Motorische Entwicklungsstörungen
Wenn ein Kind in der Motorik deutlich und anhaltend hinter dem zurückbleibt, was im typischen Verlauf der motorischen Entwicklung zu erwarten wäre, spricht man von einer motorischen Entwicklungsstörung. Sie betrifft Alltag und Schulerfolg gleichermassen – und ist ein klassisches Feld psychomotorischer Förderung.
Viele Begriffe, ein Phänomen
Jenni hält fest, dass es «zahlreiche Begriffe für Auffälligkeiten in der Motorik: motorische Koordinationsstörung, motorische Schwierigkeiten, motorische Ungeschicklichkeiten oder motorische Lernstörungen» gibt; häufig fällt auch der Ausdruck «Dyspraxie». Klinisch werden diese unter UEMF – Umschriebene Entwicklungsstörungen motorischer Funktionen zusammengefasst (DACH-Versorgungsleitlinie Blank & Vinçon 2020, auf die Jenni verweist). Je nach betroffenem Bereich lässt sich in eine fein- und eine grobmotorische Entwicklungsstörung unterteilen. Ein schulisch besonders sichtbarer Teilbereich ist die Graphomotorik – bei Jenni definiert als «Handlungen mit einem Schreibgerät».
Warum das schulisch zählt
Motorische Schwierigkeiten betreffen Schreiben, Sport und Selbstständigkeit und sind damit im Schulalltag ständig präsent. Gravierend ist die Folgewirkung aufs Selbstbild: Kinder, die wiederholt scheitern, entwickeln leicht ein Misserfolgs-Selbstbild, vermeiden Bewegung und verfestigen so die Schwierigkeit – der Kreis, den die Selbstwirksamkeit in der Psychomotorik gezielt aufbricht.
Psychomotorische Förderung
Förderung heisst hier nicht schematische Behandlung: «Heterogene und unterschiedlich komplexe Störungsbilder machen ein Arbeiten nach einer eng umschriebenen Methode und Therapie unmöglich» (Fischer); sinnvoll sind offene, strukturierte und an die jeweilige Problematik angepasste Lern-, Handlungs- und Erfahrungsangebote. Speziell für die Graphomotorik ist die Wirkung wahrnehmungs- und bewegungsorientierter Förderung empirisch gestützt (Fischer/Wendler; Längsschnittstudie Stachelhaus). Der Zugang ist ressourcen- statt defizitorientiert und ruht auf dem Grundverständnis von Bewegung als Entwicklungsmedium; institutionell ist die PMT eine schulische Massnahme (→ Abgrenzung zur Ergotherapie).
Verbindungen
- Motorische Entwicklung – Störungen sind die Abweichung vom typischen, variablen Entwicklungsverlauf.
- Selbstwirksamkeit in der Psychomotorik – Erklärt das Misserfolgs-Selbstbild und wie Bewegungserfolge es aufbrechen.
- Ressourcen- und Kompetenzorientierung in der Psychomotorik – Der ressourcen- statt defizitorientierte Zugang prägt die Förderung.
- Psychomotoriktherapie – Bewegung als Entwicklungsmedium – Das Grundverständnis der PMT, auf dem die Förderung aufruht.
- Weiche Psychomotoriktherapie ↔ Ergotherapie – PMT als schulische Massnahme; Graphomotorik als Überlappungs- und Abgrenzungsfeld zur Ergotherapie.
Literatur
- Jenni, O. (2021). Die kindliche Entwicklung verstehen. Praxiswissen über Phasen und Störungen. Berlin: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-62448-7 — Kap. 2.5 zu motorischen Störungen: Begriffsvielfalt (Koordinationsstörung, Dyspraxie u. a.), fein-/grobmotorische Untergruppen, UEMF (Verweis auf die DACH-Leitlinie Blank & Vinçon 2020), Definition «Graphomotorik». ()
- Fischer, K. (2009). Einführung in die Psychomotorik (3., überarb. u. erw. Aufl.). München: Reinhardt. — gegen schematische Therapie bei heterogenen Störungsbildern; empirisch gestützte wahrnehmungs- und bewegungsorientierte Grafomotorik-Förderung (Fischer/Wendler; Stachelhaus). ()
Verweise auf diese Seite
- Motorische Entwicklung Zettelkasten
- Ressourcen- und Kompetenzorientierung in der Psychomotorik Zettelkasten
- Selbstwirksamkeit in der Psychomotorik Zettelkasten