfähiger Schülerinnen und Schüler. – Förderung der Leistungsstarken (Akzeleration gedr. S. 79, Begabtenförderung gedr. S. 17; Druckseite = PDF-Seite − 1, zwei Treffer).
- Steinheider, P. (2014). Was Schulen für ihre guten Schülerinnen und Schüler tun können. Hochbegabtenförderung als Schulentwicklungsaufgabe. Wiesbaden: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-658-04002-4 – . Was Schulen für ihre guten Schülerinnen und Schüler tun können. – schulische Begabtenförderung.
- Fischer, C. & Rott, D. (2014). Individuelle Förderung als schulische Herausforderung. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung. – . Individuelle Förderung als schulische Herausforderung. – Förderung als individualisierte Aufgabe.
- Lehwald, G. (2017). Motivation trifft Begabung. Bern: Hogrefe. https://doi.org/10.1024/85588-000 – . Motivation trifft Begabung. – Zusammenspiel Motivation/Begabung, Underachievement (Underachiever/Minderleister: ca. S. 32 / PDF-S. 34).
Verweise auf diese Seite
- Drehtürmodell: Wer den Unterricht verlässt, was hinter der Tür geschieht und warum die Auswahl darüber entscheidet Zettelkasten
- Förderansätze in der Schule Zettelkasten
- Inklusive Didaktik: innere Differenzierung Zettelkasten
- Intrinsische Motivation: Was das Interesse untergräbt, und was es nährt Zettelkasten
- Schullaufbahnentscheide: Promotion, Repetition, Übertritt und Wechsel im Kanton Zürich Zettelkasten
- Urlaub und Jokertage Zettelkasten
- Verordnung über die sonderpädagogischen Massnahmen (VSM): Angebote, Pensen und Verfahren der Zürcher Sonderpädagogik Zettelkasten