Psychomotorische Trias: Wahrnehmen – Bewegen – Erleben
Die psychomotorische Trias meint die Grundannahme, dass Wahrnehmen, Bewegen und Erleben keine getrennten Funktionen sind, sondern eine untrennbare Einheit bilden. Sie ist das anthropologische Fundament der Psychomotorik – und damit der Boden, auf dem Bewegung als Entwicklungsmedium überhaupt erst trägt: Wer ein Kind in seiner Bewegung begleitet, begleitet zugleich immer sein Wahrnehmen und sein emotionales Erleben.
Die Einheit von Wahrnehmen, Bewegen und Erleben
Fischer fasst diese Einheit im «Wahrnehmungskonstrukt»: Wahrnehmung und Bewegung bilden eine «untrennbare Einheit» – und mit ihr die Einheit von Individuum und Umwelt. Bewegungserfahrungen entstehen entsprechend in ständiger Wechselbeziehung zu «Wahrnehmen, Bewegen, Erleben und Verarbeiten». Zimmer beschreibt die kindliche Bewegung als «Einheit von Erleben, Denken, Fühlen und Handeln»; an der Bewegungshandlung sei «immer die ganze Person beteiligt». Reichenbach buchstabiert dieselbe Einheit als dynamisches Wechselspiel sensomotorischer (Wahrnehmung ↔ Bewegung), affektlogischer (Fühlen ↔ Denken) und kommunikativ-sozialer Prozesse.
Theoretisch wurzelt diese Sicht in von Weizsäckers Gestaltkreis – einer «Theorie der Einheit von Wahrnehmen und Bewegen». Die Trias ist also kein Slogan, sondern eine Wahrnehmungs- und Handlungstheorie.
Der Begriff: «psychisch» und «motorisch» als funktionelle Einheit
Der Begriff «psychomotorisch» kennzeichnet die «funktionelle Einheit psychischer und motorischer Vorgänge, die enge Verknüpfung des Körperlich-Motorischen mit dem Geistig-Seelischen» (Zimmer; bei Reichenbach wortgleich zitiert). Die Begriffsprägung geht auf Hünnekens/Kiphard (1960) zurück. Fischer verankert sie in einem holistischen Menschenbild (Einheit von Körper, Seele und Geist): Psychomotorik nutzt die Wechselwirkung psychischer und motorischer Prozesse und bezieht sie auf die menschliche Persönlichkeitsentwicklung.
Warum das für die Förderpraxis zählt
Weil die drei Dimensionen eine Einheit sind, wirkt Förderung über die Bewegung auf die ganze Person: Gelingende Bewegungshandlungen stärken zugleich Wahrnehmung, Selbstbild und Selbstwirksamkeit. Das begründet den ressourcen- statt defizitorientierten Zugang der Psychomotorik und unterscheidet sie vom rein körperfunktionalen Blick – die fachliche Abgrenzung dazu hält die Weiche PMT ↔ Ergotherapie fest.
Verbindungen
- Psychomotoriktherapie – Bewegung als Entwicklungsmedium – Die Trias ist das anthropologische Fundament, auf dem «Bewegung als Entwicklungsmedium» aufruht.
- Motorische Entwicklung – Der konkrete Entwicklungsstrang, an dem die Einheit von Wahrnehmen und Bewegen beobachtbar wird.
- Exekutive Funktionen – Selbstregulation als zeitgenössische Präzisierung der psychisch-motorischen Kopplung.
- selbstkonzept-und-selbstwert – Die Erlebensdimension der Trias speist über Bewegungserfahrung das Selbstbild.
- Selbstwirksamkeitserwartung (Bandura) – Gelingende Bewegungshandlung übersetzt sich in Selbstwirksamkeit; Brücke zur Sozialpsychologie (Bandura).
- Interozeption – die nach innen gerichtete Wahrnehmungsseite der Trias; klinisch v. a. bei Anorexie beeinträchtigt.
Literatur
- Zimmer, R. (2019). Handbuch Psychomotorik. Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung von Kindern (Überarb. Neuausg., 14. Gesamtaufl.). Freiburg im Breisgau: Herder. — Begriffsklärung (Kap. 1): «funktionelle Einheit psychischer und motorischer Vorgänge»; Bewegung als Ausdrucksmedium, «die ganze Person». ()
- Fischer, K. (2009). Einführung in die Psychomotorik (3., überarb. u. erw. Aufl.). München: Reinhardt. — Wahrnehmungskonstrukt als «untrennbare Einheit von Wahrnehmung und Bewegung» (~S. 206); holistisches Menschenbild (~S. 32). ()
- Reichenbach, C. (2010). Psychomotorik. München: Reinhardt. — Definitionen 1–2 (S. 6: Hünnekens/Kiphard 1960 sowie Zimmer); Wechselspiel sensomotorisch/affektlogisch/sozial (~S. 57). ()
Verweise auf diese Seite
- Exekutive Funktionen Zettelkasten
- Interozeption Zettelkasten
- Kompetenzbereiche der Psychomotorik: Ich – Sach – Sozial Zettelkasten
- Körpererfahrung: Körperschema und Körperbild Zettelkasten
- Motorische Entwicklung Zettelkasten
- Psychomotorische Ansätze im Überblick Zettelkasten
- Psychomotorische Haltung und Beziehung Zettelkasten
- Ressourcen- und Kompetenzorientierung in der Psychomotorik Zettelkasten
- Selbstwirksamkeit in der Psychomotorik Zettelkasten