Konfliktmanagement an Schulen
Konflikte in Schulen treten in vielen Formen auf: zwischen Lehrpersonen, zwischen Lehrpersonen und Eltern, im Kollegium, mit Behörden. Dubs (2019) widmet ihnen ein eigenes Kapitel 17 «Schwierige Situationen in einer Schule (Konflikte)» (S. 413 ff.).
Dubs’ Konfliktdefinition (S. 413)
Dubs definiert einen Konflikt (nach Wilmot & Hacker 2014) als Auseinandersetzung zwischen zwei oder mehreren unabhängigen Personen über wahrgenommene unterschiedliche Auffassungen zu Wertvorstellungen, Zielen und Wunschvorstellungen. Vier Merkmale kennzeichnen ihn:
- ein Streit, der unterschiedlich ausgetragen werden kann,
- zwischen unabhängigen Personen (keine ist von der Gegenpartei abhängig),
- mit einem affektiven Hintergrund (man fühlt sich im Unrecht, angegriffen, betroffen),
- eine grundlegende Meinungsverschiedenheit.
Fünf Erklärungsansätze (Owens & Valesky 2015)
Dubs beschreibt Konflikte über fünf Erklärungsansätze (S. 413 f.):
- Kontingenz-Ansatz – jeder Konflikt ist einmalig; die Diagnose (innere Dynamik + externe Einflüsse) ist entscheidend.
- Prozess-Ansatz – Konflikt als sich wiederholende, vertiefende Sequenz: Frustration → einseitige Konzeptualisierung → Gewinn-Verlust-Denken → uneinsichtiges Verhalten → erneute Frustration. Ohne frühzeitige Intervention eskaliert der Prozess.
- Struktur-Ansatz – Fokus auf konfliktverursachende Bedingungen (z. B. nicht akzeptierte Regeln in der Organisation).
- System-Ansatz – Konflikt als Ganzheitliches mit Wechselwirkungen und selbstverstärkenden Rückkopplungen.
- ein fünfter Ansatz ergänzt die Reihe (transaktional/interaktionistisch).
Dubs’ pragmatisches Modell (S. 415)
Aus diesen Theorien leitet Dubs eine pragmatische Konfliktlösestrategie ab (Abb. 17.1). Erster Schritt ist immer die Konfliktdiagnose: Um welche Form von Konflikt handelt es sich, damit die richtige Strategie gewählt werden kann. Die möglichen Konfliktbehandlungs-Stile beschreibt Dubs in freier Anlehnung an Thomas (1992) (Abb. 17.2) – das klassische Repertoire der Konfliktstile:
- Konfliktdomination – eine Partei setzt ihren Willen rücksichtslos durch (Gewinn-Verlust-Strategie),
- Konfliktvermeidung – beide weichen aus; strategielos und untauglich, weil der Konflikt ungelöst bleibt und oft schärfer wiederkehrt,
- Konfliktversöhnung – eine Partei gibt im Interesse guter Beziehungen nach (verzichtet auf eigene Ziele),
- Kompromiss – beidseitiges Nachgeben zu einer tragbaren Mittellösung,
- Problemlösung / Kollaboration – gemeinsame, sachorientierte Lösung (Gewinn-Gewinn-Orientierung).
Rolle der Schulleitung
Aus Dubs’ Modell folgt für die SL: Konfliktvermeidung ist keine Option – Dubs nennt sie explizit «strategielos und untauglich» (S. 415). Stattgeben sind frühzeitige Intervention (bevor der Prozess-Ansatz greift und eskaliert) und vor allem die saubere Konfliktdiagnose als Voraussetzung jeder Strategiewahl. Die Wahl des passenden Stils – von der Versöhnung bis zur klaren Entscheidung – hängt von dieser Diagnose ab, nicht von einem festen Schema.
Was NICHT von Dubs stammt
Zwei verbreitete Konflikt-Frameworks gehören nicht zu Dubs’ Darstellung und sollten nicht ihm zugeschrieben werden:
- Die Konfliktarten-Typologie (Sach-/Beziehungs-/Werte-/Rollenkonflikt) – das ist allgemeine Konfliktliteratur, bei Dubs nicht verwendet.
- Das Eskalationsstufen-Modell von Glasl (9 Stufen) – kommt bei Dubs nicht vor (0 Treffer). Glasl ist eine eigenständige Quelle (im Korpus vorhanden) und verdient ggf. eine eigene Atomic Note; die Eskalationslogik bei Dubs steckt allein im Prozess-Ansatz, nicht in einem Stufenmodell.
Verbindungen
- Fallbeispiel: Elternkonflikt bei Hochbegabung – konkretes Fallbeispiel zu Elternkonflikten; Anwendung der Konfliktdiagnose
- Elternkommunikation: Leitlinien – präventive Kommunikation als Konfliktprophylaxe
- Selbstführung der Schulleitung – Resilienz und Prioritätensetzung der SL als Voraussetzung, Konflikte nicht zu vermeiden, sondern zu gestalten
- Mobbing an der Schule – die Gegenprobe: Mobbing hat keinen Konfliktstoff und darf nicht als Konflikt behandelt werden – keine Mediation, kein Kompromiss zulasten des Opfers
- Kommunikationsquadrat – Analysemodell für entgleiste Gespräche: Auf welcher Seite ist es schiefgelaufen?
- Werte- und Entwicklungsquadrat – Vorwurfsrichtung und Polarisierung als Hilfen zur Konfliktdiagnose
- Inneres Team – die eigene Haltung klären, bevor man fremde Konflikte klärt (Dammann: vier Schritte)
- Situationsmodell – Störungskompetenz der Moderation: die Wahrheit der Situation benennen
Literatur
- Dubs, R. (2019). Die Führung einer Schule: Leadership und Management (3., vollständig überarbeitete und erweiterte Aufl.). Franz Steiner Verlag, Stuttgart. – Kap. 17 «Schwierige Situationen in einer Schule (Konflikte)»: Konfliktdefinition S. 413 (nach Wilmot & Hacker 2014), fünf Erklärungsansätze S. 413 f. (nach Owens & Valesky 2015), pragmatisches Modell und Konfliktstile S. 415 (in Anlehnung an Thomas 1992)
- Dubs, R. (2019). Die Führung einer Schule. Leadership und Management (3. vollst. überarb. u. erw. Aufl.). Stuttgart: Steiner.
Verweise auf diese Seite
- Berufsleitbild in der Schulleitungspraxis Zettelkasten
- Beschwerdemanagement an der Schule Zettelkasten
- Der Elternabend Zettelkasten
- Dissenstauglichkeit und Distanzierungsrechte Zettelkasten
- Entscheidungsprozess (Kuhn) Zettelkasten
- Funktionen der Schule nach Fend Zettelkasten
- Inneres Team nach Schulz von Thun: Innere Pluralität, Oberhaupt, innere Aufstellung Zettelkasten
- Kollegium und Zusammenarbeit – berufsethische Dimension Zettelkasten
- Kommunikationsquadrat nach Schulz von Thun: Vier Seiten, vier Schnäbel, vier Ohren Zettelkasten
- Lernhindernisse in Organisationen (Senge) Zettelkasten
- Mobbing an der Schule: Muster erkennen statt Vorfälle sehen Zettelkasten
- Neue Autorität nach Omer Zettelkasten
- Rechtsgrundlagen bei religiös begründeter Reklamation (Freikirchen) Zettelkasten
- Replik auf religiös begründete Reklamation (ZH) Zettelkasten
- Rolf Dubs Namen
- Rollenklärung in multiprofessionellen Teams Zettelkasten
- Schulleitung und Teacher Leadership – Zusammenspiel Zettelkasten
- Schulleitungsaufgaben im multiprofessionellen Team Zettelkasten
- Situationsmodell nach Schulz von Thun: Vorgeschichte, Thema, Konstellation, Ziele Zettelkasten
- Team-Lernen (Senge, 4. Disziplin) Zettelkasten
- Werte- und Entwicklungsquadrat nach Schulz von Thun: Schwestertugend, Entwicklungsrichtung, Vorwurfsrichtung Zettelkasten