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Lesson and Learning Studies

Lesson and Learning Studies

Lesson Study (japanisch jugyou kenkyuu 授業研究) ist eine kollegiale Methode der Unterrichtsentwicklung, in der eine Gruppe von Lehrkräften gemeinsam eine konkrete Unterrichtsstunde plant, einer aus der Gruppe sie durchführt, die anderen beobachten und alle reflektieren das Ergebnis – iterativ über mehrere Zyklen. Learning Study ist eine theoriegeleitete Weiterentwicklung dieser Methode, die Ference Martons Variationstheorie als didaktische Basis integriert. Beide Methoden sind spezifische Formen von Aktionsforschung auf der Ebene der konkreten Unterrichtsstunde.

Ursprung und Rezeption

Japan: Lesson Study geht auf die Meiji-Reformen des späten 19. Jahrhunderts zurück und ist seit den 1960er-Jahren als institutionalisierte Praxis in japanischen Schulen etabliert. Sie ist dort kein Sonderprojekt, sondern Teil der normalen kollegialen Arbeit – die meisten japanischen Lehrkräfte nehmen mehrmals pro Schuljahr an kenkyuu jugyou («Forschungsstunden») teil.

Verbreitung im Westen: Internationale Aufmerksamkeit erhielt die Methode durch Stigler & Hieberts Buch The Teaching Gap (1999), das im Anschluss an die TIMSS-Studie analysierte, warum japanische Schüler:innen in Mathematik so deutlich besser abschnitten als amerikanische. Ein zentraler Befund: nicht das Lehrertalent, sondern das kollektiv erarbeitete Wissen über guten Unterricht macht den Unterschied. Die amerikanische Rezeption wurde von Catherine Lewis (Mills College) systematisiert.

Learning Study: 2003 entwickelten Ference Marton (Göteborg) zusammen mit Pong, Lo und Pang in Hong Kong die Learning Study-Variante. Sie ergänzt die japanische Lesson Study um Martons Variationstheorie (was Lernende erfassen können, hängt davon ab, welche Variationen sie an einem Lerngegenstand wahrnehmen) und stellt damit die didaktische Theoriegeleitetheit ins Zentrum. Learning Studies sind theoretisch ambitionierter, in der Vorbereitung aufwendiger – aber empirisch besser dokumentiert.

Deutschsprachiger Raum: Altrichter, Posch und Spann (2018) haben die 5. Auflage ihres Standardwerks explizit um ein Kapitel zu Lesson and Learning Studies erweitert. Posch (Klagenfurt) ist im deutschsprachigen Raum ein zentraler Rezipient der Methode.

Der LLS-Zyklus

Lesson und Learning Studies folgen einem klar strukturierten, iterativen Zyklus mit typisch sieben Phasen:

PhaseInhalt
1. ForschungsfrageEine gemeinsame Frage zum Schülerlernen formulieren (z.B. «Wie lernen Schüler:innen Bruchrechnung mit Sinnverständnis?»)
2. StudienplanungTheoriestudium, Curriculum-Analyse, didaktische Hypothesen – bei Learning Study: explizite Variationstheorie-Analyse
3. Lesson PlanningGemeinsame Planung einer konkreten Forschungsstunde, oft mit detailliertem Skript
4. ImplementationEine aus der Gruppe unterrichtet die geplante Stunde
5. ObservationDie anderen beobachten systematisch – Fokus auf Schülerlernen, nicht auf Lehrer-Performance
6. Post-Lesson DiscussionStrukturierte gemeinsame Reflexion: Was haben die Schüler:innen gelernt? Was wirkt? Was nicht?
7. RefinementStunde wird überarbeitet, ggf. von einer anderen Lehrperson erneut gehalten – nächste Iteration

Charakteristisch ist die Schüler-Zentrierung der Beobachtung: Beobachter:innen sitzen typischerweise zwischen den Schüler:innen und dokumentieren, wann welches Verständnis entsteht oder ausbleibt. Die Lehrperson ist im Verfahren entlastet – die Stunde ist «unser Produkt», nicht «ihre Lektion».

Abgrenzung zu verwandten Praktiken

Lesson Study ist keine kollegiale Hospitation. Drei zentrale Unterschiede:

DimensionKlassische HospitationLesson / Learning Study
PlanungGastgeber:in plant alleinGruppe plant gemeinsam
FokusLehrer-PerformanceSchülerlernen
HäufigkeitEinmaligIterativer Zyklus
Bewertungs-Charakteroft beurteilendforschungsorientiert

Lesson Study ist eine spezifische Form von Aktionsforschung: Sie übersetzt Lewins Aktionsforschungs-Zyklus (Plan → Act → Observe → Reflect) auf die Ebene einer konkreten Unterrichtsstunde. Während Aktionsforschung ein allgemeiner Methodologie-Rahmen ist, ist LLS ein konkretes, ritualisiertes Format.

Lesson Study ist eine Praxis innerhalb von PLGs: Eine professionelle Lerngemeinschaft ist das organisatorische Format (Kollegium als Lerngemeinschaft); LLS ist eine konkrete Methode innerhalb dieses Formats. Eine PLG kann LLS als Hauptmethode wählen – muss aber nicht. Umgekehrt setzt LLS funktionierende PLG-Strukturen voraus, sonst zerfällt der Prozess.

Wirksamkeit und Verbindung zu CTE

Lesson und Learning Studies wirken auf mehreren Ebenen gleichzeitig: Unterrichtsqualität (durch theoriegeleitete Planung), Lehrer-Kollaboration (durch geteilte Verantwortung), fachdidaktisches Wissen (durch wiederholte Tiefen-Analysen) und Schülerlernen (durch iterative Verbesserung). Eine einzelne Effektstärke wie bei Hattie lässt sich deshalb schwer angeben – LLS ist eine Mehrkomponenten-Intervention.

Die wichtigste indirekte Wirkung: LLS baut kollektive Lehrer-Wirksamkeit (CTE) auf, und CTE ist gemäss Hattie der stärkste schulische Wirkfaktor überhaupt. Damit ist LLS auch aus instructional-leadership-Perspektive hochinteressant – sie ist eine konkrete Praxis, mit der die schulleitungsseitig wirksamen Praktiken (kollegiale Lernkultur, Impact-Evaluation, klare Erfolgskriterien) operativ verankert werden.

Schweizer Kontext

Im Schweizer Schulwesen sind LLS noch nicht weit verbreitet. Erste Pilotierungen gibt es seit etwa 2010 an einzelnen Pädagogischen Hochschulen (FHNW, PH Zürich, PH Bern, PH Luzern) und an einzelnen Schulen. Die Methode ist mit der Kompetenzorientierung des Lehrplans 21 grundsätzlich gut anschlussfähig, weil sie systematisch von der Frage des Schülerlernens her denkt.

Die wichtigste strukturelle Hürde: LLS braucht Zeit für gemeinsame Planung – das ist im Schweizer Anstellungsmodell mit klassischer Lektionen-Berechnung schwierig zu organisieren. Schulen, die LLS einführen wollen, müssen die Pensen-Struktur entsprechend gestalten oder Teamteaching-Modelle nutzen.

Handlungsempfehlungen für Schulleitende

Sieben praxistaugliche Schritte, wenn eine Schulleitung LLS einführen will:

  1. Klein starten: Eine Pilotgruppe von drei bis fünf Lehrkräften aus einer Fachschaft, ein konkreter Lerngegenstand – nicht eine Schul-weite Reform
  2. Zeitstrukturen sichern: Mindestens vier bis sechs Halbtage pro Zyklus, im Stundenplan eingebaut, nicht «zusätzlich»
  3. Externen Coach in der Anfangsphase: Ein:e PH-Dozent:in oder erfahrene LLS-Praktiker:in begleitet die ersten zwei bis drei Zyklen
  4. Kultur des Unvollkommenen pflegen: Die Forschungsstunde darf scheitern – das ist der Punkt. Wer LLS als Repräsentationsformat versteht, hat das Konzept missverstanden
  5. Schüler-Fokus konsequent halten: Beobachtung dokumentiert, was Schüler:innen tun und verstehen, nicht was Lehrkräfte gut oder schlecht machen
  6. Iteration über Jahre planen: LLS entfaltet Wirkung erst nach mehreren Zyklen. Wer nach einem Versuch aufhört, hat nicht wirklich angefangen
  7. Verbindung zur Steuergruppe: LLS-Erkenntnisse fliessen in die schulweite Unterrichtsentwicklung zurück (siehe Steuergruppen als Schulentwicklungs-Motor); sonst bleibt das Format eine isolierte Praxis einzelner Engagierter

Bestandsabdeckung im Zettelkasten

Die LLS-Literatur ist im Zotero-Bestand partiell abgedeckt: Über Altrichter, Posch & Spann (2018) ist das Kapitel zu Lesson and Learning Studies im deutschsprachigen Standardwerk verfügbar. Die englischsprachigen Schlüsselwerke fehlen aber noch:

Diese drei Werke wären die nächste Welle-Empfehlung, falls du LLS als Schulentwicklungs-Methode aktiv einführen willst.

Verbindungen

Literatur