Schulqualität und Qualitätsmanagement bei Capaul
Capaul, Seitz und Keller (2020) behandeln Schulqualität im Entwicklungsmodus «Optimierung» (Qualitätsmanagement und Evaluation) – einem der beiden Entwicklungsmodi des St. Galler Schulmodells. Sie verbinden dabei ein Qualitätsmodell (Input–Prozess–Output nach Scheerens), eine empirische Grundlage (Schuleffektivitätsforschung, Hattie) und die etablierten QM-Konzepte (Deming/TQM, Q2E, EFQM, ISO).
Optimierung und Innovation (die zwei Entwicklungsmodi)
Eine Schule ist in permanenter Entwicklung; gleichzeitig laufen Optimierung (kontinuierliche Verbesserung des Bestehenden, Qualitätssicherung) und Innovation (grundlegend Neues). Schulführung muss diese «dynamische Stabilität» (Rüegg-Stürm & Grand 2015) ausbalancieren. Unterscheidungskriterium ist die Tiefenwirkung: Reicht das bisherige Wissen und Können weitgehend → Optimierung; werden alte Muster unbrauchbar → Innovation (S. 44, 523). Qualitätsmanagement und Evaluation gehören zum Modus Optimierung.
Qualitätsverständnis: TQM nach Deming
Capaul gründet das Qualitätsmanagement auf Deming, den «Begründer des TQM-Ansatzes und Vater des Paradigmenwechsels im Qualitätsmanagement» (Kap. 11.6, S. 534). Die TQM-Kerngedanken überträgt er auf die Schule (Tab. 75, S. 534): QM erfasst alle Bereiche des Schulmodells (Anspruchsgruppen, Ordnungsmomente, Prozesse, Entwicklungsmodi – und reflektiert sich selbst, vgl. Metaevaluation) und ist kundenorientiert – die Lernenden stehen im Zentrum (als «Prosumer», zugleich Konsumierende und Produzierende von Wissen). Für kontinuierliche Verbesserung dient der Deming- bzw. «Plan-Do-Check-Act»-Zyklus (PDCA): Planen – Ausführen – Überprüfen – Anpassen (S. 352, Abb. 73).
Das Qualitätsmodell: Input – Prozess – Output (Scheerens)
Zur Erfassung der Schulqualität nutzt Capaul das Modell von Scheerens (1992; Abb. 113, S. 535): «Die Qualität einer Schule wird durch die Qualitäten der Inputs, der Prozesse sowie der Outputs bestimmt.»
- Inputqualitäten: Faktoren, die in die Schule hineinwirken (Vorwissen und sozioökonomischer Status der Lernenden, Qualifikation der Lehrpersonen, Organisation, rechtliche und kulturelle Voraussetzungen).
- Prozessqualitäten: das ganze Schulleben (Qualität der Lehr-Lern-Prozesse, Schulklima, Zusammenarbeit der Lehrpersonen, Arbeitsorganisation).
- Produkt-/Outputqualitäten: die Ergebnisse. Annahme: Gute Prozessqualitäten führen in der Regel – aber nicht zwingend – zu guten Produktqualitäten (S. 535).
Dieses Input-Prozess-Output-Verständnis steht in derselben Tradition wie Dittons Kontext-Input-Prozess-Output-Modell (beide gehen auf Scheerens zurück).
Grundlage: Schuleffektivitätsforschung
Capauls Qualitätsverständnis steht in der Tradition der Schuleffektivitätsforschung. Klassisch Brookover & Lezotte (1979): Erfolgreiche Schulen pflegen ein wertschätzendes Klima, hohe Leistungserwartungen, eine klare Vision, regelmässige Überprüfung des Lernerfolgs, unterrichtsbezogene Führung (Instructional Leadership), einen geordneten Schulalltag und gute Beziehungen zu den Anspruchsgruppen (S. 526). Wichtige Unterscheidung (Creemers & Reezigt 1997): Schuleffektivitätsstudien fragen, was eine gute Schule ausmacht; Schulentwicklungsstudien, wie eine Schule besser wird (S. 528).
Indikatoren der Schulqualität (NCES)
Capaul operationalisiert Schulqualität über die 13 Indikatoren der Schulqualität des US-amerikanischen National Center for Education Statistics (NCES), gegliedert in drei Bereiche: Schulkontext, Lehrpersonen und Unterricht (Mayer, Mullens, Moore & Ralph 2000; Abb. 11.2, S. 528). Die Aussagekraft eines Indikators hängt von der Datenqualität der zugrunde liegenden Forschung ab.
Hatties Metastudie als zweite Evidenzbasis
Als zweite Grundlage zieht Capaul Hatties Metastudie heran (Hattie 2014/2015): 138 Einflussfaktoren in sechs Untersuchungsdimensionen – Schule, Curriculum, Eltern, Lehrende, Unterricht, Lernende (S. 532, vgl. Visible Learning – das Grundkonzept). Capaul mahnt ausdrücklich zur Vorsicht: Solche Verdichtungen bergen die «Gefahr von Verkürzungen und Fehlinterpretationen», die politisch missbraucht werden können – Befunde sind situations- und kontextabhängig zu lesen.
Externe QM-Konzepte im Vergleich
Capaul vergleicht vier extern konzipierte Qualitätsmanagementkonzepte (Tab. 76, S. 539 f.):
- Q2E («Qualität durch Evaluation und Entwicklung»): Schulqualität entsteht im Wechselspiel von Evaluation und Entwicklung; fortschreitende Optimierung gilt als wichtigste Qualitätsgrundlage; basiert auf Selbstevaluation. Ganzheitliches Orientierungsmodell mit sechs Komponenten (u. a. Individualfeedback und persönliche Qualitätsentwicklung, Selbstevaluation und Qualitätsentwicklung der Schule, Steuerung der Q-Prozesse durch die Schulleitung, externe Schulevaluation) → Q2E – Grundkonzept.
- FQS (Formatives Qualitätsevaluationssystem): Schwerpunkt Selbstevaluation durch Lehrpersonen plus externe Metaevaluation; fünf Qualitätsstandards; bewusst nicht lohnwirksam (Gegenkonzept).
- EFQM: TQM-basiertes Award-Modell mit Ursache-Wirkungs-Logik und kontinuierlicher Verbesserung.
- ISO 9000:2015: erfasst die Organisation mit Strukturen und Prozessen; das daraus entwickelte Basisinstrument umfasst die vier Qualitätsbereiche Inputqualität, Prozessqualitäten Schule, Prozessqualitäten Unterricht, Output-/Outcomequalitäten sowie sieben QM-Grundsätze (Kundenorientierung, Verantwortlichkeit der Führung, Einbeziehung der Mitarbeitenden, Prozessorientierung, fortlaufende Verbesserung u. a.).
Qualitätsmanagement = Controlling und Evaluation
Capauls QM-Steuerung folgt Dubs (2003a): QM im Rahmen eines Controllingkonzepts, dessen Durchführung Dubs unter «Evaluation» fasst; Voraussetzung ist ein vorgängig bestehendes Qualitätsmanagementkonzept (S. 533). Praktisch heisst das Selbstevaluation (intern) und Metaevaluation (extern) – die laufende Rückkopplung des Optimierungsprozesses.
Konsequenz für die Führung
Schulqualität verbessert sich nicht über eine einzelne Kennzahl, sondern indem die Schulleitung die effektivitätsrelevanten Faktoren (Klima, Erwartungen, Unterricht, Führung) gezielt bearbeitet, sie als Input-/Prozess-/Outputqualitäten erfasst und über Evaluation rückkoppelt – im Modus kontinuierlicher Optimierung (PDCA), ausbalanciert mit Innovation.
Verbindungen
- Schule als soziales System (Capaul) – Optimierung/Innovation sind die «Entwicklungsmodi» desselben St. Galler Schulmodells
- Schulqualität als Input-Prozess-Output-Modell (Ditton) – Dittons IPOO-Systematik in derselben Scheerens-Tradition; Capaul nutzt das Scheerens-Modell (Abb. 113)
- Q2E – Grundkonzept – Q2E, das Capaul in seinem QM-Konzept-Vergleich darstellt (Tab. 76)
- externe-schulevaluation – externe Evaluation/Metaevaluation als Teil des QM-Zyklus
- Visible Learning – das Grundkonzept – Hatties sechs Untersuchungsdimensionen im Detail
- Instructional Leadership nach Hallinger und Hattie – Instructional Leadership als Schuleffektivitätsfaktor (Brookover und Lezotte)
- NSO-Modell: normativ – strategisch – operativ – die Management-Ebenen-Achse desselben Modells
Literatur
- Capaul, R., Seitz, H. & Keller, R. (2020). Schulführung und Schulentwicklung (4. Aufl.). Bern: Haupt Verlag. – Entwicklungsmodi Optimierung/Innovation S. 44 und Kap. 11 (S. 523); QM-Verständnis auf Deming/TQM gegründet (Kap. 11.6) und TQM-Kerngedanken auf die Schule übertragen (Tab. 75) S. 534; Deming-/PDCA-Zyklus S. 352 (Abb. 73); Qualitätsmodell Input/Prozess/Output nach Scheerens (1992) Abb. 113, S. 535; Schuleffektivitätsforschung (Brookover & Lezotte 1979) S. 526; Schuleffektivitäts- vs. Schulentwicklungsstudien (Creemers & Reezigt 1997) S. 528; 13 NCES-Indikatoren (Mayer et al. 2000, Abb. 11.2) S. 528; Hattie-Metastudie S. 532; QM als Controlling/Evaluation nach Dubs (2003a) S. 533; Vergleich externer QM-Konzepte FQS/EFQM/Q2E/ISO 9000:2015 (Tab. 76) S. 539 f.; ISO-Basisinstrument mit vier Qualitätsbereichen S. 540
- Capaul, R., Seitz, H. & Keller, M. (2020). Schulführung und Schulentwicklung. Theoretische Grundlagen und Empfehlungen für die Praxis (4., erw. u. aktual. Aufl.). Bern: Haupt.
Verweise auf diese Seite
- Q2E – Die vier Qualitätsbereiche Zettelkasten
- Q2E – Grundkonzept Zettelkasten
- Qualitätsrahmen Volksschule Thurgau – Grundkonzept Zettelkasten
- Schulqualität als Input-Prozess-Output-Modell (Ditton) Zettelkasten
- Wirksamkeit – Effizienz – Chancengerechtigkeit: Das Trilemma Zettelkasten