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Action Research nach Lewin

Action Research nach Lewin

Action Research (deutsch: Aktionsforschung, Handlungsforschung oder Praxisforschung) ist eine partizipative Forschungsmethodologie, die Kurt Lewin in seinem posthum erschienenen Aufsatz von 1947 erstmals systematisch formuliert hat (siehe Lewin 1947, Teil II). Sie verbindet Erkenntnisgewinn und Veränderungshandeln in einem iterativen Zyklus, in dem die Beteiligten der Praxis nicht Forschungsobjekt, sondern Mit-Forschende sind. In der heutigen Schulentwicklungs- und Bildungsforschung ist sie der dominante methodologische Rahmen für die systematische Verbesserung schulischer Praxis durch die Schulen selbst.

Lewins Grundthese

Lewins zentrale Formulierung lautet sinngemäss: No action without research, no research without action. Forschung, die nicht in Veränderungshandeln mündet, ist für ihn ebenso defizitär wie Veränderung ohne empirische Grundlage. Das war 1947 ein radikaler Gegenentwurf zum damaligen positivistischen Wissenschaftsverständnis, das strikte Trennung von Beobachter und Beobachtungsfeld forderte.

Drei konstitutive Elemente verbinden Lewins Action Research:

Der Aktionsforschungs-Zyklus

Lewin skizzierte den Zyklus in der Form Planning → Acting → Observing → Reflecting → erneutes Planning…. Kemmis & McTaggart (1988) systematisierten ihn später als Spirale: Jede Iteration bringt veränderte Ausgangsbedingungen für den nächsten Zyklus mit sich. Modern wird der Zyklus häufig in vier Phasen dargestellt:

PhaseInhaltSchulischer Beispiel-Hebel
PlanDiagnose, Problemformulierung, Hypothese, Intervention designenSchülerfeedback auswerten, Hospitations-Fokus festlegen
ActIntervention durchführenneue Unterrichtsform pilotieren, neue Sitzungsstruktur einführen
ObserveBeobachten, Daten sammeln, dokumentierenLerntagebücher, kollegiale Hospitation, Schülerinterviews
ReflectAuswertung, Interpretation, Lernen ableitenKonferenz, Steuergruppen-Reflexion, schriftliche Synthese

Verhältnis zum PDCA-Zyklus

Action Research und PDCA-Zyklus sind methodologische Schwestern, nicht voneinander abgeleitet. Sie sind strukturell verwandt, historisch parallel entstanden, mit unterschiedlichen Traditionen:

DimensionAction ResearchPDCA-Zyklus
UrsprungLewin 1946/1947 (Sozialpsychologie, Gruppen-Dynamik)Shewhart 1939 (statistische Qualitätskontrolle), Deming-Popularisierung ab 1950er
TraditionSozialwissenschaftlich, partizipativ, demokratischIndustriell, datenbasiert, Total Quality Management
Forschungs-PositionPraktiker:innen sind Mit-ForschendeManager:innen optimieren Prozesse
GrundfigurPlan → Act → Observe → ReflectPlan → Do → Check → Act
Dominanter Anwendungsbereich heuteBildung, Sozialarbeit, partizipative ForschungQualitätsmanagement, Industrie, Q2E im Schweizer Schul-Kontext

Diese Unterscheidung ist nicht akademisch: Wer in der Schulentwicklung «PDCA» sagt, signalisiert eine Steuerungs-Perspektive (Q2E, FSB, betriebswirtschaftlich); wer «Aktionsforschung» sagt, signalisiert eine Selbstforschungs-Perspektive (Lehrkräfte erforschen ihren Unterricht, Kollegium reflektiert seine Praxis). In der Sache lässt sich vieles in beide Sprachen übersetzen – die Wahl der Sprache hat aber Konnotationen, die sich auf die Beteiligung des Kollegiums auswirken.

Aktionsforschung in der Schulentwicklung

In der Schulentwicklung manifestiert sich Aktionsforschung in mehreren etablierten Praktiken:

Schulleitung als Aktionsforscherin

Aktionsforschung ist nicht nur eine Methode für Lehrkräfte oder externe Forschende – sie ist auch eine Haltung der Schulleitung gegenüber der eigenen Schule. Schulleitungen, die ihre Schule als Forschungsfeld verstehen, in dem sie selbst forschend tätig sind, betreiben implizit Aktionsforschung:

Diese Haltung verbindet AR direkt mit Hatties Befund zur Impact-Evaluation als wirksamster Schulleitungs-Praktik (siehe d=0.91) – «evaluate your impact» ist im Kern eine aktionsforschende Haltung.

Bestandsabdeckung im Zettelkasten

Die Action-Research-Literatur ist im Zotero-Bestand inzwischen solide abgedeckt. Drei Werke stehen zur Verfügung, die zusammen die Methodik tragen:

Verbleibende Bestandslücke: Kemmis, S., McTaggart, R. & Nixon, R. (2014), The Action Research Planner: Doing Critical Participatory Action Research, Springer – die internationale Referenz mit klarer Operationalisierung der Spirale; aktuell mit den verfügbaren Quellen nicht beschaffbar, kann aber für die Operationalisierung durch Mertler kompensiert werden.

Mit Lewin als historischer Wurzel, Altrichter für den deutschsprachigen Schul-Kontext und Mertler für die schulpraktische Operationalisierung ist die Methodik solide abgedeckt.

Praktische Anwendung in der Schule: 360°-Feedback

Eine der wichtigsten operativen Anwendungen der Aktionsforschungs-Methodologie im Schweizer Schulkontext ist das 360°-Feedback im Q2E-Modell. Die Verbindung ist nicht zufällig: Lewin hat in derselben Abhandlung (1947, Teil II), in der er Action Research erstmals formuliert, auch die Feedback-Theorie der Sozialdiagnose entwickelt. Multiperspektivische Rückmeldung ist damit bei Lewin nicht ein zufälliger Nachbar von Aktionsforschung, sondern konstitutiv mit ihr verbunden.

Funktional lässt sich 360°-Feedback als operativer Hebel innerhalb eines AR-Zyklus lesen: Es ist die «Observe»-Phase auf der Ebene einer einzelnen Lehrperson oder Schulleitung. Plan (Unterrichts-Innovation, neue Praxis) → Act (Umsetzung) → Observe (360°-Feedback einholen aus SuS-, Kollegen-, SL-, Eltern-Perspektive) → Reflect (Auswertung mit Coaching oder kollegialer Beratung) → nächster Plan. Strukturell identisch zum Lewin-Zyklus, nur auf die individuelle Professionalisierung übertragen.

Die strukturelle Parallele lässt sich in einer Übersicht festhalten:

DimensionAction Research360°-Feedback
Datenquellemehrere Forschungsquellen (Praktiker, Beobachter, Artefakte)mehrere Perspektiven (SuS, Kollegen, SL, Eltern, Selbstbild)
Logikiterativer Zyklusiterative Wiederholung über Zeit
Verbindung Selbst/FremdPraktiker als Mit-Forschende plus externe BeobachtungSelbstbild plus Fremdsicht
ZweckVeränderung der Praxis durch ErkenntnisVeränderung der Praxis durch Erkenntnis
Wertegerüstpartizipativ, demokratischdialogisch, entwicklungsorientiert

Damit ist das Q2E-Element des Individualfeedbacks methodologisch direkt anschlussfähig an Lewins Aktionsforschung – Q2E selbst ist im Kern ein Aktionsforschungs-Modell mit Q-Management-Vokabular (siehe Q2E – Grundkonzept).

Anschluss Wirtschaft → Volksschule

Im wirtschaftlichen Hintergrund ist Aktionsforschung selten unter diesem Namen präsent – analog funktionierende Methoden heissen dort Design Thinking, Lean Startup, Continuous Discovery oder Customer Development. Die Grundfigur ist identisch: Hypothese formulieren → Intervention pilotieren → Daten sammeln → Reflexion → nächster Zyklus. Für Quereinsteigende aus diesen Feldern ist Aktionsforschung daher kein neues Konzept, sondern eine vertraute Methodik mit anderer Sprache und ergänzter demokratischer Grundierung. Diese Übersetzbarkeit ist eine produktive Ressource: Wer Lean Startup verstanden hat, versteht Aktionsforschung – muss aber die partizipative Komponente bewusst hinzunehmen, die in der Wirtschaft oft fehlt.

Verbindungen

Literatur