Selbstführung der Schulleitung
Bevor eine Schulleitung andere führen kann, muss sie sich selbst führen können. Dazu gehören bewusste Zeit- und Aufmerksamkeitsallokation (was bekommt wann Vorrang?), regelmässige Reflexion der eigenen Praxis, das Setzen von Grenzen zwischen Beruf und Privatleben und der Aufbau persönlicher Resilienz gegen die hohe Belastung des Amtes.
Begriffsherkunft
«Selbstführung» bzw. «Self-Leadership» ist kein Begriff von Dubs – im ganzen Buch kommt er nicht vor. Er stammt aus der allgemeinen Führungsliteratur (Manz und Sims; Neck und Houghton). Dubs behandelt die Sache aber sehr wohl, unter anderen Begriffen und an einer spezifischen Stelle (siehe unten).
Was Dubs tatsächlich sagt (S. 329–331)
Im Abschnitt «Die Aufgaben der Schulleiterin oder des Schulleiters» weist Dubs ausdrücklich auf die «Gegebenheiten in der Person der Schulleiterin oder des Schulleiters» hin – also auf personale Voraussetzungen, die das Ausmass der Belastung nachhaltig beeinflussen. Er nennt konkret (S. 331):
- die Fähigkeit zu delegieren,
- die Bereitschaft, Prioritäten richtig und mutig zu setzen,
- die Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit), Krisen zu bewältigen und sie durch Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass für Entwicklung zu nutzen,
- die physische und psychische Belastbarkeit sowie die persönliche Leistungsfähigkeit.
Dubs’ Pointe: Bei ungünstigen persönlichen Voraussetzungen helfen selbst die besten Arbeitstechniken wenig. Damit rahmt er Selbstführung nicht als private Tugend neben dem Beruf, sondern als professionell relevante Voraussetzung der Amtsausübung – sie beeinflusst direkt Belastung und Leistungsfähigkeit. (Die zugespitzte Formulierung «Teil der Berufsausübung, nicht ihr Privates daneben» ist eine sachlich gedeckte Interpretation dieser Stelle, kein wörtliches Dubs-Zitat.)
Arbeitstechnik: Zeitmanagement (S. 331)
Als konkrete Massnahme behandelt Dubs unmittelbar anschliessend das Zeitmanagement (Abschnitt «A: Zeitmanagement», S. 331) mit dem «Überprüfen des eigenen Arbeitsverhaltens» als erstem Schritt. Selbstführung beginnt bei Dubs also nüchtern-praktisch: bei der ehrlichen Analyse, wie die eigene Arbeitszeit tatsächlich verwendet wird, bevor Techniken zur Verbesserung greifen.
Abgrenzung: Belastung der Lehrkräfte ≠ Belastung der SL
Wichtig für die korrekte Einordnung: Dubs’ umfangreiche Belastungs-Diskussion (Stress, Burnout, Belastungsmodelle, S. 57–60) zielt primär auf die Lehrkräfte und auf die Aufgabe der Schulleitung, deren Belastung zu steuern. Die hier relevante Perspektive – die Selbst-Belastung und Selbstführung der Schulleitung – ist die spezifische Stelle S. 329–331. Beide Stränge nicht verwechseln: einmal Fürsorge für andere, einmal Sorge für sich selbst.
Psychologische Vertiefung: Selbstwirksamkeit
Dubs benennt Resilienz und personale Ressourcen, bleibt aber auf der Beschreibungsebene. Die psychologische Tiefenschicht dazu liefert Bandura (1997): Die Selbstwirksamkeitserwartung der Schulleitung – die Überzeugung, auch schwierige Amtssituationen bewältigen zu können – ist eine zentrale Ressource für genau die Resilienz, die Dubs fordert. Auch Goleman’s emotionale Intelligenz (bei Dubs S. 166: Selbstreflexion, Selbstmotivation, Selbstregulierung) gehört in diese personale Kompetenz-Schicht.
Selbstsorge statt Selbstfindung
Eine philosophische Fassung dessen, was hier psychologisch beschrieben ist, gibt Roland Reichenbach mit Foucaults antiker Selbstsorge: Sie ist keine Suche nach einem «wahren Selbst», sondern eine Praxis mit Übungen – Lektüre, Notieren, die Bilanz des vergangenen Tages «mit überprüfendem, keinem Schuld zuweisenden Charakter», die stoische Unterscheidung dessen, was von uns abhängt, von dem, was nicht (2000, S. 179 f.). Selbstsuche sei keine Entwicklungsaufgabe, sondern ein Symptom der Psychologisierung; die Aufgabe bestehe darin, «die geistigen und affektiven Voraussetzungen zu kultivieren, die es dem Selbst ermöglichen, sich zu verändern» (S. 186). Für die Selbstführung einer Schulleitung ist das eine nüchterne Ergänzung zu Dubs: nicht sich finden, sondern sich führen – «Die Oberfläche ist tief genug» (S. 186).
Verbindungen
- Operatives vs. strategisches Führen – Selbstführung (Prioritäten, Zeitmanagement) ist die operative Voraussetzung dafür, überhaupt strategisch arbeiten zu können
- Mitarbeitergespräch als Führungsinstrument – die von Dubs betonte Vorbereitungsdisziplin ist angewandte Selbstführung
- Selbstwirksamkeitserwartung nach Bandura – psychologische Tiefenschicht der von Dubs geforderten Resilienz (Bandura 1997)
- Selbstführung in der pädagogischen Profession – dieselbe Frage auf der Ebene der Lehrperson statt der Schulleitung
- Die vier Bewegungen schulischer Führung – die vierte Bewegung «Loslassen» korrespondiert mit Delegationsfähigkeit und Grenzsetzung
- Amtsantritt – im ersten Jahr entscheidet sich, ob Agenda-Disziplin und Erreichbarkeit gelingen
- Human Agency nach Bandura – Selbstreaktivität und Selbstreflexivität als die Mechanismen, die Selbstführung psychologisch tragen
- Moralische Entkopplung nach Bandura – Selbstsanktion als Kern der Selbstführung; die Schulleitung als Vermittlerin, die sich am leichtesten abkoppelt
- Intrinsische Motivation – die innere Kontrolle, die man sich selbst antut: Ich-Beteiligung und verinnerlichte «shoulds» als Führungsfalle
- Inneres Team – Selbstklärung als kommunikativer Kern der Selbstführung: das eigene Innere Team leiten
- Situationsmodell – die eigene Rolle klären: Was macht die Rolle mit mir, was mache ich aus ihr?
Literatur
- Reichenbach, R. (2000). Die Tiefe der Oberfläche. Michel Foucault zur Selbstsorge und über die Ethik der Transformation. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik, 76(2), 177–189. https://doi.org/10.30965/25890581-07602005 – Foucaults Selbstsorge als Praxis S. 179 f.; Selbstsuche als Symptom, Oberfläche S. 186. Autorenfassung, Druckseite = PDF-Seite + 176.
- Dubs, R. (2019). Die Führung einer Schule: Leadership und Management (3., vollständig überarbeitete und erweiterte Aufl.). Franz Steiner Verlag, Stuttgart. – Abschnitt «Die Aufgaben der Schulleiterin oder des Schulleiters»: personale Voraussetzungen und Resilienz S. 329–331; Zeitmanagement («A: Zeitmanagement», Überprüfen des eigenen Arbeitsverhaltens) S. 331; emotionale Intelligenz/Selbstreflexion S. 166; Belastung der Lehrkräfte (Abgrenzung) S. 57–60
- Dubs, R. (2019). Die Führung einer Schule. Leadership und Management (3. vollst. überarb. u. erw. Aufl.). Stuttgart: Steiner.
Verweise auf diese Seite
- 360°-Feedback im Q2E-Modell Zettelkasten
- Albert Bandura Namen
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- Arbeitsbelastung Lehrpersonen und Personalgewinnung Zettelkasten
- Audit-Vorbereitung für die Schulleitung (Kanton Thurgau) Zettelkasten
- Charismatische Rhetorik Zettelkasten
- Der dritte Weg bei Regelverstössen Zettelkasten
- Die vier Bewegungen schulischer Führung Zettelkasten
- Entscheidungsprozess (Kuhn) Zettelkasten
- Grenzen pädagogischen Handelns Zettelkasten
- Human Agency nach Bandura: vier Kernmerkmale, drei Modi Zettelkasten
- Inneres Team nach Schulz von Thun: Innere Pluralität, Oberhaupt, innere Aufstellung Zettelkasten
- Intrinsische Motivation: Was das Interesse untergräbt, und was es nährt Zettelkasten
- Konfliktmanagement an Schulen Zettelkasten
- Mitarbeitergespräch als Führungsinstrument Zettelkasten
- Moralische Entkopplung nach Bandura: acht Mechanismen, vier Orte Zettelkasten
- Operatives vs. strategisches Führen Zettelkasten
- Persönliche Meisterschaft (Senge, 1. Disziplin) Zettelkasten
- Rolf Dubs Namen
- Schulleitung als Lernende – Haltung statt Rolle Zettelkasten
- Schulleitung als professionalisierte Leitungsfunktion (Capaul) Zettelkasten
- Schulleitung als «Man of Action» Zettelkasten
- Selbstführung in der pädagogischen Profession Zettelkasten
- Selbstwirksamkeitserwartung nach Bandura Zettelkasten
- Situationsmodell nach Schulz von Thun: Vorgeschichte, Thema, Konstellation, Ziele Zettelkasten