Funktionen der Schule nach Fend
Fend beantwortet die Grundfrage «Wozu ist Schule da?» gesellschaftstheoretisch: Das Bildungswesen erfüllt beim biologischen Austausch der Gesellschaftsmitglieder die Doppelaufgabe der Reproduktion und Innovation von Gesellschaft und Kultur – es führt jede neue Generation an Fähigkeiten, Wissen und Werte heran und wird in sich rasch wandelnden Gesellschaften zugleich zum Instrument des sozialen Wandels (Fend 2006, S. 49).
Die vier gesellschaftlichen Funktionen
- Enkulturation – Reproduktion kultureller Sinnsysteme: von grundlegenden Symbolsystemen wie Sprache und Schrift bis zur Internalisierung von Wertorientierungen wie Vernunftfähigkeit und moralischer Verantwortlichkeit des Individuums (S. 49).
- Qualifikation – Vermittlung der Fertigkeiten und Kenntnisse, die zur Ausübung «konkreter» Arbeit erforderlich sind; in der Moderne eng an die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit gekoppelt (S. 50).
- Allokation – Zuordnung der jungen Generation zu beruflichen Laufbahnen über das Prüfungswesen. Fend wählt den Begriff bewusst: Er spricht «nicht von Selektion», weil nicht Ausschliessung im Vordergrund stehen soll, sondern eine legitimierbare Zuordnung von Qualifikationen zu Anforderungen – bei empirisch belegter Beeinflussung durch die soziale Herkunft (S. 50).
- Integration und Legitimation – «Friedenssicherung»: Stiftung kultureller und sozialer Identität als Basis des inneren Zusammenhalts sowie Zustimmung zum politischen Regelsystem; vermittelt über Inhalte ebenso wie über das schulische Gemeinschaftsleben (S. 50–52).
Die Doppelperspektive: individuelle Funktionen
Fends Pointe ist der Perspektivenwechsel «von unten» (S. 53): Jeder gesellschaftlichen Funktion entspricht eine individuelle Handlungs- und Entwicklungschance –
| Gesellschaftlich | Individuell |
|---|---|
| Enkulturation | Autonomie der Person in Denken und Handeln |
| Qualifikation | Wissen und Fähigkeiten für eine selbstständige berufliche Lebensführung |
| Allokation | Aufstieg und Stellung durch eigene Lernanstrengung – Schule als Instrument der Lebensplanung |
| Integration | soziale Identitätsbildung, Bindung und Verantwortung |
Dieses Potenzial ist «nicht allen in gleicher Weise zugänglich»: Das Verhältnis von Chanceneröffnung und Chancenverschliessung ist für Fend die Dauerspannung des Bildungswesens (S. 53).
Normative Leitideen
Die funktionalen Beziehungen sind kein blosses Geschehen, sondern Gestaltungsaufgabe (S. 52): Enkulturation unter dem Leitstern von Rationalität und Wissenschaftlichkeit (eigenständige Urteilsbildung, moralische Entscheidungsfähigkeit), Qualifikation als Berufsfähigkeit, Allokation unter Offenheit, Leistungsgerechtigkeit und Mobilität, Integration als Demokratisierung und Inklusion mit reflektierter Teilnahme und Zugehörigkeit.
Relevanz für die Schulleitung
- Die Gretchenfrage schlechthin: «Wozu ist Schule da?» lässt sich mit dem Vierklang präzise und anschlussfähig beantworten – inklusive der individuellen Gegenseite, die vor Funktionalismus-Verkürzung schützt.
- Spannungsfelder führen: Übertrittsentscheide, Zeugnisse und Elternkonflikte sind Allokations-Momente. Fends Reframing (legitimierbare Allokation statt Selektion) liefert die Sprachregelung und den Prüfstein: Sind unsere Zuordnungen legitimierbar – offen, leistungsgerecht, mobil?
- Leitbild als lokale Gewichtung: Ein Schulprogramm beantwortet faktisch, wie eine Schule die vier Funktionen gewichtet; die geleitete Schule verantwortet diese Balance.
- Monitoring als Funktionsprüfung: Der Bildungsbericht misst im Kern Funktionserfüllung (Effektivität, Effizienz, Equity – Letzteres ist Fends Chancenverschliessung in Messgrösse).
- Systemische Anschlussstelle: Fends Zuordnung von Bildungs- und Wissenschaftssystem greift explizit Luhmann auf (S. 49) – der Systemischer Ansatz und Capauls Systemsicht liegen auf derselben Linie; Educational Governance fragt anschliessend, wer die Funktionserfüllung über die Ebenen hinweg steuert.
Verbindungen
- Educational Governance – Fends Mehrebenen-Denken ist die theoretische Wurzel der Governance-Perspektive: Funktionen benennen das Wozu, Governance das Wer-steuert-wie.
- Schule als soziales System (Capaul) – Capauls Systembeschreibung konkretisiert auf Einzelschul-Ebene, was Fend gesamtgesellschaftlich fasst.
- Geleitete Schule – Grundkonzept – Die geleitete Schule ist die Organisationsform, in der die lokale Gewichtung der vier Funktionen verantwortet wird.
- Bildungsbericht als Führungsinstrument der Schulleitung – Bildungsmonitoring operationalisiert Funktionserfüllung; Equity-Indikatoren messen die Chancenverschliessung.
- Systemischer Ansatz – Fends Luhmann-Bezug (Wissenschaft erzeugt Wissen, Bildung lehrt es) verankert das Funktionsmodell in der Systemtheorie.
Quellennachweis
Fend, H. (2006). Neue Theorie der Schule: Einführung in das Verstehen von Bildungssystemen (1. Aufl.). VS Verlag für Sozialwissenschaften. – Gesellschaftliche Funktionen: S. 49–52; individuelle Funktionen und Doppelfunktion: S. 53; normative Leitideen: S. 52. Seitenzahlen am Volltext verifiziert (PDF-Extrakt, Druckseite = PDF-Seite + 2).
Literatur
- Fend, H. (Hrsg.) (2006). Neue Theorie der Schule. Einführung in das Verstehen von Bildungssystemen. Wiesbaden: VS. https://doi.org/10.1007/978-3-531-90169-5
Verweise auf diese Seite
- Educational Governance Zettelkasten
- Schule als soziales System (Capaul) Zettelkasten