Albert Bandura

Kanadischer Psychologe an der Stanford University, 1925–2021, Entwickler der sozial-kognitiven Lerntheorie, prägte den Begriff der Selbstwirksamkeitserwartung (engl. self-efficacy), bekannt für das Bobo-Doll-Experiment zum Modelllernen.

Wer in einer Sitzung «Bandura» sagt, meint fast immer Selbstwirksamkeit – und in einer Schulleitungsrunde meist im Führungssinn: Wie kommen Lehrpersonen und Kollegien zum Zutrauen, ihre Arbeit bewältigen zu können?

Wofür der Name steht

Selbstwirksamkeit – die Überzeugung, eine bestimmte Aufgabe aus eigener Kraft bewältigen zu können; bei Bandura «beliefs in one’s capabilities to organize and execute the courses of action required to produce given attainments» (1997, S. 3); eingeführt hat er den Begriff 1977 als Kern einer Theorie der Verhaltensänderung, aus der Phobietherapie heraus (1977, S. 191). Das ist nicht Selbstvertrauen im Allgemeinen, sondern aufgaben- und situationsbezogen. Der wirkmächtigste Teil der Theorie ist die Rangordnung der vier Quellen: eigene Bewältigungserfahrung, stellvertretende Erfahrung am Modell, verbale Überzeugung, körperlich-emotionale Verfassung – und die erste ist die stärkste (Kap. 3, S. 79 ff.). Wer «Bandura» sagt, meint deshalb oft diese Rangfolge: Zutrauen entsteht aus Gelingen, nicht aus Zuspruch. → Selbstwirksamkeit

Kollektive Wirksamkeit – die geteilte Überzeugung einer Gruppe, gemeinsam etwas bewirken zu können (Kap. 11, S. 477). In der Schule heisst das Collective Teacher Efficacy und steht in Hatties Rangliste der Wirkfaktoren ganz oben. Bandura hat das Konzept begründet und bereits Schulbefunde dazu versammelt (Kap. 6, S. 240–243); die schulspezifische Forschung stammt aber von anderen (siehe unten). → Kollektive Lehrer-Wirksamkeit

Human Agency – die Handlungsfähigkeit selbst, deren Fundament die Selbstwirksamkeit ist: vier Kernmerkmale (Absicht, Vorausschau, Selbstreaktivität, Selbstreflexivität) und drei Modi – persönlich, stellvertretend, kollektiv (2001, S. 6–10 und 13 f.). Die stellvertretende Form, die Proxy-Agency, ist die Figur für eine Schulleitung, die im Auftrag des Kollegiums gegenüber der Behörde handelt und umgekehrt; hier fällt der Name in dieser Bedeutung erst seit September 2026. → Human Agency nach Bandura

Moralische Entkopplung – die selektive Abkopplung der moralischen Selbstsanktionen vom eigenen schädigenden Handeln: acht Mechanismen an vier Orten – Rechtfertigung, beschönigende Sprache und vorteilhafter Vergleich am Verhalten, Verschiebung und Verteilung der Verantwortung an der Urheberschaft, Missachtung der Folgen an der Wirkung, Entmenschlichung und Schuldzuweisung am Opfer (2016, S. 3). Wer «Bandura» in einer Sitzung über Mobbing, über die Sprache im Lehrerzimmer oder über eine vertuschte Grenzverletzung sagt, meint diese Bedeutung; hier liefert Bandura selbst Schulbefunde (Klassen-Entkopplung und Zuschauer beim Mobbing, 2016, S. 37–39). Hier fällt der Name so seit September 2026. → Moralische Entkopplung nach Bandura

Modelllernen – Lernen durch Beobachtung, die Wurzel seiner Laufbahn und der Grund, weshalb der Name in jedem Psychologie-Lehrbuch steht. Im Korpus liegt dazu der Bobo-Doll-Aufsatz von 1965: 66 Kinder der Stanford-Kindergartenstufe, dreieinhalb bis knapp sechs Jahre alt, sahen einen Film, in dem ein Erwachsener eine Bobo-Puppe mit vier neuartigen Aggressionen traktiert – und am Ende dafür belohnt, bestraft oder in Ruhe gelassen wird (1965, S. 590 f.). Die Hypothese: «reinforcements administered to a model influence the performance but not the acquisition of matching responses» (S. 589). Wer die Bestrafung gesehen hatte, ahmte danach deutlich weniger nach, während Belohnung und Folgenlosigkeit gleich viel Nachahmung brachten (S. 592); als die Kinder aber für jede nachgemachte Handlung Sticker und Saft bekamen, verschwand der Unterschied: «The introduction of positive incentives completely wiped out the previously observed performance differences, revealing an equivalent amount of learning among children in the model-rewarded, model-punished, and the no-consequences conditions» (S. 589). Gelernt hatten alle gleich viel; die Konsequenzen am Modell steuerten nur, ob sie es zeigten. Das ist Banduras Unterscheidung von Lernen und Ausführung, der klassische Beleg für die stellvertretende Verstärkung – «response inhibition and response disinhibition can be vicariously transmitted through observation of reinforcing consequences to a model’s behavior» (S. 594) – und der Nachweis, dass Verstärkung fürs Lernen nicht nötig ist: «contemporaneous reinforcements are unnecessary for the acquisition of new matching responses» (ebd.). Blosses Zusehen genügt allerdings auch nicht; Aufmerksamkeit und vorhandene Teilfertigkeiten entscheiden mit (S. 593 f.). Zwei Nebenbefunde tragen in die Schule. Erstens: Verbotenes, das ein Modell zeigt und das folgenlos bleibt, enthemmt die Zuschauer wie eine Belohnung – Verhalten, das «without the occurrence of any aversive consequences may produce disinhibitory effects» wie eine positive Verstärkung, hält Bandura ausdrücklich fest (S. 594); die Klasse, die zusieht, was einem Regelverstoss folgt, lernt aus dem, was nicht geschieht. Zweitens: Die Mädchen zeigten weniger, hatten aber gleich viel gelernt – Unterschiede im Verhalten spiegeln «differences in willingness to exhibit aggressive responses, rather than deficits in learning» (S. 594); Hemmung ist nicht Unwissen. Hier fällt der Name in dieser Bedeutung selten: als theoretische Verankerung der kollegialen Beratung bei Tietze, als zweite Quelle der Selbstwirksamkeit – und, ohne dass er genannt würde, überall dort, wo eine Klasse zusieht, was mit einem Regelverstoss geschieht: beim Mobbing und in der Klassenführung. → Supervision und Intervision

Wie der Name hier fällt

Rund zwei Dutzend Beiträge nennen Bandura, fast alle im Bereich Schulleitung, dazu die Brücke in die Psychomotorik. Vier Verwendungen:

  1. Als Kernkonzept: Selbstwirksamkeit und kollektive Wirksamkeit, mit ihren Quellen und Stolpersteinen.
  2. Als theoretische Deckung eines Führungsverständnisses: Führung heisst, Erfahrungen des Gelingens zu organisieren. Der Leitspruch der vier Bewegungen liest sich als Operationalisierung der vier Quellen; das Mitarbeitergespräch arbeitet mit der verbalen Überzeugung; die Servant-Haltung verbindet Greenleafs Loslassen mit der Selbstzuschreibung des Erfolgs; der dritte Weg bei Regelverstössen und die Erziehungsstile nach Baumrind setzen Sicherheit und Vorhersagbarkeit als Bedingung der Bewältigungserfahrung; bei Baers hochbelasteten Kindern wird derselbe Mechanismus zum Weg für die Verletzlichsten. Auch die Selbstführung der Schulleitung hängt daran: Wer sich nicht wirksam erlebt, kann andere nicht darin stärken.
  3. Als Brücke zur Psychomotorik: Der gelingende Bewegungserfolg ist eine Bewältigungserfahrung im Sinne der ersten Quelle. → Selbstwirksamkeit in der Psychomotorik
  4. Als Prognostiker des Leitmedienwechsels: Am Schluss des Kapitels über kognitives Funktionieren sagt Bandura 1997 voraus, was der Leitmedienwechsel bringen wird – samt den Vorbehalten, die heute die Debatte bestimmen: Kinder brauchen «human teachers to help build their sense of efficacy», die Kluft «between wavering self-regulators and proficient self-regulators» wird sich unter selbstgesteuerter Instruktion vergrössern, und «Market forces and production gimmickry may come to dictate educational content» (1997, S. 213 f.). Die Frage «Wem nützt es?» hat hier ihre empirische Vorgeschichte.

Was nicht von Bandura stammt. Die schulspezifische Forschung zur kollektiven Lehrer-Wirksamkeit (Goddard, Hoy und Tschannen-Moran) und ihre Effektstärke (Hattie) sind eine eigene Linie; die Übertragung auf Schulleitungen – leader self-efficacy – stammt von Leithwood und Jantzi. Und das Missverständnis «glaub einfach an dich» ist das Gegenteil seiner Theorie: Selbstwirksamkeit speist sich aus realen Bewältigungserfahrungen, nicht aus positivem Denken.

Was im Korpus liegt. Self-Efficacy: The Exercise of Control (1997), die drei Aufsätze zur Human Agency (1989, 2001, 2006), zur moralischen Entkopplung die Kohlberg-Gedenkvorlesung (2002) und Moral Disengagement (2016); zur Selbstwirksamkeit die Erstfassung von 1977 im Psychological Review, die Replik von 2012 im Journal of Management, das Pfadmodell aus der Schule mit Zimmerman und Martinez-Pons (1992) und die Managementsimulation mit Jourden (1991); zum Modelllernen der Bobo-Doll-Aufsatz von 1965 – alle als Volltext und seit dem 7. September 2026 in Beiträge eingegangen. Nicht im Korpus: Social Learning Theory (1977), Social Foundations of Thought and Action (1986) und die Bobo-Doll-Studien von 1961 und 1963, die der Aufsatz von 1965 voraussetzt.

In der Liste Hundert Bücher für Schulleitungen steht Self-Efficacy auf Rang 1 – gesetzt, nicht errechnet.

Verbindungen

Literatur