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Instructional Leadership nach Hallinger und Hattie

Instructional Leadership nach Hallinger und Hattie

Instructional Leadership (IL) ist der Königsweg der Schulleitungsforschung (vgl. rolff-2017-schulleitung-auf-den-punkt-gebracht-by7x3kjx, S. 9). Der Begriff geht auf Bridges (1967) zurück und wurde seit den 1980er-Jahren durch Philip Hallinger zum dominanten Paradigma in der anglophonen Schulleitungsforschung ausgearbeitet. Hatties Meta-Analyse von 2015 hat dem Konzept empirisch die höchste Wirksamkeit aller untersuchten Leadership-Stile zugewiesen (d=0.42 gegenüber d=0.11 für transformationale Führung). Wichtig: «Instructional» meint nicht direkten Frontalunterricht, sondern lernzentrierte Schulleitung – die Schulleitung orientiert sich konsequent an der Frage, was beim Schülerlernen wirkt.

Hallingers Modell: drei Dimensionen, zehn Praktiken

Das Principal Instructional Management Rating Scale (PIMRS) von Hallinger ist seit 1982 das international meistgenutzte Messinstrument für IL (Hallinger & Wang 2015). Es operationalisiert IL in drei Dimensionen mit zehn beobachtbaren Praktiken:

Defining the Mission – die Schule auf einen klaren Lernfokus ausrichten:

Managing the Instructional Program – das pädagogische Kerngeschäft steuern:

Promoting a Positive Learning Climate – das Lernklima fördern:

Diese zehn Praktiken sind konkret beobachtbar – das macht das Modell für Selbstevaluation und Coaching gut nutzbar.

Hatties Befunde: konkrete Schulleitungs-Praktiken mit Effektstärken

Hatties Februar-2015-Studie in Educational Leadership differenziert IL weiter aus und benennt fünf Schulleitungs-Praktiken mit ihren Effektstärken (Wirksamkeitsschwelle d ≥ 0.40):

Schulleitungshandelnd
Hauptrolle in Evaluation des eigenen Impacts sehen0.91
Alle Lehrpersonen ebenfalls von Impact-Evaluation überzeugen0.91
In einer Umgebung agieren, die wirksames Lernen «privilegiert»0.84
Lehrkräften und Lernenden explizieren, wie Erfolg aussieht0.77
Niveaus der Lernerwartungen definieren (nicht «tut euer Bestes»)0.57

Aus diesen Befunden formuliert Hattie fünf Folgerungen für Schulleitungen (nach Rolff 2017, S. 10):

Konkrete Handlungsempfehlungen für Schulleitende

Synthetisiert aus Hallinger, Hattie und Rolff lassen sich sieben praxistaugliche IL-Praktiken ableiten:

  1. Lerndefinition explizieren: Was bedeutet «gelungenes Lernen» an dieser Schule? Welche Erfolgskriterien? Schulleitung führt diese Gespräche mit dem Kollegium, statt sie zu delegieren.
  2. Impact systematisch evaluieren: Eigene Wirkung erheben (z.B. durch Schülerbefragung, Lernstandserhebungen) – plus alle Lehrpersonen für dieselbe Praxis gewinnen.
  3. Lernzeit schützen: Stundenpläne, Unterrichtsfluss und administrative Unterbrechungen kritisch beleuchten. Unterrichtszeit ist das knappste Gut.
  4. Im Unterricht präsent sein: Klassenbesuche, kollegiale Hospitationen – aber nicht als Bewertungsinstrument, sondern als Lerngelegenheit für die Schulleitung selbst.
  5. Feedback-Kultur aufbauen: Fehler als Lernchance, kollegiales Feedback, Schülerfeedback – siehe Hattie & Clarke (2019) zur Feedback-Praxis.
  6. Professionelle Entwicklung steuern: Weiterbildung am Lernfokus ausrichten, nicht an Lehrer-Interessen oder Pflichtkursen. Kollegiale Lerngemeinschaften ermöglichen (vgl. Professionelle Lerngemeinschaft (PLG)).
  7. Hohe Erwartungen kommunizieren: Konkrete Niveaus formulieren statt «tut euer Bestes». Dies geht eng zusammen mit der Definition von Erfolgskriterien.

Hattie und Clarke (2019): Schulleitung als Architektin der Feedback-Kultur

Eine direkte praktische Verlängerung des IL-Konzepts liefern Hattie und Clarke (2019) in Visible Learning: Feedback. Sie konkretisieren die Schulleitungs-Rolle in drei Schlüssel-Stellen:

Damit ergänzt Hattie und Clarke (2019) die IL-Forschung um eine kulturelle Dimension: IL ist nicht nur ein Bündel von Praktiken (Hallinger PIMRS, Hatties 5 Praktiken), sondern eine Aufgabe, eine Feedback-Kultur aufzubauen, in der diese Praktiken erst wirksam werden können. Die Schulleitung gestaltet das Klima, in dem alle anderen IL-Elemente überhaupt greifen.

Kritik und Erweiterung

Rolff (2017, S. 10) weist auf eine methodische Limitation bei Hattie hin: Hatties Schulleitungs-Studie untersucht nur Einzelfaktoren, kaum deren Zusammenwirken. Tatsächlich entscheidend dürfte das Zusammenspiel der Faktoren sein – ein einzelner Indikator (z.B. «hohe Erwartungen») wirkt nicht isoliert, sondern in Kombination mit Feedback-Kultur, Lehrerkooperation und Klarheit der Lernziele.

Rolff plädiert deshalb dafür, den Begriff der Instruktion zu einem holistischen, ganzheitlichen Verständnis von Lernen zu erweitern – also über die enge Lehr-Lern-Perspektive hinaus auch Beziehungsqualität, kollektive Selbstwirksamkeit (Kollektive Lehrer-Wirksamkeit (CTE)) und Schulkultur (Schulkultur als Gegenstand der Schulleitungs-Arbeit) einzubeziehen. Damit nähert sich IL der breiteren Konzeption von lernzentrierter Führung an, ohne den empirischen Fokus auf Schülerlernen zu verlieren.

Theoretische Verankerung: Selbstwirksamkeit als Vermittlungs-Konstrukt

Der Mechanismus, wie IL auf Schülerlernen wirkt, ist nicht direkt, sondern über kollektive und individuelle Selbstwirksamkeit vermittelt – das ist der zentrale Befund bei Leithwood & Jantzi (2008). Schulleitungen mit hoher leader collective efficacy schaffen Bedingungen, unter denen Lehrkräfte ebenfalls hohe collective teacher efficacy entwickeln – und diese ist gemäss Hattie der stärkste schulische Wirkfaktor auf Schülerleistungen überhaupt.

Damit schliesst IL bei Banduras Selbstwirksamkeitstheorie an (vgl. Selbstwirksamkeitserwartung (Bandura)) – das ist die psychologische Grundlage, ohne die das Konzept zu mechanistisch wirken würde.

Verbindungen

Literatur