Die «eigene Meinung» als Bildungsziel

«Sich eine eigene Meinung bilden und dazu stehen» gehört zu den Formeln, denen niemand widerspricht. Roland Reichenbach tut es – nicht gegen das Recht auf freie Meinungsäusserung, das er für politisch unverzichtbar hält, sondern gegen die Idee, das Eigene einer Meinung sei ihr Gütekriterium. Eine Meinung weist sich nicht dadurch aus, dass sie meine ist; bedeutsam ist, «um welche Meinung es sich handelt, welche Position vertreten wird» und wie sie sich plausibilisieren lässt: durch die Differenziertheit ihrer Begründung und ihre Robustheit gegen Kritik (2025a, S. 65). Die Fähigkeit, eigene Meinungen zu bilden, tauge deshalb nicht unhinterfragt als Kriterium für Mündigkeit (ebd.).

Meinung ist nicht Wahrheit

Reichenbachs Pointe ist nüchtern: Ob wir selbst auf «unsere» Meinungen gekommen sind, darf bezweifelt werden. Eine Person, deren Meinungen sich mit keiner anderen deckten, wäre «eine eigenartige Person» (S. 66). Die von vielen geteilte Meinung ist doxa, nicht Wahrheit. Lernen und Bildung sollten eher helfen, der Wahrheit ein Stück näherzukommen, «und diese ist nie meine Wahrheit, die Wahrheit gehört niemandem» (S. 67). John Locke hatte das schon 1690 beschrieben: Die Verbohrtesten sind die, die ihre Meinungen am wenigsten geprüft haben – sie glauben, richtig zu urteilen, «weil man überhaupt nie geurteilt hat» (S. 30 f.).

Wo die Schule das «eigene» Meinen pflegt, ohne die Urteilsbildung zu üben, verwechselt sie nach Reichenbach zwei Dinge. Kritisches Denken bestehe eben nicht «vor allem anderen in der Fähigkeit, sich eine ›eigene‹ Meinung zu bilden, was auch schulisch zu fördern wäre, wie in Lehrplänen edel motiviert und reichlich pathetisch zu lesen ist» (S. 123). Kritisches Denken verlangt intellektuelle Tugenden: Aufmerksamkeit, Wohlwollen, Umsicht, Neugier, Gewissenhaftigkeit, interpretative Sensibilität, Weitblick, Wahrhaftigkeit – gegen Engstirnigkeit, Dogmatismus, Leichtgläubigkeit, Selbsttäuschung, Oberflächlichkeit und Wunschdenken (S. 122 f.). Die vornehmste dieser Tugenden ist die Selbstkritik als Distanzierungspraxis; Bildungsprozesse sind für Reichenbach «grob als Dezentrierungen zu rekonstruieren» (S. 67).

Was der Lehrplan 21 tatsächlich sagt

Hier lohnt ein zweiter Blick, denn die Kritik trifft eine Rhetorik, nicht den Wortlaut. Die überfachlichen Kompetenzen des Lehrplans 21 verlangen, dass Schülerinnen und Schüler sich eigener Meinungen bewusst werden und sie mitteilen – aber auch, dass sie «eigene und andere Meinungen und Überzeugungen auf zugrunde liegende Argumente (Fakten, Interessen, Werte) hin befragen», «Argumente abwägen» und «aufgrund neuer Einsichten einen bisherigen Standpunkt ändern» können. Das ist näher an Reichenbachs Prüfpflicht, als seine Polemik vermuten lässt. Der Unterschied liegt in der Gewichtung: Der Lehrplan beginnt beim Eigenen und erweitert zum Anderen; Reichenbach beginnt beim gemeinsamen Grund und lässt die Unterschiede sich von selbst zeigen (S. 22, 162).

Für die Praxis

Für den Unterricht heisst das nicht, Meinungen zu verbieten, sondern sie ernst zu nehmen – als Ausgangspunkt, nicht als Ergebnis. Eine Klasse, die ihre Meinungen zu einem Thema sammelt, hat begonnen; eine Klasse, die sie an Argumenten prüft, Gegenbeispiele sucht und am Ende sagen kann, welche Meinung sich als robuster erwiesen hat, hat gelernt. Für die Schulleitung ist die Unterscheidung ein Prüfstein für Leitbilder und Konzepte: Wo «eigene Meinung» als Ziel steht, gehört daneben, wie Urteilsbildung geübt wird.

In Die Pädagogik der Privilegierten bündelt Reichenbach seine Position in fünf Sätzen: Das «Eigene» ist kein Gütekriterium, die Differenziertheit der Begründung und die Bewährung nach der Hinterfragung sind es; die der Mündigkeit zugrunde liegende Kompetenz ist die Urteils-, nicht die Handlungskompetenz; Beurteilen ist Bildung, Handeln ist Freiheitspraxis; Beratung ist gemeinsame Urteilsfindung, die auf Konsens zielt und oft nur Zustimmung erreicht; und zur Mündigkeit gehört die Fähigkeit, «mit seinem eigenen Nichtwissen, Nichtverstehen und Nichtkönnen in Kontakt treten» zu können (2025b, S. 150).

Verbindungen

Literatur