Die vier Bewegungen schulischer Führung
Eine operationalisierte Theorie.
Zuerst die Pflicht
Vor allen Fragen schulischer Führung steht eine ethische Grundannahme: Kinder wenden sich Lehrpersonen, Schulleitungen und Erwachsenen mit einem grundsätzlichen Vertrauensvorschuss zu. Sie möchten ankommen, sich zeigen, es richtig machen. Diese Bereitschaft ist ein Geschenk – und sie verpflichtet. Daraus folgt eine doppelte Schuld: gegenüber dem Kind, das im Hier und Jetzt unsere Aufmerksamkeit verdient, und gegenüber dem Erwachsenen, der auf seine Schulzeit zurückblickt. Was diese Erinnerung der Schule ist, entscheidet sich jeden Tag. Wir schulden Kindern nicht nur Schulwissen, sondern auch das Bild, das sie einmal von der Schule haben.
Diese Haltung ist kindzentriert. Natürlich hat Schule auch eine gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Funktion. Wenn wir Schule aber instrumentell auf ihren gesellschaftlichen Nutzen ausrichten, tun wir nichts für das Kind. Handeln wir hingegen ohne links und rechts für das Kind, nützt das der Gesellschaft allemal. Weil aus Schulkindern junge Erwachsene werden, die wiederum ankommen, sich zeigen und es richtig machen wollen. Mit dieser Disposition begegnen sie dem grossen Leben. Dafür brauchen sie Selbstwirksamkeitserwartung, was Albert Bandura begrifflich gefasst hat ().
Der Führungsleitspruch
Dieser persönliche Führungsleitspruch verdichtet eine pädagogische Führungs-Haltung in vier Bewegungen. Strukturell ein Quartett im Infinitiv mit Anapher auf das Verb «gehen» – inhaltlich eine Dramaturgie der Beziehung, die sich von der Annäherung über die Vertiefung zur Fokussierung und schliesslich zum bewussten Loslassen bewegt. Jede der vier Zeilen hat einen direkten Anschluss an etablierte Konzepte der Pädagogik, Kommunikationstheorie und Führungsforschung. Diese Note schlüsselt den akademischen Unterbau auf und zeigt, wie der gesamte Leitspruch sich als operationalisierte Selbstwirksamkeitsförderung lesen lässt.
Theorie schulischer Führung – nicht nur Schulleitung
Die vier Bewegungen beschreiben schulische Führung auf jeder Stufe: in der Klassenführung der Lehrperson gegenüber den Schüler:innen, in der Personalführung der Schulleitung gegenüber dem Kollegium, und in der Selbstführung jeder professionell Tätigen. Für jede dieser Stufen bestehen direkte empirische Belege – auf der Klassen-Ebene durch Hatties Lehrer-Schüler-Beziehungsforschung (Hattie 2009, 2023; d ≈ 0.52), auf der Schulleitungs-Ebene durch Hattie und Clarke (2019) zur Architektur von Teacher Self-Efficacy. Die psychologische Klammer aller Ebenen ist Banduras Selbstwirksamkeitstheorie (1997). Was im Leitspruch wie eine einzige Bewegung formuliert ist, ist also empirisch eine mehrschichtige Aussage mit ebenenspezifischen Belegen.
Erste Bewegung – auf Augenhöhe gehen
Die Eröffnungsgeste. Sie verlangt die bewusste Symmetrisierung einer strukturell asymmetrischen Beziehung – Schulleitung führt, Lehrperson wird geführt; Lehrperson lehrt, Schüler:in lernt. Augenhöhe ist nicht die Aufhebung der Asymmetrie (die wäre Verleugnung der Rolle), sondern die bewusste Geste, die Person gegenüber der Rolle ernst zu nehmen.
Konzeptuelle Anschlüsse:
- Selbstwirksamkeit nach Bandura (1997): Sie kann sich nur in einer Person entwickeln, die als handlungsfähiges Subjekt anerkannt ist. Augenhöhe ist die Voraussetzung dafür, dass Selbstwirksamkeit überhaupt erlebt werden kann.
- Symmetrische vs. komplementäre Kommunikation nach Watzlawick, Beavin und Jackson (1967): Asymmetrische Kommunikationsmuster sind in hierarchischen Strukturen unvermeidbar, aber sie können in einzelnen Interaktionen bewusst symmetrisch gestaltet werden.
- Anerkennungstheorie nach Axel Honneth (1992): Drei Sphären der Anerkennung – emotional, rechtlich, sozial. Augenhöhe ist die Anerkennungsform, die die andere Person als handlungs- und reflexionsfähiges Subjekt ernst nimmt.
- Dialogische Philosophie nach Martin Buber (1923): Die Unterscheidung «Ich-Du» versus «Ich-Es». Auf Augenhöhe gehen heisst, das Gegenüber als Du zu adressieren, nicht als Funktion.
- Hans-Günter Rolffs Begriffsklärung: In Schulleitung auf den Punkt gebracht (2017) verwendet Rolff im Kapitel «Begriffe von Schulleitung» (S. 13) wörtlich den Begriff «auf Augenhöhe» als kennzeichnendes Merkmal moderner Schulleitungs-Praxis Punkto Zielvereinbarungen. Damit ist die Symmetrisierung der asymmetrischen Beziehung nicht nur eine persönliche Haltung, sondern in der deutschsprachigen Schulleitungs-Literatur als Begriff explizit verankert (vgl. rolff-2017-schulleitung-auf-den-punkt-gebracht-by7x3kjx).
- Mindframe-Beleg auf der Klassenebene (Hattie & Clarke 2019, S. 44): In ihrer dreischichtigen Mindframes-Tabelle formuliert das Schüler-Mindframe als operationalisierte Wirkungsbeschreibung von Augenhöhe – «I feel valued, respected, liked and listened to by my teachers. I offer them the same courtesy.» Damit ist die erste Bewegung auf der Klassenführungs-Ebene direkt empirisch und mindframe-theoretisch verankert; das Gegenseitigkeits-Element («I offer them the same courtesy») betont zugleich die Multidirektionalität der Feedback-Kultur.
- Partizipative Schulkultur im Schweizer Diskurs: Lehrplan 21 und das LCH-Berufsleitbild 2024 formulieren die Lehrperson explizit als professionell autonomes Subjekt, das in der Schulkonferenz mitbestimmt – die Schulleitung wirkt im Kollegium, nicht über es.
Zweite Bewegung – in die Beziehung gehen
Nach der Symmetrisierung folgt die Vertiefung. Auf Augenhöhe ist eine Geste, Beziehung ist eine Praxis. «In die Beziehung gehen» impliziert eine bewusste Investition von Zeit, Aufmerksamkeit und emotionaler Präsenz. Es ist die Weigerung, sich hinter Funktion und Distanz zu verstecken.
Konzeptuelle Anschlüsse:
- Selbstwirksamkeit nach Bandura (1997): Zwei der vier Quellen – Verbal Persuasion (glaubwürdige Rückmeldung) und Affective States (emotional-körperliche Verfassung) – wirken nur, wenn eine tragende Beziehung sie vermittelt.
- Hatties Lehrer-Schüler-Beziehung als Beleg auf der Klassenführungs-Ebene: In den Visible-Learning-Metaanalysen (Hattie 2009, 2023) gehört die Qualität der Lehrer-Schüler-Beziehung zu den top-wirksamen Faktoren auf Lernerfolg (d ≈ 0.52). Das ist der direkte empirische Beleg für die zweite Bewegung auf der Klassen-Ebene.
- Hattie und Clarke (2019) als Beleg auf der Schulleitungs-Ebene (S. 43): «Are school leaders establishing a climate that creates a high sense of teacher self-efficacy, so that teachers can work together as change agents?» – damit ist die zweite Bewegung auch auf der Schulleitungs-Lehrer-Ebene direkt empirisch verankert; nicht als Analogie zur Klassen-Ebene, sondern als eigenständiger Befund. Plus die zentrale Trust-Self-Efficacy-Kette (S. 23): «High self-efficacy and trust are needed for feedback to be effective.» Das Lehrer-Mindframe S. 44 formuliert das operativ: «I build relationships and trust so that learning can occur in a place where it is safe to make mistakes and learn from others.» – die Beziehungsarbeit der Lehrkraft gegenüber den Schüler:innen findet ihre Entsprechung in der Beziehungsarbeit der Schulleitung gegenüber dem Kollegium.
- Personenzentrierte Pädagogik nach Carl Rogers, in der deutschsprachigen Rezeption ausgearbeitet von Reinhard und Anne-Marie Tausch (1998): Drei Grundhaltungen – Echtheit (Kongruenz), Akzeptanz (positive Wertschätzung), Empathie (einfühlendes Verstehen).
- Kommunikationsquadrat nach Schulz von Thun: Jede Äusserung trägt neben der Sache eine Beziehungsseite – «was ich vom anderen halte und wie ich zu ihm stehe» (Kommunikationsquadrat). Beziehung entsteht also nicht neben der Arbeit, sondern in jedem Satz. Das zweite Axiom bei Watzlawick et al. (2017) liefert zugleich einen Grund für die Reihenfolge des Leitspruchs: Der Beziehungsaspekt bestimmt den Inhaltsaspekt (S. 64) – deshalb steht die zweite Bewegung vor der dritten.
- Bindungstheorie nach Bowlby (1969) und Ainsworth (1978): Sichere Bindung ist die Voraussetzung für Exploration und Lernen. In Organisationen analog: psychologische Sicherheit (Edmondson 1999) als Bedingung für Lernen, Risiko und Innovation.
- Pestalozzis Trias «Kopf – Herz – Hand»: Beziehung als Voraussetzung für jede Form von Lernen, nicht als nettes Beiwerk.
Dritte Bewegung – auf Wichtiges eingehen
Nach Symmetrie und Beziehung folgt die Selektion. Nicht alles, was die andere Person bewegt, ist gleich relevant; nicht jede Frage verdient die gleiche Tiefe. Die dritte Bewegung verlangt Unterscheidungsvermögen – was ist gerade wichtig, was ist Rauschen, was ist Vorderbühne, was ist Hinterbühne. Das ist eine genuin pädagogische und führungsethische Aufgabe.
Konzeptuelle Anschlüsse:
- Selbstwirksamkeit nach Bandura (1997): Mastery Experience als stärkste der vier Quellen wirkt nur, wenn die Aufgabe richtig dimensioniert ist – weder trivial noch überfordernd. Auf Wichtiges einzugehen heisst auch, dafür den richtigen Massstab zu finden.
- Subsidiaritätsprinzip: Höhere Ebene greift nur ein, wenn die untere nicht selbst handeln kann. Auf Wichtiges eingehen heisst, das eigene Eingreifen auf das Notwendige zu beschränken, das andere selbst lösen zu lassen.
- Didaktische Reduktion nach Klafki: Bildung als bewusste Auseinandersetzung mit dem Wesentlichen, nicht mit der Fülle. Wer auf alles eingeht, geht auf nichts ein.
- Coaching-Theorie nach Whitmore (2002) und das GROW-Modell: Aktives Zuhören und gezielte Fragen statt vorschneller Antworten. Auf Wichtiges einzugehen heisst, die richtige Frage zu stellen, nicht die schnellste Lösung anzubieten. GROW ist bei Whitmore eine Fragenfolge in vier Schritten – Ziel, Wirklichkeit, Optionen und die Frage, was wann von wem getan wird (S. 54). Entscheidend ist sein Zusatz auf der Folgeseite: Der Kontext von GROW seien Bewusstheit und Verantwortung (S. 55). Ohne diesen Kontext bleibt die Fragenfolge eine Gesprächstechnik – und genau daran scheitert sie in Schulleitungshänden, wenn die Frage nur die Antwort verpackt, die man ohnehin geben wollte.
- Aufmerksamkeitsökonomie: In einer Schul-Realität mit hoher Informationsdichte und hohem Erwartungsdruck ist Aufmerksamkeit das knappste Gut der Schulleitung. Wer sie verteilt, sendet damit die stärksten Signale – die MAG-Frequenz und ‑Qualität ist ein operativer Ausdruck davon.
Vierte Bewegung – gehen lassen
Die Volte des Leitspruchs. Nach Annäherung, Vertiefung und Fokussierung folgt nicht die Übernahme, sondern die Übergabe. «Und dann: gehen lassen» ist das paradox Wirkungsvolle – die Bewegung hin zur anderen Person hat den Zweck, sie eigenständig handeln zu lassen. Wer nicht loslässt, erntet das Gegenteil von Wachstum: Abhängigkeit.
Konzeptuelle Anschlüsse:
- Selbstwirksamkeit nach Bandura (1997): Mastery Experience setzt voraus, dass die Person das Ergebnis sich selbst zuschreiben kann. Wer nicht losgelassen wird, dem fehlt die zentrale Quelle der Selbstwirksamkeit.
- Empowerment-Theorie nach Rappaport (1981) und Thomas & Velthouse (1990): Vier Dimensionen – Sinnhaftigkeit, Kompetenz, Selbstbestimmung, Einfluss. Empowerment ist nicht «mehr Macht geben», sondern Bedingungen schaffen, unter denen die andere Person ihre Wirksamkeit erleben und ausbauen kann.
- Servant Leadership nach Robert Greenleaf (1970): Die Führungskraft dient den Geführten; sie befähigt, hält aber nicht. «Are those served growing as persons?» ist Greenleafs Lackmustest.
- Transformationale Führung nach Burns (1978) und Bass (1985): Hebt die Geführten auf eine höhere Ebene des eigenen Wirkens, durch Inspiration, individualisierte Aufmerksamkeit und intellektuelle Stimulierung.
- Coaching-Haltung (Whitmore (2002)): Eigenständigkeit fördern statt Lösungen liefern. Wer als SL die Lösung selbst bringt, raubt der Lehrperson die Selbstwirksamkeitserfahrung. Whitmore bestimmt Coaching als das Freilegen des Potenzials einer Person, damit sie ihre eigene Leistung entfaltet – Lernen ermöglichen statt belehren (S. 8); das Wesen guten Coachings sei, Bewusstheit und Verantwortung aufzubauen (S. 32). Gehen lassen ist damit keine Nettigkeit, sondern die Bedingung dafür, dass Verantwortung überhaupt bei der Lehrperson ankommt.
- Loslassen als pädagogische Tugend: In der Erziehungswissenschaft seit Maria Montessori («Hilf mir, es selbst zu tun») als Grundhaltung formuliert.
Bandura-Anschluss – der Leitspruch als operationalisierte Selbstwirksamkeitsförderung
Die spannendste theoretische Lesart: Der gesamte Vier-Klang lässt sich als Setting für Selbstwirksamkeitsförderung nach Bandura (1997) interpretieren. Jede Bewegung schafft eine der Bedingungen, unter denen Selbstwirksamkeit überhaupt entstehen kann. Der Leitspruch ist damit eine Operationalisierung der Selbstwirksamkeitstheorie – die Übersetzung der abstrakten Konstrukte Banduras in konkrete Handlungen einer Schulleitung:
| Bandura (abstrakt) | Leitspruch (operationalisiert) |
|---|---|
| Selbstwirksamkeit braucht Anerkennung als handlungsfähiges Subjekt | Auf Augenhöhe gehen |
| Verbal Persuasion und Affective States wirken nur, wenn die Beziehung trägt | In die Beziehung gehen |
| Mastery Experience muss richtig dimensioniert sein | Auf Wichtiges eingehen |
| Mastery braucht echte Verantwortungsübernahme | Und dann: gehen lassen |
Im Detail ausgeführt, mit den jeweiligen Bandura-Quellen:
| Bewegung | Bandura-Anschluss | Hattie & Clarke (2019) – mehrschichtige Belege |
|---|---|---|
| Auf Augenhöhe gehen | Voraussetzung: Die Person wird als handlungsfähiges Subjekt anerkannt. Wer von oben behandelt wird, kann sich nicht als wirksam erleben. Erlaubt das Erleben überhaupt. | Klassen-Ebene: Schüler-Mindframe S. 44 «I feel valued, respected, liked and listened to». SL-Ebene: «Are school leaders establishing a climate …?» (S. 43). Multidirektionalitäts-Definition S. 24. |
| In die Beziehung gehen | Quelle 3 – Verbal Persuasion: Glaubwürdige Rückmeldung wirkt nur, wenn die Beziehung trägt. Lob ohne Beziehung verpufft, Kritik ohne Beziehung verletzt. Plus: Quelle 4 – Affective States: Die Beziehung reguliert Stress und emotionale Sicherheit. | Klassen-Ebene: Lehrer-Mindframe S. 44 «I build relationships and trust». SL-Ebene: Trust-Self-Efficacy-Kette S. 23 «High self-efficacy and trust are needed for feedback to be effective»; SL als Architektin von Teacher Self-Efficacy S. 43. |
| Auf Wichtiges eingehen | Quelle 1 – Mastery Experiences werden vorbereitet: Die SL hilft, Aufgaben so zu dimensionieren und Schwerpunkte so zu setzen, dass Erfolgserfahrung möglich wird. Plus Quelle 2 – Vicarious Experiences: Modelle werden sichtbar gemacht, wo sinnvoll. | SL-Ebene: «Know thy impact» als SL-Imperativ S. 95; «needs courage among school leaders to make clear that all practices in the school have only one aim – to further student learning». |
| Und dann: gehen lassen | Direkt Mastery Experience: Nur wer wirklich selbst handelt, kann erleben, dass er es war. Wer nicht losgelassen wird, dem fehlt die zentrale Selbstwirksamkeitsquelle. | SL-Ebene: «teachers can work together as change agents» S. 43; Mindframe-Bezug auf «being significant in every student’s life» als Voraussetzung der eigenen Wirksamkeitserfahrung. |
Die vierte Bewegung ist damit nicht nur eine ethische Geste, sondern eine psychologisch notwendige Bedingung für Selbstwirksamkeit. Ohne Loslassen kein Mastery – ohne Mastery keine Selbstwirksamkeit – ohne individuelle Selbstwirksamkeit keine kollektive Lehrer-Selbstwirksamkeit (CTE) im Kollegium.
Das ist der Grund, warum dieser Leitspruch nicht nur poetisch funktioniert, sondern auch theoretisch trägt: Er beschreibt ein Setting, in dem das Hauptwirk-Konstrukt der pädagogischen Psychologie – Selbstwirksamkeit – entstehen kann.
Bedeutung für die Schulleitungs-Praxis
Vier Übersetzungen in den konkreten SL-Alltag:
- Im Mitarbeitergespräch wird die Vier-Bewegung sequenziell durchlaufen: Begrüssung auf Augenhöhe → Beziehungsmoment vor dem Sachgespräch → Fokussierung auf zwei oder drei wichtige Themen statt Abklapper-Liste → Vereinbarung von Schritten, die die Lehrperson selbst trägt.
- In der Schulentwicklung strukturiert der Leitspruch die Einführung von Veränderungen: Partizipation auf Augenhöhe → Beziehung zur Steuergruppe → Fokussierung auf einen klaren Schwerpunkt → Verantwortung an die operativ Verantwortlichen abgeben.
- In Konfliktgesprächen ist die Sequenz besonders wirksam: Nicht von oben kommen → Beziehung sichern, bevor die Sache verhandelt wird → die wirkliche Frage hinter dem Konflikt finden → den Beteiligten den Lösungsweg überlassen, statt sie zu entlasten. Das Kommunikationsquadrat erklärt den zweiten Schritt: Spricht die eine Seite über die Sache und die andere über die Beziehung, «reden beide aneinander vorbei».
- In der eigenen Selbstführung: Der Leitspruch ist ein Reflexions-Instrument – nach jedem schwierigen Gespräch lässt sich fragen, in welcher der vier Bewegungen es schwergefallen ist. Meist scheitert es nicht am Verstehen der Sache, sondern an einer der vier Bewegungen.
Stolpersteine
Alle vier Stolpersteine haben dieselbe Form: Eine Bewegung wird übertrieben, weil ihr die Gegenbewegung fehlt. Das ist das Muster des Werte- und Entwicklungsquadrats nach Schulz von Thun: Jede Tugend braucht eine «Schwestertugend», sonst wird sie «des Guten zu viel». Zwei der vier Paare beschreibt er selbst. Wer führt, braucht klare Vorgaben und den «partnerschaftlichen Dialog auf Augenhöhe»; Dialog ohne Festigkeit endet in einer «menschenfreundlichen Unverbindlichkeit» (Stichwort «Führung»). Und zur Kontaktfähigkeit gehört neben der Empathie die Abgrenzung – einfühlen, ohne mit dem anderen zu verschmelzen (Stichwort «Abgrenzung»). Für das Loslassen liegt sein Paar aus Partizipation und strukturgebender Direktivität nahe (Stichwort «Direktivität»); das Paar der dritten Bewegung, Aufmerksamkeit und Auswahl, ist eigene Übertragung.
- Aug-zu-Aug-Sentimentalität: «Auf Augenhöhe» kann zur Verleugnung der Rolle werden. Die SL ist nicht Kollegin, sondern Vorgesetzte – Symmetrisierung der Person, nicht Auflösung der Funktion. Schulz von Thun nennt die Falle einen Intra-Rollenkonflikt: Die Rollenpartner hegen «nicht nur und nicht immer dieselben Erwartungen» – im Beispiel des Lexikons eine Vorgesetzte, deren Mitarbeitende erwarten, dass sie sich für sie stark macht, während ihr eigener Vorgesetzter erwartet, dass sie die Leute zu mehr Einsatz motiviert; für die Schulleitung stehen an diesen Stellen Kollegium und Behörde. Wer dann nach der Devise «allen wohl und niemand weh!» führt, kommt «bald in Teufels Küche»; nötig sei «die Erarbeitung eines Eigenstandpunktes, der dann nach beiden Seiten hin, notfalls auch mit Nachdruck, zu vertreten ist» (Stichwort «Rolle»). Der Eigenstandpunkt ist die Schwestertugend der Augenhöhe; welche Rolle die Situation gerade verlangt, klärt das Situationsmodell.
- Beziehungs-Verschmelzung: «In die Beziehung gehen» verlangt Nähe ohne Verschmelzung. Eine SL, die mit allen befreundet ist, verliert ihre Führungsfähigkeit.
- Falsches Wichtig-Nehmen: «Auf Wichtiges eingehen» kann auch heissen, nicht auf alles einzugehen. Die Disziplin liegt in der Selektion, nicht in der maximalen Aufmerksamkeit.
- Gehen-Lassen als Abwesenheit: Loslassen ist nicht Abdanken. Wer gehen lässt, bleibt verfügbar – die Lehrperson weiss, dass sie zurückkommen kann.
Verbindungen
- Selbstwirksamkeitserwartung nach Bandura – die zentrale theoretische Klammer; jede der vier Bewegungen schafft Voraussetzungen für Banduras vier Quellen
- Kollektive Lehrer-Wirksamkeit (CTE) – Folgewirkung: Wer den Leitspruch im Kollegium lebt, schafft die Bedingungen für CTE
- Selbstführung der Schulleitung – der Leitspruch funktioniert nur, wenn die SL sich selbst führen kann; ohne Selbstführung verkommt er zu Phrase
- Selbstführung in der pädagogischen Profession – Selbstführung als Voraussetzung für jede der vier Bewegungen
- Mitarbeitergespräch als Führungsinstrument – das operative Format, in dem der Leitspruch am häufigsten zur Anwendung kommt
- Personalentwicklung im Management – der theoretische Rahmen, in dem Empowerment und gezielte Förderung verortet sind
- Supervision und Intervision – die Reflexionsformate, in denen die eigene Praxis am Leitspruch überprüft werden kann
- Schulleitung 🧭 – die Rolle, in der dieser Leitspruch operativ wird
- Schulleitung als Lernende – Haltung statt Rolle – die Haltung, aus der die vier Bewegungen entspringen
- Lehrperson-Schüler-Beziehung – berufsethische Dimension – die berufsethische Verankerung der Kind-Orientierung
- Kulturmodell – das Loslassen der vierten Bewegung öffnet zugleich den Raum, in dem sich gemeinsames Handeln zu Kultur verdichtet: Mastery des Einzelnen und Gerinnen des Gemeinsamen als zwei Stockwerke derselben Geste
- Human Agency nach Bandura – Loslassen als Übergabe von Agency: Kontrolle ist nicht universell begehrt, deshalb muss die Bewältigung vor dem Loslassen ermöglicht werden
- Kommunikationsquadrat – die Beziehungsseite jeder Äusserung: warum Beziehung in jedem Satz mitgesendet wird und vor der Sache kommt
- Werte- und Entwicklungsquadrat – Augenhöhe und klare Vorgabe als Wertepaar: Schulz von Thuns Führungsquadrat
- Situationsmodell – Rollenpartner und Eigenstandpunkt: welche Rolle die Situation von der Schulleitung verlangt
Literatur
- Bandura, A. (1997). Self-Efficacy: The Exercise of Control. W. H. Freeman.
- Bass, B. M. (1985). Leadership and Performance Beyond Expectations. Free Press.
- Bowlby, J. (1969). Attachment and Loss, Vol. 1: Attachment. Basic Books.
- Buber, M. (1923). Ich und Du. Insel.
- Burns, J. M. (1978). Leadership. Harper & Row.
- Edmondson, A. (1999). Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams. Administrative Science Quarterly, 44(2).
- Greenleaf, R. K. (1970). The Servant as Leader. Greenleaf Center.
- Hattie, J. (2023). Visible Learning – The Sequel. Routledge.
- Hattie, J. & Clarke, S. (2019). Visible Learning. Feedback. London: Routledge. – speziell S. 23 (Trust-Self-Efficacy-Kette), S. 43 (SL als Architektin von Teacher Self-Efficacy), S. 44 (dreischichtige Mindframes-Tabelle: Schüler-, Lehrer-, SL-Ebene), S. 95 («Know thy impact» als SL-Imperativ)
- Honneth, A. (1992). Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte. Suhrkamp.
- Rappaport, J. (1981). In Praise of Paradox. American Journal of Community Psychology, 9(1).
- Rolff, H. G. (2017). Schulleitung auf den Punkt gebracht. Frankfurt am Main: Debus. https://doi.org/10.46499/799 – S. 13: «auf Augenhöhe» als Begriff im Kapitel «Begriffe von Schulleitung»
- Schulz von Thun, F., Zach, K. & Zoller, K. (2012). Miteinander reden von A bis Z. Lexikon der Kommunikationspsychologie. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt. – Stichwörter «Kommunikationsquadrat» (Beziehungsseite, gemeinsame Gesprächsebene), «Werte- und Entwicklungsquadrat», «Führung», «Abgrenzung», «Direktivität», «Rolle». Digitalbuch ohne Druckpaginierung, zitiert nach Stichwort
- Tausch, R. & Tausch, A.-M. (1998). Erziehungspsychologie (11. Aufl.). Hogrefe.
- Thomas, K. W. & Velthouse, B. A. (1990). Cognitive Elements of Empowerment. Academy of Management Review, 15(4).
- Watzlawick, P., Beavin, J. H. & Jackson, D. D. (1967). Pragmatics of Human Communication. Norton.
- Watzlawick, P., Beavin, J. H. & Jackson, D. D. (2017). Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien (13. Aufl.). Bern: Hogrefe. https://doi.org/10.1024/85745-000 – zweites Axiom S. 64 (deutsche Ausgabe, 13. Aufl.)
- Whitmore, J. (2002). Coaching for Performance. GROWing People, Performance and Purpose (3. Aufl.). London: Nicholas Brealey. – Coaching-Definition S. 8; Bewusstheit und Verantwortung als Wesen des Coachings S. 32 (Kapitel 4); GROW als vierschrittige Fragenfolge S. 54, Kontext Bewusstheit und Verantwortung S. 55 (Kapitel 6). Vorliegend die dritte Auflage von 2002 unter dem erweiterten Titel GROWing People, Performance and Purpose; die frühere Angabe dieser Notiz nannte die Erstauflage von 1992, die hier nie vorlag.
- Servant-Haltung und Instructional-Praxis – die Doppel-Architektur – die Verortung des Leitspruchs in der angelsächsischen Leadership-Forschung: Servant Leadership als Haltung, Instructional Leadership als Praxis
- Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz [LCH] (2024). Berufsleitbild LCH | Berufsethik LCH.
Verweise auf diese Seite
- Albert Bandura Namen
- Amtsantritt Zettelkasten
- Der dritte Weg bei Regelverstössen Zettelkasten
- Die Schulentwicklungsinsel Zettelkasten
- Die «John-Nikola-Frage» zur pädagogischen Linie Zettelkasten
- Human Agency nach Bandura: vier Kernmerkmale, drei Modi Zettelkasten
- John Hattie Namen
- Kommunikationsquadrat nach Schulz von Thun: Vier Seiten, vier Schnäbel, vier Ohren Zettelkasten
- Kulturmodell Zettelkasten
- Lokomotion und Kohäsion – die zwei Funktionen jeder Führung Zettelkasten
- Mitarbeitergespräch als Führungsinstrument Zettelkasten
- Pädagogische Autorität nach Reichenbach Zettelkasten
- Roland Reichenbach Namen
- Selbstführung der Schulleitung Zettelkasten
- Servant-Haltung und Instructional-Praxis – die Doppel-Architektur Zettelkasten
- Situationsmodell nach Schulz von Thun: Vorgeschichte, Thema, Konstellation, Ziele Zettelkasten
- Stimmgabel-Modell der Schulentwicklung Zettelkasten
- Werte- und Entwicklungsquadrat nach Schulz von Thun: Schwestertugend, Entwicklungsrichtung, Vorwurfsrichtung Zettelkasten
- Zielvereinbarung und Zielvorgabe: der schmale Grat Zettelkasten