Christensens Prognose und was daraus wurde

In Disrupting Class steht eine der meistzitierten Vorhersagen der Bildungstechnologie: Bis 2019 werde die Hälfte aller High-School-Kurse in den USA online unterrichtet. Der Beitrag rekonstruiert die Prognose, hält sie an die Zahlen und lässt die Autoren selbst bilanzieren. Die Theorie dahinter steht in Disruptive Innovation nach Christensen.

Die Prognose

Christensen, Horn und Johnson leiten sie aus einer Substitutionskurve ab: Trägt man den Anteil des Neuen geteilt durch den Anteil des Alten logarithmisch über der Zeit ab, «the data always fall on a straight line», und «the line is always straight if a disruption is occurring» – so lasse sich schon bei zwei bis drei Prozent Marktanteil ablesen, wann 25, 50 und 90 Prozent erreicht sind (2011, S. 98). Die Datenbasis: 45'000 Einschreibungen in Online- oder Blended-Kurse im Herbst 2000, eine Million im Herbst 2007 – rund ein Prozent aller Kurse. Daraus: «by 2019, about 50 percent of high school courses will be delivered online» (S. 98). Der Kipppunkt komme «in about 2012», danach wachse der Anteil in sechs Jahren «from 5 percent to 50 percent» (S. 100); um 2014 stehe er bei 25 Prozent (S. 143); zehn Jahre nach Erscheinen entfielen 50 Prozent der «seat miles» auf schülerzentriertes Online-Lernen, und «about 80 percent of courses taken in 2024 will have been taught online in a student-centric way» (S. 102). Vier Treiber sollen das leisten: bessere Software, wählbare Lernpfade, ein Lehrpersonenmangel und sinkende Kosten (S. 100–102).

Zwei Vorbehalte stehen im Buch selbst. Ein Blended-Kurs zählt bereits ab 30 Prozent Online-Anteil (S. 115 f.), und die erweiterte Ausgabe von 2011 hat die Kurve bewusst nicht neu berechnet, «because the data remain uncertain, even though they all point toward rapid growth» (S. 116). Wichtiger noch: Die Prognose ist zweistufig. Zuerst wandern Kurse ins Netz, dann werde daraus schülerzentriertes Lernen, das den Unterricht verändert – und erst das war der Punkt des Buchs.

Was gemessen wurde und was nicht

Den Anteil der Online-Kurse hat niemand erhoben – Thomas Arnett vom Christensen Institute räumte 2020 ein: «Though data for checking this prediction have not been collected» (Arnett 2020). Was es gibt, sind Näherungen.

Drei Deutungen

John Watson von der Digital Learning Collaborative urteilte 2019: «Disrupting Class incorrectly predicted that the innovators would take over, while correctly predicting that traditional school districts would not innovate so quickly» (Watson 2019). Arnett sieht den Fehler an der Stelle, die das Buch selbst benannt hatte: «Online learning has been crammed on top of existing instructional models — just as Christensen, Horn and Johnson warned — leaving conventional classroom instruction largely intact» (Arnett 2020); Fabriken hätten nach der Elektrifizierung drei Jahrzehnte gebraucht, bis sie ihre Anordnung änderten und produktiver wurden.

Horn selbst zählt Blended Learning mit und hält die erste Stufe für «pretty close» (Horn 2026). Die zweite räumt er ab: «Where I think we fall off the wagon is we wanted it to get to the student-centered learning», stattdessen sei das Online-Lernen «overwhelmed and sucked into the traditional system» worden, das Nachholen von Credits «synonymous with like a scam market». Dieselbe Kurve, auf den Hausunterricht angewandt, «flattened out at around 10% of families». Heute würde er das Buch Disrupting Schools nennen: Erst Bildungssparkonten und Kleinstschulen schüfen den Nichtkonsum, den es 2008 nicht gab.

Für die Schulleitung

Die folgende Einordnung ist meine eigene.

Die Prognose scheiterte nicht an der Theorie, sondern an ihrer eigenen Bedingung: Eine Disruption braucht Nichtkonsumenten und eine autonome Einheit, und das Buch sagt auf S. 60 f. selbst, dass die öffentliche Schule beides nicht hat – und rechnet die Kurve trotzdem durch. Eine Substitutionskurve misst Verbreitung, nicht Veränderung; sie sieht nicht, ob das Neue den Unterricht ändert oder nur daneben liegt. Bestätigt hat sich der unspektakuläre Teil, die Cramming-Warnung, von den Kritikern wie von den Autoren.

Wer eine Digitalstrategie mit einer Kurve begründet, begründet also Verbreitung, nicht Wirkung. Die Frage, die weiterführt, lautet nicht «wann kippt es», sondern «wo ist bei uns die Alternative nichts» – und ob es einen Schonraum gibt, in dem eine Neuerung reifen darf, bevor sie in den Regelbetrieb gestopft wird. Dass solche Vorbehalte älter sind als die Prognose, zeigt Bandura 1997 (Leitmedienwechsel, Abschnitt «Die Prognose von 1997»).

Verbindungen

Literatur