Rolffs Drei- (bis Vier-)Wege-Modell der Schulentwicklung

Rolff bündelt Schulentwicklung zunächst in drei eng verzahnten Wegen: Unterrichtsentwicklung (Qualität und Innovation des Lehrens und Lernens im Klassenzimmer), Personalentwicklung (Kompetenzen, Motivation, Reflexion der Lehrpersonen) und Organisationsentwicklung (Strukturen, Prozesse, Kultur der Schule als Ganzes). Schulentwicklung ist «die Kombination dreier Wege, die als zusammenhängende Prozesse verstanden werden» (Rolff 2019, S. 12); das Modell wurde 1998 erstmals formuliert (Rolff 2019, S. 13) und ist bis heute Leitmodell, etwa im «Referenzrahmen Schulqualität NRW» (Rolff 2023, S. 18). Ultimativer Bezugspunkt aller drei Wege ist das Lernen – der Schülerinnen und Schüler wie der Lehrkräfte. Das Entscheidende an wirksamer Schulentwicklung ist die Ganzheit im Sinne des Zusammenwirkens aller Komponenten: «Im Zusammenwirken liegt die Wirkung» (Rolff 2023, S. 17). Veränderung in nur einem Weg verpufft deshalb meist.

Das Modell hilft der Schulleitung, Vorhaben einzuordnen und blinde Flecken zu erkennen: Ein neues Förderkonzept (Unterrichtsentwicklung) braucht Fortbildung (Personalentwicklung) und veränderte Stundenpläne oder Teamstrukturen (Organisationsentwicklung), um wirksam zu werden.

Vom Drei- zum Vier-Wege-Modell (2023)

In der 4. Auflage von Schulentwicklung kompakt ergänzt Rolff die Trias um einen vierten Weg: die Entwicklung externer Netzwerke «innerhalb wie außerhalb der Bildungsregion», also die Entwicklung translokaler Vernetzung (Rolff 2023, S. 20). Anlass ist der digitale Wandel. Wer umfangreiche digitale Materialien oder unterrichts- und personalentwicklungsnahe Apps entwickeln will, braucht nach aller Erfahrung die Vernetzung mit anderen Schulen, Landesinstituten oder Hochschulen – eine Vernetzung, die vor dem Internet «wohl erwünscht, aber nicht möglich» war und für Rolff «einen echten Mehrwert durch Digitalisierung» darstellt (S. 20). Im alten Schaubild war der vierte Weg schon angelegt: durch den Kreis um die drei Wege, der an mehreren Stellen zum «Umfeld» hin offen ist (S. 20). Im Zentrum des neuen Schaubilds steht die «Förderung digital gestützten Lehrens & Lernens» (Abb. 4, S. 20).

Besonders dringlich wird der vierte Weg, wenn rasch ein Curriculum für das 21. Jahrhundert entstehen soll: Das kann keine Einzelschule allein leisten, und staatliche Einrichtungen sind vermutlich zu langsam und ihre Produkte nicht ohne Weiteres implementationsfähig. Rolff setzt deshalb auf «Didaktische Bibliotheken» und Materialnetzwerke, in denen Schulen auf einer gemeinsamen Plattform Lernmaterial nach gemeinsam vereinbarten Kriterien entwickeln – Beispiel ist das Materialnetzwerk der Alemannenschule Wutöschingen in Baden-Württemberg (S. 22).

Die grössere Linie dahinter heisst bei Rolff horizontale Schulentwicklung: Ganzheitlichkeit ist «am besten in Netzwerken zu organisieren», und Netzwerke finden ihre Basis in regionalen und kommunalen Bildungslandschaften (S. 182). Einzelschulen sind zwar der «Motor der Schulentwicklung», machen aber «nicht annähernd das Ganze» aus – es fehlt das «Fahrgestell», das Unterstützungssystem (S. 186). Und Schulen mit Schülerinnen und Schülern aus schwierigen Lagen sind nur erfolgreich, wenn sie ihr Umfeld aktivieren und selbst im Sozialraum aktiv werden (outreach work) – was voraussetzt, dass die Schulleitung sich in die regionale Systementwicklung einklinkt; Rolff nennt solche Schulleitungen mit dem angelsächsischen Begriff «System Leaders» (S. 186).

Abgrenzung: warum nicht fünf Wege?

Rolff grenzt sein Vier-Wege-Modell scharf vom Fünf-Wege-Modell ab, das Renate Schulz-Zander 1999/2001 aus der Medienpädagogik heraus vorschlug – Technologieentwicklung als vierter, Kooperationsentwicklung als fünfter Weg (Schulz-Zander 2001, S. 271 f., zitiert nach Rolff 2023, S. 18) – und das die deutsche Kultusministerkonferenz in modifizierter Form übernommen hat, mit irrtümlicher Zuschreibung an Eickelmann und Gerick (S. 19). Zwei Einwände:

Die Unterscheidung dahinter ist die zwischen Additions- und Integrationsmodell: Additiv ist das Fünf-Wege-Modell, integrativ sind das Drei- und das Vier-Wege-Modell (S. 21). Das additive Modell stellt die digitalen Medien in den Fokus – Apps, Lernmanagementsysteme, virtuelle Tafeln und Klassenräume –, will «so viel zu digitalisieren, wie irgend möglich ist», und läuft in der Unterrichtsentwicklung meist auf «eine digitale Aufmöbelung des bisherigen Unterrichts» hinaus. Das sei nicht leicht, aber einfacher, als das Lernen grundlegend zu verändern – was für Rolff erklärt, weshalb dieser Ansatz bei Behörden und manchen Stiftungen so beliebt ist (S. 21). Zugespitzt: Ein separater Weg «Technologieentwicklung» könnte ein Mindset vorprogrammieren, «das SE zwar propagiert, aber nicht praktiziert» (S. 21). Das integrative Modell nutzt die digitalen Medien, um eine neue Lernumgebung für personalisiertes und kooperatives Lernen zu schaffen – ein grundlegender Wandel des Lernens, der andere Haltungen, Lernformen, Arbeitsplätze und Organisationsstrukturen verlangt, «also nach Schulentwicklung» (S. 21). Ohne diese Integration in ein Gesamtkonzept bleibt es bei angedockter Lehrer- oder Schulleiterfortbildung, deren geringe Wirksamkeit seit Langem bekannt sei (S. 21 f.).

Wege sind Prozesse, nicht Dimensionen. Mit «Wegen» meint Rolff Prozesse – der Begriff sei angemessener als die «Dimension», mit der die Fünf-Wege-Modelle arbeiten, denn Schulentwicklung gelingt nur als Prozess. Meta-Ziel aller Wege ist die Schaffung einer «Kapazität für Entwicklung», die die Bewältigung vieler Zukünfte und «wandernder» Ziele ermöglicht; und die Wege-Modelle, für die man sich entscheidet, «mutieren zu Mindsets», zu handlungsleitenden Denkweisen (S. 21).

Für die Schulleitung

Der vierte Weg stellt der Schulleitung eine zusätzliche strategische Frage: Mit wem entwickelt sich diese Schule gemeinsam – und welche Strukturen (Bildungslandschaften, Schulverbünde, kollegiale Hospitationen über Schulgrenzen hinweg, Förderketten im Quartier) verankern diese Vernetzung verbindlich, statt sie dem Zufall zu überlassen? Die Unterscheidung von Additions- und Integrationsmodell taugt zudem als Prüfstein für jedes Digitalisierungsvorhaben: Verändert es das Lernen, oder möbelt es den bisherigen Unterricht digital auf? Diese Übertragung ist eigene Einordnung; Rolff selbst formuliert die Unterscheidung als Kritik an behördlichen Fortbildungsprojekten (S. 21).

Verbindungen

Literatur