Albert Bandura
Kanadischer Psychologe an der Stanford University, 1925–2021, Entwickler der sozial-kognitiven Lerntheorie, prägte den Begriff der Selbstwirksamkeitserwartung (engl. self-efficacy), bekannt für das Bobo-Doll-Experiment zum Modelllernen.
Wer in einer Sitzung «Bandura» sagt, meint fast immer Selbstwirksamkeit – und in einer Schulleitungsrunde meist im Führungssinn: Wie kommen Lehrpersonen und Kollegien zum Zutrauen, ihre Arbeit bewältigen zu können?
Wofür der Name steht
Selbstwirksamkeit – die Überzeugung, eine bestimmte Aufgabe aus eigener Kraft bewältigen zu können; bei Bandura «beliefs in one’s capabilities to organize and execute the courses of action required to produce given attainments» (1997, S. 3). Das ist nicht Selbstvertrauen im Allgemeinen, sondern aufgaben- und situationsbezogen. Der wirkmächtigste Teil der Theorie ist die Rangordnung der vier Quellen: eigene Bewältigungserfahrung, stellvertretende Erfahrung am Modell, verbale Überzeugung, körperlich-emotionale Verfassung – und die erste ist die stärkste (Kap. 3, S. 79 ff.). Wer «Bandura» sagt, meint deshalb oft diese Rangfolge: Zutrauen entsteht aus Gelingen, nicht aus Zuspruch. → Selbstwirksamkeit
Kollektive Wirksamkeit – die geteilte Überzeugung einer Gruppe, gemeinsam etwas bewirken zu können (Kap. 11, S. 477). In der Schule heisst das Collective Teacher Efficacy und steht in Hatties Rangliste der Wirkfaktoren ganz oben. Bandura hat das Konzept begründet und bereits Schulbefunde dazu versammelt (Kap. 6, S. 240–243); die schulspezifische Forschung stammt aber von anderen (siehe unten). → Kollektive Lehrer-Wirksamkeit
Modelllernen – Lernen durch Beobachtung, die Wurzel seiner Laufbahn und der Grund, weshalb der Name in jedem Psychologie-Lehrbuch steht. Hier fällt er in dieser Bedeutung selten: als theoretische Verankerung der kollegialen Beratung bei Tietze und, unauffälliger, als zweite Quelle der Selbstwirksamkeit. → Supervision und Intervision
Wie der Name hier fällt
Rund zwei Dutzend Beiträge nennen Bandura, fast alle im Bereich Schulleitung, dazu die Brücke in die Psychomotorik. Drei Verwendungen:
- Als Kernkonzept: Selbstwirksamkeit und kollektive Wirksamkeit, mit ihren Quellen und Stolpersteinen.
- Als theoretische Deckung eines Führungsverständnisses: Führung heisst, Erfahrungen des Gelingens zu organisieren. Der Leitspruch der vier Bewegungen liest sich als Operationalisierung der vier Quellen; das Mitarbeitergespräch arbeitet mit der verbalen Überzeugung; die Servant-Haltung verbindet Greenleafs Loslassen mit der Selbstzuschreibung des Erfolgs; der dritte Weg bei Regelverstössen und die Erziehungsstile nach Baumrind setzen Sicherheit und Vorhersagbarkeit als Bedingung der Bewältigungserfahrung; bei Baers hochbelasteten Kindern wird derselbe Mechanismus zum Weg für die Verletzlichsten. Auch die Selbstführung der Schulleitung hängt daran: Wer sich nicht wirksam erlebt, kann andere nicht darin stärken.
- Als Brücke zur Psychomotorik: Der gelingende Bewegungserfolg ist eine Bewältigungserfahrung im Sinne der ersten Quelle. → Selbstwirksamkeit in der Psychomotorik
Was nicht von Bandura stammt. Die schulspezifische Forschung zur kollektiven Lehrer-Wirksamkeit (Goddard, Hoy und Tschannen-Moran) und ihre Effektstärke (Hattie) sind eine eigene Linie; die Übertragung auf Schulleitungen – leader self-efficacy – stammt von Leithwood und Jantzi. Und das Missverständnis «glaub einfach an dich» ist das Gegenteil seiner Theorie: Selbstwirksamkeit speist sich aus realen Bewältigungserfahrungen, nicht aus positivem Denken.
Was im Korpus liegt. Nur Self-Efficacy: The Exercise of Control (1997), als Volltext. Nicht im Korpus: der Aufsatz von 1977 im Psychological Review, Social Learning Theory (1977), Social Foundations of Thought and Action (1986) und die Bobo-Doll-Studien der frühen 1960er-Jahre – alles, was hier zum Modelllernen steht, stützt sich auf Sekundärliteratur.
In der Liste Hundert Bücher für Schulleitungen steht Self-Efficacy auf Rang 1 – gesetzt, nicht errechnet.
Verbindungen
- Selbstwirksamkeit – der Beitrag zum Kernbegriff, seitengepinnt am Volltext; dort die vier Quellen als Tabelle und die Stolpersteine.
- Kollektive Lehrer-Wirksamkeit – Banduras Definition und Schulbefunde, Hatties Effektstärke, die Quellen-Trennung zwischen Bandura und der Schulforschung.
- Vier Bewegungen der Führung – jede Bewegung schafft die Bedingung für eine der vier Quellen; der Leitspruch als operationalisierte Selbstwirksamkeitsförderung.
- Servant-Haltung und Instructional-Praxis – Greenleafs Loslassen und Banduras Selbstzuschreibung als zwei Seiten desselben Mechanismus.
- Mitarbeitergespräch als Führungsinstrument – die dritte Quelle, verbale Überzeugung, als Hebel des Gesprächs.
- Selbstführung der Schulleitung – Selbstwirksamkeit als psychologische Tiefenschicht der Resilienz, die Dubs fordert.
- Selbstwirksamkeit in der Psychomotorik – Bewegungserfolg als Bewältigungserfahrung, Möllers als Brückenliteratur.
- Supervision und Intervision – Modelllernen als eine der theoretischen Verankerungen kollegialer Beratung bei Tietze.
- Hundert Bücher für Schulleitungen – Rang 1.
Literatur
- Bandura, A. (1997). Self-Efficacy. The Exercise of Control. New York: Freeman. — Definition S. 3; vier Quellen Kap. 3, S. 79–116, Bewältigungserfahrung als stärkste Quelle S. 80; kollektive Wirksamkeit Kap. 11, S. 477; Schulbefunde Kap. 6, S. 240–243. Einziges Werk Banduras im Korpus.
- Hattie, J. (2023). Visible Learning: The Sequel. A Synthesis of Over 2,100 Meta-Analyses Relating to Achievement. London: Routledge. https://doi.org/10.4324/9781003380542 — kollektive Lehrer-Wirksamkeit als Wirkfaktor, S. 227–229.
- Franzen, K. (2021). Quellen der Selbstwirksamkeitsüberzeugung von Grundschullehrkräften im Kontext inklusiver Erziehung und Bildung. Wiesbaden: Springer. — empirische Feinauflösung der vier Quellen bei Grundschullehrkräften im inklusiven Kontext.
- Leithwood, K. & Jantzi, D. (2008). Linking Leadership to Student Learning. The Contributions of Leader Efficacy. Educational Administration Quarterly, 44(4), 496–528. https://doi.org/10.1177/0013161X08321501 — Übertragung auf Schulleitungen: Leader Self-Efficacy und Leader Collective Efficacy.
- Tietze, K. O. (2010). Wirkprozesse und personenbezogene Wirkungen von kollegialer Beratung. Theoretische Entwürfe und empirische Forschung. Wiesbaden: VS. https://doi.org/10.1007/978-3-531-92155-6 — Modelllernen als theoretische Verankerung der kollegialen Beratung.
Verweise auf diese Seite
- Der dritte Weg bei Regelverstössen Zettelkasten
- Die 4 Bewegungen schulischer Führung Zettelkasten
- Erziehungsstile nach Baumrind Zettelkasten
- Feedback-Kultur an der Schule Zettelkasten
- Fünf Kräfte erfolgreicher Leadership (Dubs) Zettelkasten
- Hochbelastete Kinder nach Baer Zettelkasten
- Inklusive Didaktik: innere Differenzierung Zettelkasten
- Instructional Leadership nach Hallinger und Hattie Zettelkasten
- Kollektive Lehrer-Wirksamkeit (CTE) Zettelkasten
- Mitarbeitergespräch als Führungsinstrument Zettelkasten
- Psychomotoriktherapie – Bewegung als Entwicklungsmedium Zettelkasten
- Psychomotorische Trias: Wahrnehmen – Bewegen – Erleben Zettelkasten
- Ressourcen- und Kompetenzorientierung in der Psychomotorik Zettelkasten
- Selbstführung der Schulleitung Zettelkasten
- Selbstführung in der pädagogischen Profession Zettelkasten
- Selbstwirksamkeit in der Psychomotorik Zettelkasten
- Selbstwirksamkeitserwartung (Bandura) Zettelkasten
- Servant-Haltung und Instructional-Praxis – die Doppel-Architektur Zettelkasten
- Supervision und Intervision Zettelkasten
- Transformational vs. Servant Leadership im Schulkontext Zettelkasten