Geteilte Vision (Senge, 3. Disziplin)
Eine geteilte Vision ist bei Senge mehr als ein Slogan an der Wand oder ein Leitbild-Dokument. Sie ist das gemeinsam geteilte Bild dessen, was eine Organisation schaffen will – getragen von den Mitgliedern, nicht verkündet von der Spitze.
Vision vs. Compliance
Senge unterscheidet sieben Haltungs-Stufen gegenüber einer Vision: Commitment (will sie verwirklichen, lässt sich nicht abhalten), Enrollment (will sie freiwillig mittragen), Echte Compliance (sieht den Sinn und macht mit), Formale Compliance (macht ordentlich mit, hält die Regeln ein), Widerstrebende Compliance (macht mit, aber widerwillig), Nicht-Compliance (macht nicht mit), Apathie (interessiert sich nicht).
Die meisten Organisationen erreichen «formale Compliance» – die Mitglieder erfüllen Aufgaben, ohne sich mit der Vision zu identifizieren. Erst Enrollment und Commitment bringen die wirkliche Energie der lernenden Organisation.
Wie geteilte Vision entsteht
Eine wirklich geteilte Vision lässt sich nicht von oben verordnen. Sie entsteht aus der Verbindung persönlicher Visionen (persönliche Meisterschaft) zu einem gemeinsamen Bild. Schulleitungen können nicht «eine Vision haben und das Kollegium dazu bringen». Sie müssen mit den persönlichen Anliegen der Lehrpersonen, Eltern, Schüler:innen (Stakeholder) ins Gespräch kommen und Brücken bauen.
Schulpraxis
Der Vorwurf an viele Schulleitbilder lautet: Sie sind formal-korrekt formuliert, aber niemand würde sich auf sie berufen, wenn es zählt. Senges Massstab: Eine Vision ist nur dann lebendig, wenn die Mitglieder freiwillig mehr tun, als die Vorschriften verlangen – weil sie an die Sache glauben.
Das macht den Unterschied zwischen einem transformational geführten Kollegium und einem bloss verwalteten. Die Disziplin besteht im fortlaufenden Pflegen des Vision-Bezugs in Sitzungen, Entscheidungen, alltäglichen Geschichten – nicht in einmaligen Klausur-Wochenenden.
Verbindungen
- leitbild-paedagogische-leitideen – das Leitbild ist die institutionalisierte Form der geteilten Vision
- Transformationale Führung in der Schule – Visionsbildung ist eine Kernkompetenz transformationaler Führung
- Persönliche Meisterschaft (Senge, 1. Disziplin) – Senges Visions-Disziplin ergänzt persönliche Meisterschaft auf der individuellen Ebene
- Stakeholder der Schule – eine geteilte Vision entsteht nur, wenn alle Stakeholder ernsthaft beteiligt sind
Literatur
- Senge, P. M., Klostermann, M. & Freundl, H. (2021). Die fünfte Disziplin. Kunst und Praxis der lernenden Organisation (11. Aufl.). Freiburg: Schäffer-Poeschel.
Verweise auf diese Seite
- Charismatische Rhetorik Zettelkasten
- Kulturmodell Zettelkasten
- Qualitätsbereich Führung (TG) Zettelkasten