Bewahren, verbessern, hinnehmen

Am Ende seines Essays über die Krise der Imagination stellt Roland Reichenbach drei Fragen, die jedes Entwicklungsvorhaben einer Schule aushalten sollte: Was hat sich bewährt und sollte daher bewahrt werden? Was lässt sich verbessern und sollte verbessert werden? Was lässt sich nicht ändern und muss hingenommen werden? Die erste Frage mute konservativ an, die zweite progressiv, die dritte realistisch (2025, S. 164). Zusammen ergeben sie ein Prüfraster, das der Schulentwicklung etwas zurückgibt, was ihr Vokabular meist nicht vorsieht: die Möglichkeit, dass das Alte richtig ist.

Warum die erste Frage die schwierigste ist

Reichenbachs Diagnose ist nicht, dass wir das Neue nicht mehr erkennen könnten. In Zeiten der «Neomanie» und der «hülsenhaften Innovationsrhetorik» bestehe die Krise vielmehr darin, «das Bewährte nicht mehr wahrnehmen und schätzen zu können» (S. 163 f.). Der Grund liegt in der Zeitmetaphorik, mit der wir über Zukunft reden. Solange wir durch die Zukunft hindurchschreiten, können wir sie gestalten – das war die Metapher des Fortschritts. Kommt die Zukunft dagegen auf uns zu, müssen wir uns wappnen und anpassen, «lebenslänglich» lernen – das ist die Metapher der Innovation (S. 89). Mit ihr verschiebt sich Bildung vom «Lernen des Wissens» zum «Lernen des Entscheidens»; der Preis ist die Entwertung der Erfahrung und ein «emsiges Treiben ohne Ziel» (S. 90 f.). Innovationsdruck bedeutet: «Stabilität ist keine Option, der Status quo ist keine Möglichkeit» (S. 90).

Das Raster in der Praxis

Für eine Schulleitung übersetzt sich das in eine Reihenfolge. Bevor ein Vorhaben – ein neues Beurteilungskonzept, eine Umstellung auf Lernlandschaften, ein Digitalisierungsschub – geplant wird, ist zu klären, was an der bestehenden Praxis funktioniert und weshalb; erst dann, was besser werden soll und woran man das erkennen würde; und zuletzt, was ausserhalb der eigenen Reichweite liegt – kantonale Vorgaben, Raum, Stellenplan, die Zusammensetzung der Klassen. Die dritte Frage schützt vor Allmachtsfantasien, die erste vor Geschichtslosigkeit. Reichenbach: Imaginative Praxis mag zu Allmachts- und Ohnmachtsfantasien verführen, sie vermag beide aber auch «als Schimären entlarven» (S. 164).

Das ist keine Absage an Veränderung. Was sich verbessern lässt, soll verbessert werden – das ist die zweite Frage, und sie ist ausdrücklich progressiv. Es ist eine Absage an die Rhetorik, in der «Fortentwicklung» das Wort «Fortschritt» ersetzt hat, weil niemand mehr sagen kann, wohin die Reise geht, gehen kann und gehen soll (S. 88 f.).

Einordnung

Die Modelle des Wandels, mit denen hier gearbeitet wird, setzen Veränderung als Normalfall – Change-Management, Lewins Auftauen und Einfrieren, der PDCA-Kreislauf. Reichenbachs Raster widerspricht ihnen nicht, setzt ihnen aber eine Frage voran, die in den Modellen implizit bleibt: ob überhaupt verändert werden soll. Wer Widerstand im Kollegium nur als Phase im Veränderungsprozess liest, verpasst die Möglichkeit, dass der Widerstand die erste Frage stellt. Gute Schulentwicklung – so verstanden – beginnt mit einer Inventur des Bewährten.

Ist das Pragmatismus? Das Wort «bewährt» legt es nahe, und an anderer Stelle wird hier pragmatistisch gedacht: Die John-Nikola-Frage verlangt, dass abweichende Praxis ihre Bewährung dokumentiert. Doch die beiden Bewährungen zeigen in verschiedene Richtungen. Bei Peirce, James und Dewey ist Bewährung prospektiv und experimentell: Der Gehalt einer Überzeugung liegt in ihren Folgen, und für Dewey lebt jede Erfahrung in weiteren Erfahrungen fort («every experience lives on in further experiences»), weshalb das zentrale Problem einer Pädagogik der Erfahrung darin bestehe, jene gegenwärtigen Erfahrungen auszuwählen, die in den nachfolgenden fruchtbar weiterleben (1938/1997, S. 27 f.). Reichenbachs Bewährung dagegen ist retrospektiv: Sie fragt, was sich gehalten hat – Herkunft, Erinnerung, Tradition –, und misstraut gerade der Zukunftsoffenheit, die den Pragmatismus antreibt. Dewey zitiert er für die Imagination zustimmend, dessen Demokratiepädagogik aber kritisch (2025, S. 38, 157–159); Peirce und James kommen bei ihm nicht vor. Das Raster ist also kein pragmatistisches, aber es lässt sich pragmatistisch ergänzen: Was sich bewährt hat, hat sich für etwas bewährt, und die Frage, wofür, stellen beide Lesarten.

Verbindungen

Literatur