Motorische Entwicklung
Von der frühen Kopf- und Rumpfkontrolle bis zu fein abgestimmten Bewegungshandlungen folgt die motorische Entwicklung geordneten Mustern – verläuft aber bei jedem Kind unterschiedlich schnell. Sie ist die leibliche Grundlage, auf der Körpererfahrung und die Einheit von Wahrnehmen, Bewegen und Erleben aufruhen.
Geordnete Muster, grosse Variabilität
Jenni systematisiert die Motorik und unterscheidet motorische Fähigkeiten und Fertigkeiten (Kap. 2.5). Der Grundgedanke seines Buches: Entwicklung verläuft in beschreibbaren Sequenzen, doch die Spannweite ist riesig – «Die Variabilität ist bei Kindern gleichen Alters enorm gross». Das gilt quer durch alle Bereiche (Motorik, Schlaf, Sprache, Wachstum). Schon im Bewegungsdrang zeigen sich beträchtliche interindividuelle Unterschiede: Manche Kinder sind motorisch sehr aktiv, andere bevorzugen bewegungsärmere Tätigkeiten (oft mit dem Temperament in Beziehung gesetzt).
Entwicklung als dynamisches System
Siegler ordnet die motorische Entwicklung (Kap. 5.2) in die Theorien dynamischer Systeme ein (Kap. 4.5): Esther Thelen und Kolleg:innen zeigten, dass motorische Fortschritte aus dem Zusammenwirken vieler Einflussfaktoren immer wieder neu organisiert werden – nicht aus einem starren Reifungsplan ablaufen. Dabei ist das Handeln selbst ein Entwicklungsmotor: Greifen etwa erschliesst dem Kind die Welt und lässt es aus Bewegungen anderer auf deren Ziele schliessen. Reifung und Erfahrung greifen ineinander – sichtbar daran, dass motorische Entwicklung in verschiedenen Kulturen unterschiedlich stark gefördert (oder gebremst) wird und Gelegenheit zum Üben zählt (→ Anlage und Umwelt).
Bedeutung für die Psychomotorik
Motorik ist kein Selbstzweck: Über körpermotorische Leistungen werden auch exekutive Funktionen mitangesteuert (Fischer), und gelingende Bewegung wird zur Quelle von Körpererfahrung und Wirksamkeitserleben. Bleibt die Entwicklung deutlich hinter dem typischen Verlauf zurück, führt das zu den motorischen Entwicklungsstörungen.
Verbindungen
- Motorische Entwicklungsstörungen – Störungen der motorischen Entwicklung als pädagogisch relevante Abweichung vom typischen, variablen Verlauf.
- Körpererfahrung: Körperschema und Körperbild – Die Reifung von Wahrnehmung und Bewegung formt das Körperschema.
- Psychomotorische Trias: Wahrnehmen – Bewegen – Erleben – Bewegung ist eine der drei untrennbaren Seiten der psychomotorischen Einheit.
- Exekutive Funktionen – Über körpermotorische Leistungen werden exekutive Funktionen mitangesteuert (Fischer).
- entwicklungsfenster-kritische-perioden – Auch die motorische Entwicklung kennt sensible Phasen.
- anlage-vs-umwelt – Motorik zeigt das Zusammenspiel von Reifung und Übung besonders deutlich.
- theorien-der-entwicklung-ueberblick – Einordnung; die Theorien dynamischer Systeme sind ein zentraler Zugang.
Literatur
- Siegler, R., Saffran, J. R., Gershoff, E. T. & Eisenberg, N. (2021). Entwicklungspsychologie im Kindes- und Jugendalter (5. Aufl.). Berlin: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-62772-3 — Kap. 5.2 «Motorische Entwicklung»; Kap. 4.5 «Theorien dynamischer Systeme» (Thelen u. a.): motorische Entwicklung als systemische Selbstorganisation, Handeln als Entwicklungsmotor. ()
- Jenni, O. (2021). Die kindliche Entwicklung verstehen. Praxiswissen über Phasen und Störungen. Berlin: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-62448-7 — Kap. 2.5 «Immer in Bewegung: motorische Fähigkeiten und Fertigkeiten» (2.5.1 Systematisierung der Motorik, 2.5.2 Grundlegendes, 2.5.5 dynamisches System); kindliche Variabilität als Leitthema. ()
Verweise auf diese Seite
- Betätigung als Fokus der Ergotherapie Zettelkasten
- Exekutive Funktionen Zettelkasten
- Körpererfahrung: Körperschema und Körperbild Zettelkasten
- Motorische Entwicklungsstörungen Zettelkasten
- Psychomotoriktherapie – Bewegung als Entwicklungsmedium Zettelkasten
- Psychomotorische Trias: Wahrnehmen – Bewegen – Erleben Zettelkasten