Educational Governance
Educational Governance ist ein analytischer Rahmen für die Mehrebenen-Steuerung des Bildungssystems. Statt ein hierarchisches Top-Down-Bild von Bildungspolitik zu zeichnen, untersucht der Ansatz, wie Akteure auf verschiedenen Ebenen – Bund, Kanton, Region, Schulgemeinde, Schule, Lehrperson – aushandeln, koordinieren und entscheiden, oft mit erheblicher gegenseitiger Abhängigkeit und nur partieller direkter Steuerbarkeit.
Kerngedanke
Educational Governance bricht mit dem klassischen «Steuerungsoptimismus», der davon ausging, dass bildungspolitische Vorgaben (z. B. Lehrpläne, Standards, Schulgesetze) sich linear in pädagogische Praxis übersetzen. Stattdessen beschreibt der Ansatz das Bildungssystem als lose gekoppeltes Mehrebenen-System, in dem Steuerung über Aushandlung, Anreize, Rechtsrahmen, Berichtspflichten und professionelle Selbststeuerung erfolgt. Der grundlegende analytische Zugriff – Governance als Handlungskoordination im Mehrebenensystem der Schule – stammt von Kussau & Brüsemeister (2007); das Feld der «Neuen Steuerung» bündeln Altrichter & Maag Merki (2016).
Zentrale Beobachtungen:
- Akteure-Konstellation statt Befehlskette: Auf jeder Ebene gibt es eigene Logiken (politische Mehrheiten in der Schulgemeinde, professionelle Selbstverständnisse im Lehrer:innenkollegium, kantonale Reformprogramme, Bundesharmonisierung).
- Rekontextualisierung: Vorgaben einer höheren Ebene werden auf jeder darunterliegenden Ebene uminterpretiert und an lokale Bedingungen angepasst. Was im Lehrplan steht, wird im Klassenzimmer nicht 1:1, sondern situativ realisiert.
- Nicht-intendierte Wirkungen: Steuerungsversuche erzeugen oft Wirkungen, die nicht beabsichtigt waren – Standards führen zu Teaching-to-the-Test, Output-Steuerung kann professionelle Autonomie unterminieren, etc.
- Governance-Mix: Reale Bildungssysteme arbeiten immer mit einer Mischung aus hierarchischer Steuerung (Gesetz, Verordnung), Wettbewerb (Schulwahl, Rankings), Verhandlung (Sozialpartnerschaft, Verbände) und professioneller Selbststeuerung (Standesregeln, Berufsethik).
Bezug zum Schweizer Bildungsföderalismus
Der Schweizer Bildungsföderalismus ist ein Lehrbuchbeispiel für Educational Governance: Bund, Kantone (26 Bildungssysteme!), Schulgemeinden und einzelne Schulen teilen sich Zuständigkeiten – mit der EDK als Koordinationsorgan, dem HarmoS-Konkordat und Lehrplan 21 als Harmonisierungsinstrumenten, aber unter Wahrung kantonaler Hoheit. Eine frühe Schweizer Governance-Fallstudie liefert Büeler (2007) am Beispiel des Kantons Luzern.
Im konkreten SL-Alltag wird Educational Governance sichtbar, sobald mehrere Körperschaften gleichzeitig beteiligt sind – etwa bei Schulraumprojekten in interkommunalen Verbünden, wo Politische Gemeinde, Schulgemeinde, Sekundarschulgemeinde und Kanton (Genehmigung) parallel entscheiden müssen, ohne dass eine Ebene die andere überstimmen kann.
Bedeutung für die Schulleitung
Die Schulleitung agiert mitten in dieser Mehrebenen-Konstellation. Sie ist gleichzeitig:
- Umsetzungsinstanz kantonaler und kommunaler Vorgaben,
- Aushandlungspartnerin mit Behörde, Eltern, Kollegium und Verbünden,
- Gestalterin der schulinternen Praxis im Rahmen ihrer Autonomie,
- Rückmeldekanal an die kommunale und kantonale Ebene über das, was funktioniert und was nicht.
Educational Governance liefert das Vokabular, um zu verstehen, warum scheinbar widersprüchliche Erwartungen ans Schulleitungshandeln entstehen, und warum «mehr Steuerung» nicht automatisch «bessere Schule» bedeutet.
Verbindungen
- Systemischer Ansatz – der systemische Oberbegriff; Governance ist die Mehrebenen-Ausprägung der «offenen» Systemseite der Schule
- Erweitertes Drei-Wege-Modell Rolff – Schulentwicklung im Inneren der Schule (OE/PE/UE/Vernetzung) ist eingebettet in die Mehrebenen-Governance des Systems; Vernetzung als 4. Weg bildet die Brücke nach aussen.
- Change Management und Organisationsentwicklung – OE-Vorhaben in der Schule müssen Governance-Bedingungen mitdenken: Welche Ebene kann was entscheiden, wer muss mitziehen?
- Schulraumplanung in der Schweizer Volksschule – Konkretes Beispiel für Governance in Aktion: vier Ebenen (Bund/Kanton/Verbund/Gemeinde) plus Stimmvolk wirken parallel.
- Dubs (2019) – Dubs verortet die SL als Steuerungsakteurin zwischen Behörde, Kollegium und Gesellschaft; das deckt sich mit dem Governance-Verständnis.
- Funktionen der Schule nach Fend – liefert das Wozu zur Governance-Frage nach dem Wer-steuert-wie: Die vier Funktionen (Enkulturation, Qualifikation, Allokation, Integration) sind der Massstab, an dem sich Handlungskoordination im Mehrebenensystem messen lässt.
- Implementation von Reformen und Innovationen: Warum die Umsetzung das Ergebnis dominiert – die implementationstheoretische Seite: Steuerungsillusion, Nacherfindung und wechselseitige aktive Anpassung erklären, warum Handlungskoordination statt Durchgriff nötig ist
- Komprehension: Ganzheit statt Stückwerk – Steuern versus Gestalten: Rolffs Vorbehalt gegen Governance als reinen Steuerungsansatz
- Zug vor Druck: die Strategie des Überzeugens – ein Makrobeispiel für Gestalten statt Steuern und für die Verletzlichkeit beim Regierungswechsel
- Gemeindegesetz (GG) – die Gemeindeebene im Zürcher Recht: Schulgemeinde mit der Schulpflege als Gemeindevorstand, Einheitsgemeinde mit der Schulpflege als eigenständiger Kommission neben dem Gemeinderat
- Mehrebenensystem der Zürcher Volksschule – die Anwendung dieses Rahmens auf den Zürcher Organbestand: Makro-, Meso- und Mikroebene mit Bund, EDK, Kantonsrat, Regierungsrat, Bildungsrat, Gemeinde und Schule
- Konfliktlinien der Zürcher Bildungspolitik 2023–2027 – drei Fälle, in denen die Ebenen gegeneinander entschieden haben: Förderklassen, Frühfranzösisch, Berufsauftrag
Literatur
- Kussau, J. & Brüsemeister, T. (2007). Educational Governance. Zur Analyse der Handlungskoordination im Mehrebenensystem der Schule. In Altrichter, H., Brüsemeister, T., Wissinger, J. (Hrsg.), Educational Governance: Handlungskoordination im Mehrebenensystem der Schule (S. 15–54). Wiesbaden: VS. https://doi.org/10.1007/978-3-531-90498-6_2
- Altrichter, H. & Maag Merki, K. (2016). Steuerung der Entwicklung des Schulwesens. In Altrichter, H., Maag Merki, K. (Hrsg.), Handbuch Neue Steuerung im Schulsystem (S. 1–27). Wiesbaden: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-531-18942-0_1
- Büeler, X. (2007). School Governance. Die Fallstudie Luzern. In Altrichter, H., Brüsemeister, T., Wissinger, J. (Hrsg.), Educational Governance: Handlungskoordination im Mehrebenensystem der Schule (S. 131–155). Wiesbaden: VS. https://doi.org/10.1007/978-3-531-90498-6_5
- Weiterführend (nicht im Korpus): Kussau, J. & Brüsemeister, T. (2007). Governance, Schule und Politik. Zwischen Antagonismus und Kooperation. VS Verlag.
- Dubs, R. (2019). Die Führung einer Schule. Leadership und Management (3. vollst. überarb. u. erw. Aufl.). Stuttgart: Steiner.
Verweise auf diese Seite
- Funktionen der Schule nach Fend Zettelkasten
- Gemeindegesetz (GG) – die Schulpflege als Behörde der Gemeinde Zettelkasten
- Gesamtschule – ein Begriff, drei Bedeutungen Zettelkasten
- Glossar – Schulraum Glossar
- Hans-Günter Rolff Namen
- HRM2 in der Thurgauer Schulgemeinde Zettelkasten
- Implementation von Reformen und Innovationen: Warum die Umsetzung das Ergebnis dominiert Zettelkasten
- Kanton St. Gallen Glossar
- Kanton Thurgau Glossar
- Kanton Zürich Glossar
- Klassenbildung in der Volksschule Zettelkasten
- Komprehension: Ganzheit statt Stückwerk Zettelkasten
- Lehrplan 21 Zettelkasten
- Mehrebenensystem Schule am Beispiel des Kantons Zürich Zettelkasten
- NFA-Übergang 2008 und die Kantonalisierung der Sonderpädagogik Zettelkasten
- Rolffs Drei- (bis Vier-)Wege-Modell der Schulentwicklung Zettelkasten
- Schuladministration und PUPIL@SG Zettelkasten
- Schulleitung Zettelkasten
- Schulleitung als professionalisierte Leitungsfunktion (Capaul) Zettelkasten
- Schulraumplanung in der Schweizer Volksschule Zettelkasten
- Stakeholder der Schule Zettelkasten
- Systemischer Ansatz Zettelkasten
- Von der Auffälligkeit zur Massnahme – das sonderpädagogische Zuweisungsverfahren Zettelkasten
- VSG-Totalrevision St. Gallen 2026 Zettelkasten
- Wo der Kantonsrat die Regierung überstimmt hat: Förderklassen, Frühfranzösisch und Berufsauftrag als Fallstudien im Mehrebenensystem Zettelkasten
- Zug vor Druck: die Strategie des Überzeugens Zettelkasten