Selbstführung in der pädagogischen Profession
Selbstführung ist im Lehrberuf nicht private Tugend, sondern professionsethische Voraussetzung: Lehrpersonen und Schulleitungen arbeiten in einem Beruf mit hoher Autonomie und entsprechend hoher Selbst-Verantwortung. Dass der Dachverband LCH seinem Berufsstand 2024 ein eigenes Berufsleitbild und eine Berufsethik gegeben hat, ist Ausdruck einer kollektiven Selbstführung der Profession – und setzt zugleich Erwartungen an die individuelle Selbstführung jeder einzelnen Lehrperson und Schulleitung. Diese Note bündelt das Konzept in zwei Anwendungsebenen (LP und SL), klärt die theoretischen Wurzeln und zeigt die Werkzeuge.
Begriff und konzeptuelle Wurzeln
«Selbstführung» (englisch: Self-Leadership) bezeichnet den bewussten, reflektierten Umgang mit den eigenen Ressourcen, Aufmerksamkeiten und Werten in der Berufsausübung. Drei Wurzeln laufen zusammen:
- Management-Tradition: Peter Drucker prägte mit «Managing Oneself» (1999) die Idee, dass in der Wissensgesellschaft jede:r seine eigene Leistungs-CEO wird. Manz und Sims entwickelten ab den 1980er-Jahren das Konzept «Self-Leadership» systematisch aus – mit Strategien der Selbstbeobachtung, Selbstzielsetzung, Selbstbelohnung und kognitiver Selbstführung.
- Selbstwirksamkeitsforschung: Albert Bandura begründete mit der Self-Efficacy-Theorie die psychologische Grundlage – wer sich als wirksam erlebt, kann sich auch führen. Siehe Franzen 2021 zur spezifischen Untersuchung der Quellen von Selbstwirksamkeit bei Grundschul-Lehrkräften.
- Professionsethik: In Berufen mit hoher Autonomie (Medizin, Recht, Lehrberuf) ist Selbstführung nicht optional – sie ist die Bedingung dafür, dass die Profession ihre Autonomie verantwortungsvoll ausüben kann. Ohne individuelle Selbstführung kollabiert die kollektive Selbstführung des Berufsstandes.
Schweizer Verankerung – LCH 2024 und Dubs 2019
LCH-Berufsleitbild und Berufsethik 2024 als kollektive Selbstführung
Der LCH hat 2024 in einem aufwendigen Prozess Berufsleitbild und Berufsethik formuliert und an der DV verabschiedet. Das ist ein Akt kollektiver Selbstführung: Der Berufsstand setzt sich selbst Ziele, Standards und Grenzen, statt sich diese ausschliesslich von aussen geben zu lassen. Drei Hinweise im LCH-Dokument selbst:
- «Die Berufsethik LCH stellt eine innere Haltung dar, die Verantwortung für bestimmte Werte und Abmachungen gegenüber Menschen übernimmt» (LCH 2024, S. 14)
- «Die Berufsethik LCH beschreibt die berufsethischen Grundlagen zur individuellen Selbstreflexion im Rahmen des persönlichen Berufsethos» (S. 14)
- «Die Berufsethik dient den Lehrpersonen als Reflexionsinstrument in der Bewältigung des beruflichen Alltags» (S. 14)
Selbstführung wird damit zur Achse zwischen kollektivem Anspruch und individueller Praxis: Das Berufsleitbild formuliert den Anspruch, die individuelle Lehrperson lebt ihn durch Selbstführung.
Dubs 2019 zur Selbstführung der Schulleitung
Dubs sieht Selbstführung der SL als professionelle Voraussetzung, nicht als private Tugend: Eine erschöpfte oder reaktive Schulleitung kann weder strategisch arbeiten noch transformational führen. «Bevor eine Schulleitung andere führen kann, muss sie sich selbst führen können» (siehe Selbstführung der Schulleitung für die SL-Spezifik).
Zwei Anwendungsebenen
Ebene 1 – Lehrperson
Selbstführung der einzelnen Lehrperson umfasst sechs Dimensionen:
- Berufsethos pflegen: Innere Haltung zur eigenen Profession klären und kultivieren – die LCH-Berufsethik liefert dafür den gemeinsamen Reflexionsrahmen
- Reflexion verbindlich machen: Eigene Praxis regelmässig reflektieren, mit oder ohne andere – Logbuch, Supervision/Intervision, kollegiale Hospitation
- Weiterbildung aktiv steuern: «Lehrpersonen leben das Prinzip des lebenslangen Lernens» (LCH 2024, S. 23) – die Verantwortung dafür liegt bei der einzelnen Person, nicht beim Schulträger
- Grenzen ziehen: Berufsethisch widersprechende Aufträge ablehnen (LCH 2024, S. 14); Belastungs-Grenzen wahrnehmen; Arbeit-Privat-Trennung halten
- Selbstwirksamkeit pflegen: Erfolge wahrnehmen, kleine Wirksamkeitserfahrungen wertschätzen, Vertrauen in die eigene Wirksamkeit aktiv aufbauen (Bandura)
- Selbstmanagement-Werkzeuge nutzen: Zeit-, Aufmerksamkeits-, Energie-Management – siehe Riedener, Nussbaum & Storch 2018: Ich-Pakete für ein etabliertes Schweizer Selbstmanagement-Modell
Auffällig: Im LCH-Berufsleitbild und in der Berufsethik 2024 gibt es keinen expliziten Abschnitt «Verantwortung gegenüber sich selbst» – Selbstführung ist über die anderen Verantwortungsbereiche verteilt und wird implizit vorausgesetzt. Das ist eine bewusste oder unbewusste konzeptuelle Lücke des LCH-Dokuments.
Ebene 2 – Schulleitung
Die Schulleitung führt sich selbst und andere – das verdoppelt den Selbstführungs-Anspruch. Vertiefung in Selbstführung der Schulleitung (Dubs-orientierte Note), hier nur die Grundlinien:
- Zeit- und Aufmerksamkeitsallokation – was bekommt wann Vorrang?
- Strategische Distanz – nicht im Reaktiven untergehen
- Eigene Reflexionsformate – Peer-Gruppen mit anderen SL (nicht im eigenen Kollegium)
- Resilienz-Pflege – die SL ist im Schulsystem oft die einzige Person ohne Vorgesetzte:n im täglichen Kontakt; Selbstführung ist hier nicht nur Empfehlung, sondern Überlebensbedingung
- Vorbildwirkung – die Selbstführung der SL prägt die Kultur der Selbstführung im Kollegium
Werkzeuge und Strukturen
Selbstführung wird durch Strukturen gestützt, nicht nur durch persönliche Disziplin. Wichtige Werkzeuge:
- Supervision und Intervision als formalisierte Reflexionsräume
- MAG als jährliche Reflexionsschleife – aus SL-Sicht ein Führungs-, aus LP-Sicht ein Selbstführungs-Instrument
- Logbuch / Reflexions-Journal für die kontinuierliche Eigenreflexion
- Kollegiale Lerngruppen und PLG für gemeinsame professionelle Weiterentwicklung
- Externes Coaching bei spezifischen Zielen oder Übergängen (Berufseinstieg, Funktionswechsel)
Bedeutung für die Schulleitung
Vier konkrete SL-Aufgaben zur Selbstführungs-Kultur im Kollegium:
- Sich selbst sichtbar selbstführen – die SL als Vorbild für reflektierten Umgang mit Zeit, Belastung, Grenzen
- Selbstführung der LP strukturell ermöglichen – durch zeitliche Räume für Reflexion, durch ein Q-Konzept, das Supervision/Intervision verankert (Supervision und Intervision)
- Selbstführung in der Berufseinführung adressieren – neue Lehrpersonen sind besonders verletzlich; Mentoring und kollegiale Begleitung helfen, früh eine Selbstführungs-Praxis zu entwickeln
- Mit dem MAG verzahnen – das Mitarbeitergespräch sollte nicht nur Leistung beurteilen, sondern Selbstführungs-Fragen aufgreifen (Belastung, Weiterbildung, Berufsethos, Entwicklungs-Ziele)
Stolpersteine
- Individualisierung struktureller Probleme: Wenn «Selbstführung» als Ausweg aus Überlastung gepredigt wird, statt strukturelle Ursachen anzupacken, wird die Idee zur Disziplinierungs-Botschaft. Selbstführung ergänzt strukturelle Verbesserung, sie ersetzt sie nicht
- Selbstführung als Heroismus: Die einzelne Lehrperson ist nicht für alles selbst verantwortlich – kollektive Selbstführung des Berufsstandes (über den Verband) trägt die individuelle Selbstführung
- Verwechslung mit Selbstoptimierung: Selbstführung ist Werteorientierung, nicht Performance-Maximierung. Sie zielt auf nachhaltige Berufsausübung, nicht auf «mehr Output»
- SL-Vereinsamung: Wer als SL nur die anderen führt und nicht für die eigene Selbstführung sorgt, brennt aus – das ist der häufigste Ausgang von SL-Karrieren
Verbindungen
- Selbstführung der Schulleitung – Vertiefungs-Note speziell zur SL-Selbstführung, Dubs-orientiert
- Supervision und Intervision – die wichtigsten formalisierten Reflexionsformate, die Selbstführung tragen
- Schulleitung – Konzept-Note der SL-Rolle, Selbstführung als ihre Voraussetzung
- Mitarbeitergespräch als Führungsinstrument – Schnittstelle zwischen Führung durch SL und Selbstführung der LP
- Personalentwicklung im Management – Personalführung als Rahmen für individuelle Selbstführung
- riedener-nussbaum-storch-2018-ich-packs-selbstmanagement-fuer-jugendliche-ekqa5jqh – Schweizer Selbstmanagement-Methode (Ich-Pakete), Werkzeug für Selbstführung
- franzen-2021-quellen-der-selbstwirksamkeitsueberzeugung-von-grundschullehrkraeften-q7sj9x7x – empirische Studie zur Selbstwirksamkeit von Grundschul-LP
Literatur
- LCH (2024). Berufsleitbild und Berufsethik. Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. Verabschiedet 8. Juni 2024.
- Drucker, P. F. (1999). Managing Oneself. Harvard Business Review.
- Manz, C. C. & Sims, H. P. (1980). Self-Management as a Substitute for Leadership: A Social Learning Theory Perspective. Academy of Management Review.
- Bandura, A. (1997). Self-Efficacy: The Exercise of Control. W. H. Freeman.
- Dubs, R. (2019). Die Führung einer Schule: Leadership und Management (3., vollständig überarbeitete und erweiterte Aufl.). Franz Steiner Verlag, Stuttgart.
- Riedener, A., Nussbaum, M. & Storch, M. (2018). Ich-Pakete. Selbstmanagement mit ZRM. hep.
- Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz [LCH] (2024). Berufsleitbild LCH | Berufsethik LCH.
- Riedener Nussbaum, A. & Storch, M. (2018). Ich packs! Selbstmanagement für Jugendliche (4. Aufl.). Bern: Hogrefe. https://doi.org/10.1024/85872-000
- Franzen, K. (2021). Quellen der Selbstwirksamkeitsüberzeugung Von Grundschullehrkräften Im Kontext Inklusiver Erziehung und Bildung. Wiesbaden: Springer.
Verweise auf diese Seite
- Die 4 Bewegungen schulischer Führung Zettelkasten
- Selbstführung der Schulleitung Zettelkasten
- Selbstwirksamkeitserwartung (Bandura) Zettelkasten