Selbstwirksamkeit in der Psychomotorik
Neben den exekutiven Funktionen ist die Selbstwirksamkeit der zweite tragende Brückenpfeiler zwischen psychomotorischer Förderpraxis und psychologischer Theorie. Die Psychomotorik schafft Situationen, in denen ein Kind über gelingende, selbst bewältigte Bewegungshandlungen unmittelbar erfährt, dass es wirksam ist – und knüpft damit an Banduras Selbstwirksamkeitserwartung an.
Die Brücke: Bewegungserfolg als Bewältigungserfahrung
Banduras wirkmächtigster Befund ist die Rangordnung der vier Quellen der Selbstwirksamkeit: An erster Stelle steht die Bewältigungserfahrung (enactive mastery experience) – das reale, selbst erbrachte Erfolgserlebnis, «the most influential source of efficacy information» (Bandura 1997, S. 80). Genau hier liegt die Stärke der Psychomotorik: Eine gelingende, als eigene Leistung erlebte Bewegungshandlung ist eine solche Bewältigungserfahrung – leiblich, sofort spürbar und eindeutig selbst verursacht. Bewegung ist damit kein Umweg zur Selbstwirksamkeit, sondern ein privilegierter Zugang: nicht zugesprochenes Lob, sondern erlebtes Gelingen.
Möllers: Psychomotorik ermöglicht Selbstwirksamkeitserfahrungen
Möllers (2015) widmet der «Ermöglichung von Selbstwirksamkeitserfahrungen» ein eigenes Kapitel (6.4) und macht sie zum Kern ressourcenorientierter Förderung. Mit Eggert und Reichenbach hält er fest, dass psychomotorische Förderung dem Kind «zu einem Gefühl von Selbstwirksamkeit und Kontrollüberzeugung verhelfen kann, ihm Erfolge vermittelt, Kompetenzen verleiht» (~S. 33); Erlebnisse werden bewusst gemacht und Erfolge bekräftigt – ausdrücklich als Selbstwirksamkeitserfahrungen (~S. 131). Möllers liefert damit die PMT-Seite der Brücke; die Verbindung zu Banduras Theorie ist hier konzeptuell hergestellt (siehe Anmerkung der Redaktion).
Warum das für die Förderpraxis zählt
Kinder mit motorischen Entwicklungsstörungen tragen oft ein Misserfolgs-Selbstbild: Sie erwarten zu scheitern, vermeiden Bewegung – und verfestigen so die Schwierigkeit. Die Psychomotorik durchbricht diesen Kreis, indem sie bedeutsame, erreichbare Bewegungsaufgaben in passender Schwierigkeit anbietet (Passung statt Über- oder Unterforderung), in denen Erfolg real erlebbar wird: Bewegungserfolg → Selbstwirksamkeit → mehr Anstrengung und Ausdauer → weitere Erfolge. Das verbindet die Selbstwirksamkeit mit der Ressourcenorientierung (Blick auf Gelingendes statt auf Defizite) und mit den exekutiven Funktionen, die als gelingende Selbstregulation eine zweite Route zum Wirksamkeitserleben bilden.
Verbindungen
- Selbstwirksamkeitserwartung (Bandura) – Die psychologische Theorie (Bandura): Selbstwirksamkeitserwartung und ihre vier Quellen; die Bewältigungserfahrung ist die wirksamste – der Andockpunkt der Psychomotorik.
- Ressourcen- und Kompetenzorientierung in der Psychomotorik – Selbstwirksamkeit ist das Zielkonstrukt ressourcenorientierter Förderung; dort verortet Möllers den Mechanismus, den diese Notiz vertieft.
- Psychomotorische Trias: Wahrnehmen – Bewegen – Erleben – Über die Einheit von Bewegen und Erleben wird Wirksamkeit leiblich erfahrbar, nicht bloss behauptet.
- Exekutive Funktionen – Zweite Route zum Wirksamkeitserleben über gelingende Selbstregulation; ergänzt den Bewegungserfolg.
- Motorische Entwicklungsstörungen – Erklärt das Misserfolgs-Selbstbild, das dieser Zugang gezielt aufbricht.
- PMT – Bewegung als Entwicklungsmedium – das Grundverständnis der PMT, auf dem dieser Wirkmechanismus aufruht.
- Kontrolle und Autonomie bei Anorexie – klinische Anwendung: echte Selbstwirksamkeit als Gegenangebot zur rigiden Kontrolle bei der Anorexie.
Literatur
- Möllers, J. (2015). Psychomotorische Förderung in der Heilpädagogik. Hilfe durch Bewegung. Stuttgart: Kohlhammer. https://doi.org/10.17433/978-3-17-025224-0 — Kap. 6.4 «Ressourcenorientierung und Ermöglichung von Selbstwirksamkeitserfahrungen» (~S. 179 ff.); mit Eggert & Reichenbach: PMT vermittelt über Bewegung Erfolge und ein Gefühl von Selbstwirksamkeit (~S. 33, 131). ()
- Bandura, A. (1997). Self-efficacy. The exercise of control. New York: Freeman. — Enactive Mastery Experience / Bewältigungserfahrung als «the most influential source of efficacy information» (S. 80); übernommen aus der verifizierten Notiz . ()
Verweise auf diese Seite
- Kontrolle und Autonomie bei Anorexie Zettelkasten
- Motorische Entwicklungsstörungen Zettelkasten
- Neurofeedback Zettelkasten
- Psychomotoriktherapie – Bewegung als Entwicklungsmedium Zettelkasten
- Psychomotorische Interventionsbausteine bei Anorexie Zettelkasten
- Ressourcen- und Kompetenzorientierung in der Psychomotorik Zettelkasten
- Selbstwirksamkeitserwartung (Bandura) Zettelkasten