Psychomotoriktherapie – Bewegung als Entwicklungsmedium
Die Psychomotoriktherapie (PMT) organisiert ihr Tun um die Bewegung als Entwicklungsmedium der ganzen Person. Bewegung und Spiel sind nicht Selbstzweck, sondern Zugang: Über das Bewegen werden Selbstkonzept, Selbstwirksamkeit, emotional-soziale Regulation, Beziehung und Bewegungsfreude entwickelt. Dieser Leit-Fokus unterscheidet die PMT vom Betätigungsfokus der Ergotherapie – nicht einzelne berührte Bereiche, sondern das organisierende Zentrum (siehe Weiche PMT ↔ Ergotherapie).
Bewegung als Zugang zur ganzen Person
Das Schweizer Berufsbild (2021) beschreibt den Menschen von Geburt an als bewegtes, durch Bewegung auf seine Umwelt einwirkendes Wesen (S. 2). In der Therapie setzen Psychomotoriktherapeut*innen «beim körperlichen Ausdruck und beim Bewegungsverhalten» an, berücksichtigen dabei aber «auch die emotionalen, sozialen und kulturellen Einflüsse, die eine Person prägen» (S. 3). Bewegung ist also der Zugang, die Person das Ziel.
Wirkungsseitig stärken sie «die Selbstwirksamkeit und das Vertrauen in sich selbst und andere»; dadurch werden Handlungs- und Interaktionskompetenz sowie die Lernfähigkeit gefördert (S. 4). Damit liegt die Selbstwirksamkeit (Bandura) als psychologische Klammer nahe am Kern der PMT; wie der Bewegungserfolg zur Bewältigungserfahrung wird, führt die psychomotorik-spezifische Brücke aus. Den Hintergrund bildet das Zusammenspiel von Körper, Bewegung, Emotionen und Umwelt (S. 5) – eine ganzheitliche, nicht eine rein motorische Lesart.
Lehrbuch-Fundus
Die Lehrbuchtradition stützt diesen Fokus einhellig:
- Zimmer (2019): Im Vordergrund steht «die Förderung der gesamten Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes durch das Medium Bewegung»; «Selbstkonzept und Identität» gelten als Schlüsselbegriffe psychomotorischer Förderung.
- Fischer (2009): «Bewegung als Medium der Entwicklungsförderung»; Selbstkonzept und Körpererfahrung; als Ziele u. a. die Erhaltung von Bewegungsfreude und Neugierde sowie das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
- Reichenbach (2010): «Bewegung als Medium» der Kompetenzerhaltung; Förderung der inneren Persönlichkeitsentwicklung; in der Tradition Kiphards eine «ganzheitlich-humanistische … Art der Bewegungserziehung».
Eine eigenständig gewachsene, ganzheitliche Therapie
PMT ist keine Teilmenge der Ergo und keine blosse Motorikförderung, sondern eine eigenständig gewachsene, ganzheitliche Therapie. Das Berufsbild verortet die Profession an der Schnittstelle mehrerer Elternfächer – Psychologie, Heilpädagogik, Sport- und Bewegungswissenschaften, Erziehungs- und Sozialwissenschaften, Neurowissenschaften und Medizin (S. 8); das Leitbild positioniert sie im Bildungs- und Gesundheitswesen zugleich. Genau diese gemeinsamen Wurzeln erklären die Überlappung mit der Ergo (vgl. Weiche): Es sind benachbarte, teils dieselben Quellen speisende Felder, keine sauber getrennten Welten.
Wirksamkeit (kurz)
Schweizer Forschung zeigt positive Effekte der PMT auf Impulskontrolle, Lernfähigkeit und geistige Beweglichkeit, auch bei neurodivergenten Kindern (vgl. Sägesser Wyss & Egloff-Lehner 2019) – Grundlage dafür, dass die Schulleitung die Massnahme vor übergeordneten Gremien begründen kann (Ressourcensteuerung).
Verbindungen
- Weiche Psychomotoriktherapie ↔ Ergotherapie – PMT ist der eine Pol der Überweisungs-Weiche
- Betätigung als Fokus der Ergotherapie – der kontrastierende Fokus: Betätigung statt Person-im-Bewegen
- Selbstwirksamkeitserwartung (Bandura) – Selbstwirksamkeit (Bandura) ist eine psychologische Kernzielgrösse der PMT
- Selbstwirksamkeit in der Psychomotorik – die Brücke der Autorin: wie Bewegungserfolg als Bewältigungserfahrung Selbstwirksamkeit aufbaut
- Motorische Entwicklung – die motorische Entwicklung ist Gegenstand, aber nicht Selbstzweck der PMT
- Schulleitung und sonderpädagogische Massnahmen – PMT ist das Lehrbeispiel für sonderpädagogisches Führungswissen der SL
Literatur
- Psychomotorik Schweiz (2021). Berufsbild Psychomotoriktherapeutin / Psychomotoriktherapeut. – Bewegungsanthropologie S. 2; Ansatzpunkt und ganze Person S. 3; Selbstwirksamkeit/Handlungskompetenz S. 4; Körper-Bewegung-Emotion-Umwelt S. 5; Elternfächer S. 8.
- Psychomotorik Schweiz. Leitbild. – Positionierung im Bildungs- und Gesundheitswesen.
- Zimmer, R. (2019). Handbuch Psychomotorik; Fischer, K. (2009). Einführung in die Psychomotorik; Reichenbach, C. (2010). Psychomotorik. – «Bewegung als Medium», Persönlichkeitsentwicklung, Selbstkonzept, Bewegungsfreude.
- Sägesser Wyss, S. & Egloff-Lehner, R. (2019). Wirksamkeitsstudien zur Psychomotoriktherapie. – Wirksamkeitshinweise.
- Psychomotorik Schweiz (2021). *Berufsbild Psychomotoriktherapeut*in*.
- Zimmer, R. (2019). Handbuch Psychomotorik. Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung von Kindern (Überarb. Neuausg., 14. Gesamtaufl.). Freiburg im Breisgau: Herder.
- Fischer, K. (2009). Einführung in die Psychomotorik (3., überarb. u. erw. Aufl.). München: Reinhardt.
- Reichenbach, C. (2010). Psychomotorik. München: Reinhardt.
- Psychomotorik Schweiz (o. J.). Leitbild Psychomotorik Schweiz.
- Sägesser Wyss, J. & Egloff-Lehner, K. (2019). Wirksamkeitsstudien zur Psychomotoriktherapie. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 25(9), 46–52.
Verweise auf diese Seite
- Betätigung als Fokus der Ergotherapie Zettelkasten
- Das Unterstützungssystem der Volksschule – wer macht was Zettelkasten
- Motorische Entwicklungsstörungen Zettelkasten
- Neurofeedback Zettelkasten
- Psychomotoriktherapie bei Magersucht im Schulalter Zettelkasten
- Psychomotorische Haltung und Beziehung Zettelkasten
- Psychomotorische Trias: Wahrnehmen – Bewegen – Erleben Zettelkasten
- Ressourcen- und Kompetenzorientierung in der Psychomotorik Zettelkasten
- Schulbasierte Ergotherapie (SB-ET) Zettelkasten
- Schule bei Essstörungen – Früherkennung Zettelkasten
- Selbstwirksamkeit in der Psychomotorik Zettelkasten
- Weiche Psychomotoriktherapie ↔ Ergotherapie Zettelkasten