Selbstwirksamkeitserwartung (Bandura)
Selbstwirksamkeitserwartung (engl. self-efficacy) ist eines der wichtigsten psychologischen Konzepte der Bildungs- und Organisationspsychologie. Begründet von Albert Bandura und ausformuliert in seinem Schlüsselwerk Self-Efficacy: The Exercise of Control (1997), bezeichnet sie die subjektive Überzeugung einer Person, eine bestimmte Aufgabe oder Situation aufgrund eigener Kompetenzen bewältigen zu können. Selbstwirksamkeit ist nicht «Selbstbewusstsein im Allgemeinen», sondern aufgaben- und kontextspezifisch – und sie wirkt kausal auf Motivation, Anstrengung, Durchhaltevermögen und letztlich Leistung.
Für die Schul-Praxis hat das Konzept drei zentrale Anwendungsebenen: Schüler-Selbstwirksamkeit, Lehrer-Selbstwirksamkeit (Teacher Self-Efficacy) und – besonders folgenreich – Kollektive Lehrer-Selbstwirksamkeit (Collective Teacher Efficacy, CTE). Letztere gehört nach Hattie-basierten Metaanalysen zu den stärksten beeinflussbaren Wirkfaktoren auf Schüler-Lernerfolg.
Theoretischer Kern
Bandura's Konzept steht im Rahmen seiner sozial-kognitiven Theorie und beruht auf drei Annahmen:
- Triadische reziproke Kausalität: Verhalten, Person (kognitive/affektive Faktoren) und Umwelt beeinflussen sich gegenseitig (Bandura 1997, Kap. 1, Sektion «Human Agency in Triadic Reciprocal Causation», S. 5)
- Menschen sind aktive Gestalter ihres Lebens, nicht passive Reaktoren auf Umweltreize (human agency-Konzept, Kap. 1, Sektion «The Nature of Human Agency», S. 3)
- Erwartung über die eigene Wirksamkeit ist kausal handlungsrelevant – sie beeinflusst, was Menschen tun, wie sehr sie sich anstrengen, wie lange sie durchhalten und wie sie mit Rückschlägen umgehen
Wichtige konzeptuelle Differenzierung (Bandura 1997, Kap. 1, S. 21 ff., mit Figure 1.3 auf S. 23):
- Selbstwirksamkeitserwartung (efficacy expectation): Ich glaube, dass ich diese Handlung ausführen kann
- Ergebniserwartung (outcome expectation): Ich glaube, dass diese Handlung zu diesem Ergebnis führt
Beide sind als kausal verbunden konzipiert – Bandura zeigt empirisch, dass Selbstwirksamkeit ein stärkerer Prädiktor für Verhalten ist als verwandte Konstrukte wie Locus of Control (Bandura 1997, Kap. 2, S. 46: «Efficacy beliefs predict academic performance, proneness to anxiety, pain tolerance, metabolic control in diabetes, and political participation, whereas locus of control does not»). Die in der Sekundärliteratur häufig zitierte Aussage «Self-Efficacy ist prädiktiv stärker als Outcome Expectation» ist nicht direkt aus Bandura belegbar, sondern eine Sekundär-Interpretation.
Die vier Quellen der Selbstwirksamkeit
Bandura's vermutlich wirkungsmächtigster Beitrag ist die Systematik der vier Quellen der Selbstwirksamkeit (1997, Kap. 3 «Sources of Self-Efficacy», S. 79–116). Sie sind nach Wirksamkeit gerangordnet:
| Quelle (Bandura-Originalbegriff) | Mechanismus | Anwendung in der Schule |
|---|---|---|
| 1. Enactive Mastery Experience (Bewältigungserfahrungen, S. 80) | Eigene Erfolgserlebnisse – «the most influential source of efficacy information» (Bandura S. 80) | Aufgaben in passender Schwierigkeitsstufe; «Lerngerüste» (Scaffolding); Differenzierung |
| 2. Vicarious Experience (Stellvertretende Erfahrungen, S. 86) | Beobachten erfolgreicher Modelle, die der eigenen Person ähnlich sind | Modelllernen im Klassenverband; Peer-Tutoring; «Wenn die das kann, kann ich das auch» |
| 3. Verbal Persuasion (Verbale/soziale Überzeugung, S. 101) | Glaubwürdige Rückmeldung durch wichtige Personen | Spezifisches, ehrliches Lehrer:innen-Feedback; Wertschätzung mit klarer Aussage zur Fähigkeit |
| 4. Physiological and Affective States (Körperliche/emotionale Zustände, S. 106) | Erleben des eigenen Körpers und der Emotionen (Stress, Ruhe, Begeisterung) | Klassenklima; Lernumgebung; Umgang mit Prüfungsstress |
Die Reihenfolge ist relevant: Verbale Überzeugung ohne Erfolgserfahrung wirkt nicht nachhaltig; Erfolgserfahrungen tragen am stärksten. Das hat unmittelbare didaktische Konsequenzen.
Anwendungsebene 1 – Schüler-Selbstwirksamkeit
Hohe Schüler-Selbstwirksamkeit korreliert robust mit:
- Höherer Anstrengungsbereitschaft und Durchhaltevermögen bei schwierigen Aufgaben
- Besserer Selbstregulation (Aufmerksamkeit, Lernstrategien)
- Höherer akademischer Leistung (Bandura 1997, Kap. 6 «Cognitive Functioning»)
- Geringerer Lernangst
- Längerer Bildungslaufbahn
Niedrige Selbstwirksamkeit ist ein Risikofaktor – nicht weil die Schüler:innen weniger können, sondern weil sie sich weniger zutrauen und entsprechend früher aufgeben. Förderung der Schüler-SW ist damit ein zentraler Hebel der Chancengerechtigkeit.
Anwendungsebene 2 – Lehrer-Selbstwirksamkeit (Teacher Self-Efficacy)
Lehrer-SW ist die Überzeugung einer Lehrperson, dass sie auch schwierige Schüler:innen und schwierige Klassen erreichen und unterrichten kann. Sie wirkt auf:
- Methodenvielfalt und didaktische Risikobereitschaft (Ausprobieren neuer Ansätze)
- Persistenz mit schwierigen Lernenden (Nicht-Aufgeben)
- Berufszufriedenheit und Verbleib im Beruf (Burnout-Prävention)
- Inklusive Haltung: Lehrpersonen mit hoher SW sind eher bereit, inklusiv zu unterrichten (Inklusive Didaktik: innere Differenzierung)
Die Franzen-Studie (2021) untersucht spezifisch die Quellen der Lehrer-SW bei Grundschullehrkräften im inklusiven Kontext – ein direkter empirischer Anschluss an Bandura's Vier-Quellen-Modell.
Anwendungsebene 3 – Kollektive Lehrer-Selbstwirksamkeit (Collective Teacher Efficacy)
CTE (siehe eigene Atomic-Note) ist die geteilte Überzeugung eines Kollegiums, gemeinsam die Lernerfolge ihrer Schüler:innen beeinflussen zu können – auch unter ungünstigen Voraussetzungen.
Quellen-Trennung wichtig: Bandura legt das CTE-Konzept theoretisch in Kap. 11 «Collective Efficacy» (S. 477 ff.) – aber er behandelt es dort allgemein-sozial (Politik, soziokulturelle Veränderung, Medieneinfluss), nicht primär schul-spezifisch. Die schul-spezifische CTE-Forschung geht auf Goddard, Hoy und Tschannen-Moran zurück; Hatties Metaanalysen aggregieren diese eigenständige Forschungslinie und zeigen CTE als einen der grössten beeinflussbaren Wirkfaktoren auf Schüler-Lernerfolg überhaupt.
Was CTE schwer macht und gleichzeitig wertvoll: Sie ist nicht die Summe individueller Lehrer-SW, sondern ein emergentes Phänomen des Kollegiums.
Faktoren, die CTE stärken:
- Gemeinsame Erfolgserfahrungen auf Kollegiums-Ebene (z. B. erfolgreiche Schulentwicklungs-Projekte)
- Geteilte Verantwortung statt Einzelkämpfer-Mentalität
- Strukturen für gemeinsame Reflexion (Supervision/Intervision, Professionelle Lerngemeinschaften)
- Transparente Kommunikation über Lernerfolge und -hindernisse
- Eine Schulleitung, die kollektive Wirksamkeit aktiv fördert (siehe unten)
Bedeutung für die Schulleitung
Die SL ist im CTE-Konzept der Hauptarchitekt der kollektiven Selbstwirksamkeit. Konkrete SL-Aufgaben in absteigender Wirksamkeits-Reihenfolge:
- Erfolgserfahrungen ermöglichen (Mastery Experiences): Projekte und Veränderungs-Initiativen so dimensionieren, dass das Kollegium sie auch bewältigen kann. Lieber kleine sicher gelingende Schritte als grosse scheiternde Würfe
- Modelle sichtbar machen (Vicarious Experiences): Erfolgreiche Praxis aus dem eigenen Kollegium aufzeigen; kollegiale Hospitationen ermöglichen
- Glaubwürdig spezifisch loben (Verbal Persuasion): Pauschales Lob wirkt nicht – Anerkennung muss auf konkrete Leistungen verweisen und realistisch sein. Im Mitarbeitergespräch zentraler Hebel
- Klima und Belastung managen (Physiological/Affective States): Überforderung, chronischer Stress und Krisenmodus erodieren Selbstwirksamkeit – also Strukturen für Entlastung schaffen, Belastungs-Signale ernst nehmen
- Eigene SL-Selbstwirksamkeit pflegen: Eine erschöpfte oder verzweifelte SL kann CTE nicht aufbauen. Selbstführung ist auch hier Voraussetzung
- Strukturen für gemeinsame Reflexion verankern: Supervision/Intervision und Professionelle Lerngemeinschaften sind die operativen Räume, in denen CTE entsteht
Bezug zur eigenen Selbstführung
Selbstführung und Selbstwirksamkeit hängen eng zusammen, ohne identisch zu sein:
- Selbstwirksamkeit ist die Überzeugung, etwas bewältigen zu können
- Selbstführung ist die Praxis, mit den eigenen Ressourcen verantwortungsvoll umzugehen
Selbstwirksamkeit ist Voraussetzung und Konsequenz von Selbstführung: Wer sich nicht wirksam erlebt, kann sich nur schwer führen; wer sich erfolgreich führt, baut Selbstwirksamkeit auf. Daher das Werkzeug in Selbstführung in der pädagogischen Profession «Selbstwirksamkeit pflegen»: Erfolge bewusst wahrnehmen, kleine Wirksamkeitserfahrungen wertschätzen, Vertrauen in die eigene Wirksamkeit aktiv aufbauen.
Stolpersteine
- Selbstwirksamkeit verwechseln mit Selbstvertrauen / Selbstwertgefühl: Selbstwirksamkeit ist aufgabenspezifisch, nicht globales Selbstkonzept
- Pauschal-Loben ohne Bezug: «Du bist ein super Schüler» wirkt schwächer als «Du hast die Bruchrechnung gut gelöst, weil du systematisch vorgegangen bist»
- Erfolgserfahrungen falsch dimensionieren: Zu leichte Aufgaben bauen keine SW auf (keine echte Bewältigung); zu schwere bauen sie ab (Misserfolgserfahrung). Das didaktische Handwerk liegt im Treffen der Zone der nächsten Entwicklung
- Individuelle SW als CTE-Ersatz: Hohe Einzel-SW im Kollegium kompensiert nicht eine niedrige kollektive SW. CTE ist ein eigenes Konstrukt
- Bandura via «positives Denken» missverstehen: Selbstwirksamkeit ist NICHT «glaub einfach an dich». Sie speist sich primär aus realen Bewältigungserfahrungen
Verbindungen
- Kollektive Lehrer-Wirksamkeit (CTE) – eigene Atomic-Note zur CTE, Hattie-orientiert; theoretisches Fundament ist Bandura 1997 Kap. 11
- Professionelle Lerngemeinschaft (PLG) – PLG als Strukturformat, in dem CTE typischerweise entsteht
- Bandura (1997) – Volltext-Datei des Bandura-Buchs, für gezielte Nachschau in den 11 Kapiteln
- bandura-1997-self-efficacy-the-exercise-of-control-f7mdswvk – Zotero-Stub für formale Zitation
- franzen-2021-quellen-der-selbstwirksamkeitsueberzeugung-von-grundschullehrkraeften-q7sj9x7x – empirische Untersuchung der Quellen der Lehrer-SW im inklusiven Kontext, direkter Anschluss an Bandura's Vier-Quellen-Modell
- Selbstführung in der pädagogischen Profession – Selbstwirksamkeit als Voraussetzung und Konsequenz von Selbstführung
- Selbstführung der Schulleitung – SL-spezifische Selbstführung, ohne die CTE nicht aufzubauen ist
- Supervision und Intervision – operative Räume, in denen gemeinsame Reflexion CTE stärkt
- Mitarbeitergespräch als Führungsinstrument – Verbal Persuasion (3. Quelle) als zentraler MAG-Hebel
- Personalentwicklung im Management – Personalentwicklung baut systematisch SW auf
- Inklusive Didaktik: innere Differenzierung – differenzierte Aufgaben als zentraler Weg zur Schüler-SW
- chancengerechtigkeit-inklusion – SW-Förderung als Chancengerechtigkeits-Hebel
- Schulleitung – die SL als Hauptarchitektin der CTE im Kollegium
- Selbstwirksamkeit in der Psychomotorik – Across (Psychomotorik): gelingende Bewegungserfahrungen als Bewältigungserfahrungen – Anwendung der ersten und stärksten Quelle (Mastery) in der Bewegungsförderung
Literatur
- Bandura, A. (1997). Self-Efficacy: The Exercise of Control. W. H. Freeman. – Schlüsselwerk; vollständige Auseinandersetzung mit Theorie und Anwendungsfeldern in 11 Kapiteln, davon Kap. 6 «Cognitive Functioning» (S. 174 ff. School as an Agency for Cultivating Self-Efficacy), Kap. 10 «Organizational Functioning» (allgemein Management/Leadership in Organisationen, ohne spezifischen Schulleitungs-Fokus), Kap. 11 «Collective Efficacy» (S. 477 ff., allgemein-sozial, nicht primär schul-spezifisch). Schul-spezifische CTE-Anwendung kommt eigenständig aus der Goddard/Hoy/Tschannen-Moran-Linie, von Hattie meta-analysiert
- Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84(2), 191–215. – Original-Aufsatz, in dem der Begriff erstmals systematisch eingeführt wird
- Franzen, K. (2021). Quellen der Selbstwirksamkeitsüberzeugung von Grundschullehrkräften im Kontext inklusiver Erziehung und Bildung. – empirische Studie zu Bandura's Vier-Quellen-Modell im Schweizer/deutschen Schul-Kontext
- Leithwood, K. & Jantzi, D. (2008). Linking Leadership to Student Learning. The Contributions of Leader Efficacy. Educational Administration Quarterly, 44(4), 496–528. https://doi.org/10.1177/0013161X08321501 — wendet Banduras Selbstwirksamkeit auf Schulleitungen an: Leader Self-Efficacy und Leader Collective Efficacy als Vermittler von Schulleitungs-Effekten
- Instructional Leadership nach Hallinger und Hattie – Instructional Leadership wirkt psychologisch über Selbstwirksamkeit (Leader und Teacher Efficacy)
- Bandura, A. (1997). Self-efficacy. The exercise of control. New York: Freeman.
- Franzen, K. (2021). Quellen der Selbstwirksamkeitsüberzeugung Von Grundschullehrkräften Im Kontext Inklusiver Erziehung und Bildung. Wiesbaden: Springer.
Verweise auf diese Seite
- Der dritte Weg bei Regelverstössen Zettelkasten
- Die 4 Bewegungen schulischer Führung Zettelkasten
- Die Schulentwicklungsinsel Zettelkasten
- Erziehungsstile nach Baumrind Zettelkasten
- Exekutive Funktionen Zettelkasten
- Feedback-Kultur an der Schule Zettelkasten
- Fünf Kräfte erfolgreicher Leadership (Dubs) Zettelkasten
- Hochbelastete Kinder nach Baer Zettelkasten
- Inklusive Didaktik: innere Differenzierung Zettelkasten
- Instructional Leadership nach Hallinger und Hattie Zettelkasten
- Kollektive Lehrer-Wirksamkeit (CTE) Zettelkasten
- Kompetenzbereiche der Psychomotorik: Ich – Sach – Sozial Zettelkasten
- Mitarbeitergespräch als Führungsinstrument Zettelkasten
- Psychomotoriktherapie – Bewegung als Entwicklungsmedium Zettelkasten
- Psychomotorische Trias: Wahrnehmen – Bewegen – Erleben Zettelkasten
- Ressourcen- und Kompetenzorientierung in der Psychomotorik Zettelkasten
- Selbstführung der Schulleitung Zettelkasten
- Selbstführung in der pädagogischen Profession Zettelkasten
- Selbstwirksamkeit in der Psychomotorik Zettelkasten
- Servant-Haltung und Instructional-Praxis – die Doppel-Architektur Zettelkasten
- Transformational vs. Servant Leadership im Schulkontext Zettelkasten