Geleitete Schule – Grundkonzept
Die Geleitete Schule bezeichnet das in der Schweiz ab Ende der 1990er-Jahre kantonal eingeführte Modell, bei dem die operative Führung einer Volksschule von einer professionellen Schulleitung übernommen wird – im Unterschied zur traditionellen Form, bei der eine Laienbehörde (generisch Schulbehörde, im Kanton Zürich «Schulpflege», im Kanton St. Gallen «Schulrat») gleichzeitig strategische und operative Aufgaben wahrnahm. Rolf Dubs (2019) verwendet im Standardwerk durchgängig den generischen Begriff Schulbehörde (rund 160 Erwähnungen); die Begriffe «Schulpflege» und «Schulrat» kommen bei ihm nicht vor – sie sind kantonale Spezifika, keine Dubs-Terminologie. Sie ist eine der prägenden Innovationen des Schweizer Bildungssystems der letzten Generation und wird im LCH-Berufsleitbild 2024 entsprechend als zentraler Pfeiler genannt.
Hintergrund: New Public Management
Konzeptionell wurzelt die Geleitete Schule im New Public Management (NPM), das ab den 1990er-Jahren auch in der öffentlichen Schweizer Verwaltung Verbreitung fand. Leitidee: Trennung von strategischer Steuerung (politische Behörde) und operativer Führung (professionelle Leitung), verbunden mit mehr Autonomie auf Einheitsebene gegen Rechenschaftspflicht bei Zielerreichung. Für Schulen heisst das: Die Schulbehörde setzt Leitbild, Strategie und Budget; die Schulleitung führt Personal, Unterricht und Organisation. Dubs (2019, Kap. 2 «Die teilautonome Schule», Sektion 2.2 S. 65–72 und 2.4 S. 72) entwickelt diese Trennung im Anschluss an das St. Galler Management-Modell, das ihm als theoretischer Anker dient (Abstract: «Dubs passt das St. Galler Management-Modell an die Bedürfnisse von Schulen an»).
Geleitete Schule als eine von drei Formen (Dubs)
Dubs (2019, S. 105 ff., Abb. 3.13) unterscheidet drei Formen der Organisation einer Schulleitung:
- Basisdemokratisch geführte Schule – Entscheidungsfindung durch demokratische Konsensbildung im Lehrkörper, notfalls Abstimmung
- Teamgeleitete Schule – in festgelegten Bereichen Konsens, in anderen gemeinsamer Entscheid der gesamten Schulleitung
- Geleitete Schule – professionelle, klar verantwortliche Schulleitung mit Entscheidungskompetenz
Dubs spricht eine klare normative Empfehlung zugunsten der Geleiteten Schule aus (S. 107): «Eine kollektive Verantwortung kann es nicht geben, weil sich in diesem Fall niemand verantwortlich fühlt. Deshalb eignen sich das basisdemokratische und das teamgeleitete Modell nicht.» Die Wahl der Geleiteten Schule ist bei Dubs also nicht primär eine deskriptive Beschreibung des Schweizer Modells, sondern eine substantielle, verantwortungsethisch begründete Wahl – mit klarer Verantwortungs-Zurechenbarkeit als Kern.
Quer dazu unterscheidet Dubs eine zweite Typologie mit ebenfalls drei Formen, aber anderer Bedeutung: normative / strategische / operative Schulführung als Zeit- und Verantwortungsebenen aus dem St. Galler Management-Modell (S. 87). Die beiden «Drei-Formen»-Schemata bei Dubs sollten nicht verwechselt werden.
Aufgabenfelder der Schulleitung
In der Schweizer Schulleitungs-Praxis werden die Aufgaben der Schulleitung üblicherweise in vier bis fünf Felder gegliedert: personelle Führung (Anstellung, MAG, Personalentwicklung), pädagogische Führung (Unterrichtsentwicklung, Qualitätssicherung, Hospitationen), organisatorische Führung (Stundenplan, Ressourcen, Abläufe), administrative Führung (Finanzen im Rahmen des delegierten Budgets, Berichtswesen) und – zunehmend stärker betont – Beziehungsführung nach aussen (Eltern, Gemeinde, Öffentlichkeit). Diese Gliederung folgt der in kantonalen Volksschulgesetzen und im LCH-Berufsleitbild verbreiteten Systematik. Dubs selbst gliedert anders – er strukturiert die SL-Aufgaben in «Managementprozesse I–III» (Kap. 5–7), wobei die pädagogische Führung als «Managementprozesse III: Die pädagogische Führung (Instructional Leadership)» das eigene Kap. 7 (S. 206 ff.) bildet.
Die kantonalen Volksschulgesetze regeln den genauen Umfang unterschiedlich. Im Kanton Zürich ist die Geleitete Schule seit der VSG-Revision von 2005 verbindlich (umgesetzt schrittweise ab 2008); im Kanton Thurgau analog seit Mitte der 2000er-Jahre.
Pädagogische Führung als Kern
Forschungsseitig wird in der Geleiteten Schule die pädagogische Führung (Instructional Leadership) zunehmend als wichtigste Schulleitungsaufgabe identifiziert – also nicht die Verwaltung, sondern die Begleitung und Weiterentwicklung des Unterrichts. Das löst in der Praxis nicht selten Spannungen aus: Lehrpersonen erleben Hospitationen und Unterrichtsentwicklung mitunter als Eingriff in ihre traditionelle Methodenfreiheit, während Schulleitungen ihre Legitimation zur Unterrichtsführung erst klären und herstellen müssen.
Voraussetzung für Schulentwicklung
Die Geleitete Schule ist eine strukturelle Vorbedingung für systematische Schulentwicklung: Ohne eine professionelle Führung, die Veränderungsprozesse anstösst, koordiniert und nachhält, bleibt Schulentwicklung Stückwerk. Gleichzeitig ist sie nicht hinreichend – sie braucht eine geteilte Vision, partizipative Strukturen, ausreichende Ressourcen und ein Kollegium, das sich auf gemeinsame Entwicklungsziele einlassen kann.
Spannungsfelder
Drei wiederkehrende Spannungsfelder prägen die Geleitete Schule in der Praxis: (1) das Verhältnis Schulleitung–Schulbehörde (wo verläuft die Grenze zwischen strategisch und operativ?); (2) das Verhältnis Schulleitung–Kollegium (Führungsanspruch versus Profession der Lehrpersonen); (3) das Verhältnis Schulleitung–Eltern (öffentliche Rechenschaftspflicht versus pädagogische Verantwortung). Die Triade ist eine eigene Note-Strukturierung; Dubs (2019, S. 22) benennt die Einzelaspekte (steigende Eltern-Forderungen, Lehrer-Individualität, Finanzierungs-Engpässe), formuliert sie aber nicht als geschlossene Drei-Spannungs-Triade. Die Bewältigung dieser Spannungen ist nicht primär technische Frage, sondern erfordert ein klares Rollen- und Berufsverständnis.
Verbindungen
- schulautonomie-und-verantwortung – die geleitete Schule ist das Vehikel, durch das Autonomie auf Schulebene überhaupt nutzbar wird
- Schulleitung als professionalisierte Leitungsfunktion (Capaul) – Geleitete Schule braucht eine professionalisierte Schulleitung mit eigenem Aufgabenprofil
- LCH-Berufsleitbild – Grundgedanke – Lehrpersonen-Profession und Schulleitungs-Profession entwickeln sich in geleiteten Schulen parallel
- Berufsleitbild in der Schulleitungspraxis – Anwendung des Berufsleitbilds in der konkreten SL-Praxis einer geleiteten Schule
Literatur
- Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz [LCH] (2024). Berufsleitbild LCH | Berufsethik LCH.
- Dubs, R. (2019). Die Führung einer Schule. Leadership und Management (3. vollst. überarb. u. erw. Aufl.). Stuttgart: Steiner.
Verweise auf diese Seite
- Blockzeiten im Schweizer Bildungssystem Zettelkasten
- Funktionen der Schule nach Fend Zettelkasten
- Leadership vs. Management – die Doppelrolle der Schulleitung Zettelkasten
- Operatives vs. strategisches Führen Zettelkasten
- Schule als lernende Organisation Zettelkasten
- Schulleitung Zettelkasten
- Schulleitung als Leitungsaufgabe Zettelkasten
- Schulsozialarbeit – Rolle und Zusammenarbeit Zettelkasten