Schule bei Essstörungen – Früherkennung
Körpergewicht, Körperbild und Gewichtsreduktion sind schon bei 11- bis 15-Jährigen relevante Themen: Die Schweizer HBSC-Daten zeigen leichtes bis starkes Untergewicht und Diätversuche bei je rund einem Siebtel, eine breite Unzufriedenheit mit dem eigenen Körpergewicht, eine Verschlechterung des Körperbilds gegenüber 2018 (besonders bei Mädchen) und einen positiven Zusammenhang von Körpergewichtsunzufriedenheit mit der Nutzungshäufigkeit sozialer Netzwerke (Balsiger et al. 2023). Das belegt keine AN-Prävalenz, beschreibt aber den schulischen Belastungskontext, in dem sich essstörungsnahe Entwicklungen abspielen.
Im Schulalter gewinnen Peers, Leistung und Sport stark an Bedeutung; Körper, Aussehen und sportliche Leistung werden verglichen und bewertet. Sport kann schützen, aber auch Druck erzeugen – besonders in Sportarten mit Betonung von Gewicht, Aussehen oder Ausdauer (Pauli 2018) (Thimme et al. 2021) (Moriarty & Moriarty 1994). Schutzfaktoren sind gelingende Peerbeziehungen, unterstützende schulische Bezugspersonen, ein förderliches Schulklima und soziale Kompetenzen (Eschenbeck & Lohaus 2022) (Resch & Parzer 2022) (Wolgast & Donat 2020).
Entscheidend ist die Grenze: AN ist eine schwere psychische und somatische Erkrankung, die nicht im schulischen Förderkontext allein behandelt werden kann; empfohlen wird multidimensionale, oft teilstationäre Behandlung (Jaite et al. 2024). Die PMT ist über ihre schulische Verankerung nah an der Lebenswelt und an der Schnittstelle von Bildung und Gesundheit angesiedelt (Psychomotorik Schweiz 2021) (Sägesser Wyss & Egloff-Lehner 2019). Dass PMT auch in einem essstörungsspezifischen Versorgungskontext vorkommt, zeigt exemplarisch das Genfer ESCAL-Programm – mit psychomotorisch begleiteten Mahlzeiten und Psychomotorik-Gruppen in der Tagesklinik (ein Praxis-/Implementationsbeispiel, kein Wirksamkeitsnachweis) (Ortiz et al. 2019). Zentral bei der Behandlung sind sensible Übergänge und die vorbereitete schulische Reintegration (Stundenplan, Mittagssituation, körperliche Belastung in der Refeeding-Phase) (Ayrolles et al. 2024).
Verbindungen
- Unterstützungssystem Volksschule – wo PMT als sonderpädagogische Massnahme institutionell sitzt.
- PMT ↔ Ergotherapie – die multiprofessionelle Nachbarschaft, in die PMT eingebettet ist.
- Hub – die übergeordnete Positionierung (Schule = Anschlussort).
Literatur
- Balsiger, N., Schmidhauser, V. & Delgrande Jordan, M. (2023). Körpergewicht und Körperbild bei Jugendlichen. Lausanne: Sucht Schweiz. https://edudoc.ch/record/232864
- Heinen, A., Samuel, R., Vögele, C. & Willems, H. (Hrsg.) (2022). Wohlbefinden und Gesundheit im Jugendalter. Theoretische Perspektiven, empirische Befunde und Praxisansätze. Wiesbaden: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-658-35744-3
- Resch, F. & Parzer, P. (2022). Risikoverhalten und Selbstregulation bei Jugendlichen. Eine Kybernetische Sichtweise. Cham: Springer.
- Scherenberg, V. & Pundt, J. (Hrsg.) (2020). Psychische Gesundheit wirksam stärken – aber wie? Bremen: Apollon University Press.
- Pauli, D. (2018). Size Zero. Essstörungen verstehen, erkennen und behandeln. München: Beck.
- Thimme, T., Deimel, H. & Hölter, G. (2021). Bewegung und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Grundlagen – Störungsbilder – Therapie. Stuttgart: Schattauer.
- Moriarty, D. & Moriarty, M. (1994). Eating Disorders and Sports. Windsor (Ontario, Canada): University of Windsor.
- Ortiz, N., Rebetez, M. M. L., Alberque, C. & Bondolfi, G. (2019). Evaluation et prise en charge des troubles du comportement alimentaire. Une expérience clinique à Genève. Revue Médicale Suisse, 15(637), 351–353. https://doi.org/10.53738/REVMED.2019.15.637.0351
- Psychomotorik Schweiz (2021). *Berufsbild Psychomotoriktherapeut*in*.
- Sägesser Wyss, J. & Egloff-Lehner, K. (2019). Wirksamkeitsstudien zur Psychomotoriktherapie. Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik, 25(9), 46–52.
- Jaite, C., Salbach, H. & Jacobi, C. (2024). Anorexia und Bulimia nervosa im Jugendalter. Kognitiv-verhaltenstherapeutisches Behandlungsmanual. Mit Online-Material (3., neu ausgest. Aufl.). Weinheim: Beltz.
- Ayrolles, A., Clarke, J., Godart, N., André-Carletti, C., Barbe, C., Bargiacchi, A., Blanchet, C., Bergametti, F., Bertrand, V., Caldagues, E., Caquard, M., Castellotti, D., Delorme, R., Dreno, L., Feneon-Landou, D., Gerardin, P., Guessoum, S., Gicquel, L., Léger, J., Legras, S., Noel, L., Fjellestad-Paulsen, A., Poncet-Kalifa, H., Bat-Pitault, F. & Stordeur, C. (2024). Early-onset anorexia nervosa. A scoping review and management guidelines. Journal of Eating Disorders, 12(1), 182. https://doi.org/10.1186/s40337-024-01130-9