Informelle Führung in Schulen
Eine Beobachtung, die Strauss systematisiert: In jeder Schule wirken Lehrpersonen informell als Führungskräfte – durch ihre fachliche Reputation, ihre Beziehungsnetze, ihre kommunikative Präsenz, ihre Zeitspanne im Kollegium. Diese informelle Führung lässt sich nicht abschalten, aber sie lässt sich kennen, anerkennen und einbinden.
Erkennen und gestalten
Schulleitungen tun gut daran, die informelle Struktur ihres Kollegiums bewusst zu kennen: Wer wird gefragt, wenn es schwierig wird? Wessen Schweigen in der Konferenz wirkt? Wer prägt die Pausengespräche?
Strauss plädiert für ein konstruktives Einbinden informeller Stimmen – nicht durch Vereinnahmung («Du bist ja jetzt auf meiner Seite»), sondern durch echtes Gespräch über Anliegen, Bedenken, Vorschläge. Wer das ignoriert, regiert formal, aber nicht wirksam.
Schattenseiten
Informelle Führung kann auch destruktiv wirken: Wer als informelle:r «Heimliche Schulleiter:in» neue Initiativen systematisch unterläuft, gefährdet die Schulentwicklung. Strauss plädiert hier für klare Gespräche: Erwartungen anzusprechen, das Konkurrierende sichtbar zu machen, gegebenenfalls Konsequenzen zu ziehen.
Hier verbindet sich Teacher Leadership mit Senges mentalen Modellen: Die wirksamen mentalen Modelle einer Schule liegen oft nicht in Leitbild-Texten, sondern in den Annahmen der informellen Meinungsführer:innen.
Verbindungen
- Teacher Leadership – Grundkonzept – informelle Führung durch Lehrpersonen ohne Hierarchie-Position
- Distributed Leadership – verteilte Führung – informelle und verteilte Führung sind eng verwandt – beide bestreiten das hierarchische Modell
- Schulkultur als Gegenstand der Schulleitungs-Arbeit – informelle Führung wirkt vor allem über kulturelle Kanäle, nicht über formale Macht
- Mentale Modelle (Senge, 2. Disziplin) – informelle Führung wirkt häufig dadurch, dass mentale Modelle in Gesprächen hinterfragt werden
Literatur
Informelle Autorität speist sich aus mehreren Quellen: Fachliche Expertise (jemand wird gefragt, weil sie etwas wirklich kann); Erfahrung (lange im System, kennt die Geschichte); Beziehungsfähigkeit (vermittelt zwischen Lagern, schafft Vertrauen); Sprachliche Präsenz (formuliert pointiert, was viele denken); Werte-Vertretung (steht für etwas, das im Kollegium hochgehalten wird).
Wichtig: Informelle Autorität ist nicht automatisch auf der Seite der Schulleitungs-Linie. Es gibt Lehrpersonen, die informell stark sind und gleichzeitig der Schulleitung skeptisch gegenüberstehen. Wenn diese Personen nicht eingebunden werden, entstehen schnell zwei parallele Diskurse im Kollegium.
- Strauss, N. C. (Hrsg.) (2020). Teacher Leadership – Schule gemeinschaftlich führen. Bern: Hep.
- Anderegg, N. (2022). Teacher Leadership. Ent- oder Ermächtigung? Eine Auseinandersetzung mit Macht- und Kulturfragen. Lernende Schule, 12–14. https://www.friedrich-verlag.de/shop/teacher-leadership-d537098
Verweise auf diese Seite
- Profi-Bürokratie (Mintzberg, 1979) Zettelkasten