Überfachliche Kompetenzen im Lehrplan 21
Bereiche
- Personale Kompetenzen
- Soziale Kompetenzen
- Methodische Kompetenzen
1. Personale Kompetenzen
(Selbstreflexion, Selbstständigkeit und Eigenständigkeit)
1.1 Selbstreflexion: Eigene Ressourcen kennen und nutzen
Die SuS –
- können eigene Gefühle wahrnehmen und situationsangemessen ausdrücken.
- können ihre Interessen und Bedürfnisse wahrnehmen und formulieren.
- können Stärken und Schwächen ihres Lern- und Sozialverhaltens einschätzen.
- können auf ihre Stärken zurückgreifen und diese gezielt einsetzen.
- können Fehler analysieren und über alternative Lösungen nachdenken.
- können auf Lernwege zurückschauen, diese beschreiben und beurteilen.
- können eigene Einschätzungen und Beurteilungen mit solchen von aussen vergleichen und Schlüsse ziehen (Selbst- und Fremdeinschätzung).
- können aus Selbst- und Fremdeinschätzungen gewonnene Schlüsse umsetzen.
1.2 Selbstständigkeit: Schulalltag und Lernprozesse zunehmend selbstständig bewältigen, Ausdauer entwickeln
Die SuS –
- können sich in neuen, ungewohnten Situationen zurechtfinden.
- können Herausforderungen annehmen und konstruktiv damit umgehen.
- können sich Unterstützung und Hilfe holen, wenn sie diese benötigen.
- können einen geeigneten Arbeitsplatz einrichten, das eigene Lernen organisieren, die Zeit einteilen und bei Bedarf Pausen einschalten.
- können sich auf eine Aufgabe konzentrieren und ausdauernd und diszipliniert daran arbeiten.
- können eigenverantwortlich Hausaufgaben erledigen und sich auf Lernkontrollen vorbereiten.
- können übertragene Arbeiten sorgfältig, zuverlässig und pünktlich erledigen.
- können Strategien einsetzen, um eine Aufgabe auch bei Widerständen und Hindernissen zu Ende zu führen.
1.3 Eigenständigkeit: Eigene Ziele und Werte reflektieren und verfolgen
Die SuS –
- können sich eigener Meinungen und Überzeugungen (z. B. zu Geschlechterrollen) bewusst werden und diese mitteilen.
- können eigene und andere Meinungen und Überzeugungen auf zugrunde liegende Argumente (Fakten, Interessen, Werte) hin befragen.
- können Argumente abwägen und einen eigenen Standpunkt einnehmen.
- können die Argumente zum eigenen Standpunkt verständlich und glaubwürdig vortragen.
- können aufgrund neuer Einsichten einen bisherigen Standpunkt ändern; sie können in Auseinandersetzungen nach Alternativen oder neuen Wegen suchen.
- können einen eigenen Standpunkt einnehmen und vertreten, auch wenn dieser im Gegensatz zu vorherrschenden Meinungen/Erwartungen steht.
2. Soziale Kompetenzen
(Dialog- und Kooperationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit und Umgang mit Vielfalt)
2.1 Dialog- und Kooperationsfähigkeit: Sich mit Menschen austauschen, zusammenarbeiten
Die SuS –
- können sich aktiv und im Dialog an der Zusammenarbeit mit anderen beteiligen.
- können aufmerksam zuhören und Meinungen und Standpunkte von anderen wahrnehmen und einbeziehen.
- können in der Gruppe und in der Klasse oder in einem Schülerrat Abmachungen aushandeln und Regeln einhalten.
- können auf Meinungen und Standpunkte anderer achten und im Dialog darauf eingehen.
- können je nach Situation eigene Interessen zugunsten der Zielerreichung in der Gruppe zurückstellen oder durchsetzen.
- können Gruppenarbeiten planen.
- können verschiedene Formen der Gruppenarbeit anwenden.
2.2 Konfliktfähigkeit: Konflikte benennen, Lösungsvorschläge suchen, Konflikte lösen
Die SuS –
- können sachlich und zielorientiert kommunizieren, Gesprächsregeln anwenden und Konflikte direkt ansprechen.
- können sich in die Lage einer anderen Person versetzen und sich darüber klar werden, was diese Person denkt und fühlt.
- können Kritik angemessen, klar und anständig mitteilen und mit konstruktiven Vorschlägen verbinden.
- können Kritik annehmen und die eigene Position hinterfragen.
- können Formen und Verfahren konstruktiver Konfliktbearbeitung anwenden.
- können in einer Konfliktsituation einen Konsens suchen und diesen Konsens anerkennen.
- können Konfliktsituationen, die sich nicht lösen lassen, aushalten und nach neuen Konfliktlösungsmöglichkeiten suchen; wenn nötig holen sie bei Drittpersonen Unterstützung.
- können die von der Schule bereitgestellten Hilfen nutzen und Instrumente zur gewaltfreien Konfliktlösung akzeptieren.
2.3 Umgang mit Vielfalt: Vielfalt als Bereicherung erfahren, Gleichberechtigung mittragen
Die SuS –
- können Menschen in ihren Gemeinsamkeiten und Differenzen wahrnehmen und verstehen.
- können respektvoll mit Menschen umgehen, die unterschiedliche Lernvoraussetzungen mitbringen oder sich in Geschlecht, Hautfarbe, Sprache, sozialer Herkunft, Religion oder Lebensform unterscheiden.
- können die Wirkung von Sprache reflektieren und achten in Bezug auf Vielfalt auf einen wertschätzenden Sprachgebrauch.
- können einen herabwürdigenden Sprachgebrauch erkennen und nehmen einen solchen nicht passiv hin.
3. Methodische Kompetenzen
(Sprachfähigkeit, Informationen nutzen und Aufgaben/Probleme lösen)
3.1 Sprachfähigkeit: Ein breites Repertoire sprachlicher Ausdrucksformen entwickeln
Die SuS –
- können sprachliche Ausdrucksformen erkennen und ihre Bedeutung verstehen.
- können unterschiedliche Sachverhalte sprachlich ausdrücken und sich dabei anderen verständlich machen.
- können Fachausdrücke und Textsorten aus den verschiedenen Fachbereichen verstehen und anwenden.
3.2 Informationen nutzen: Informationen suchen, bewerten, aufbereiten und präsentieren
Die SuS –
- können Informationen aus Beobachtungen und Experimenten, aus dem Internet, aus Büchern und Zeitungen, aus Texten, Tabellen und Statistiken, aus Grafiken und Bildern, aus Befragungen und Interviews suchen, sammeln und zusammenstellen.
- können die gesammelten Informationen strukturieren und zusammenfassen und dabei Wesentliches von Nebensächlichem unterscheiden.
- können Informationen vergleichen und Zusammenhänge herstellen (vernetztes Denken).
- können die Qualität und Bedeutung der gesammelten und strukturierten Informationen abschätzen und beurteilen.
- können die Ergebnisse in unterschiedlichen Darstellungsformen wie Mindmap, Bericht, Plakat oder Referat aufbereiten und anderen näherbringen.
3.3 Aufgaben/Probleme lösen: Lernstrategien erwerben, Lern- und Arbeitsprozesse planen, durchführen und reflektieren
Die SuS –
- kennen allgemeine und fachspezifische Lernstrategien und können sie nutzen.
- können die Aufgaben- und Problemstellung sichten und verstehen und fragen bei Bedarf nach.
- können einschätzen, wie schwer oder leicht ihnen die Aufgaben/Problemlösungen fallen werden.
- können bekannte Muster hinter der Aufgabe/dem Problem erkennen und daraus einen Lösungsweg ableiten.
- können neue Herausforderungen erkennen und kreative Lösungen entwerfen.
- können Ziele für die Aufgaben und Problemlösungen setzen und Umsetzungsschritte planen.
- können Lern- und Arbeitsprozesse durchführen, dokumentieren und reflektieren.
Abgrenzung zur BNE
Die überfachlichen Kompetenzen tragen zur Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) bei, sind aber nicht damit zu verwechseln.
BNE-Themen
- Politik und Menschenrechte
- Natürliche Umwelt und Ressourcen
- Geschlechter und Gleichstellung
- Gesundheit
- Globale Entwicklung und Frieden
- Kulturelle Identitäten
- Wirtschaft und Konsum
Verbindlicher Auftrag
Förderung überfachlicher Kompetenzen ist für alle KLP und FLP verbindlich.
Eine Gegenstimme
Roland Reichenbach hält die Formel «sich eine eigene Meinung bilden» für das schwächste Glied des Kompetenzvokabulars: Das «Eigene» einer Meinung sei kein Gütekriterium, entscheidend seien die Differenziertheit ihrer Begründung und ihre Robustheit gegen Kritik; kritisches Denken bestehe in intellektuellen Tugenden – Aufmerksamkeit, Umsicht, Gewissenhaftigkeit, Wahrhaftigkeit –, nicht im Meinen (2025a, S. 65, 122 f.). Die Kritik trifft eine Rhetorik mehr als den Wortlaut: Die Kompetenz 1.3 verlangt selbst, Meinungen auf ihre Argumente zu befragen und Standpunkte aufgrund neuer Einsichten zu ändern. Als Prüfstein für den Unterricht taugt sie trotzdem – ob dort das Meinen geübt wird oder das Prüfen. Ausführlich in Die «eigene Meinung» als Bildungsziel.
Die Dreiteilung selbst – personal, sozial, methodisch – geht auf Heinrich Roths Trias von Selbst-, Sach- und Sozialkompetenz zurück, die Mündigkeit «operationalisieren» sollte. Reichenbach beschreibt das daraus gewachsene «Kompetenzgebäude» mit der Handlungskompetenz zuoberst als «wundersamen Platonismus», dessen Unterscheidungen nur analytisch sind: Keine Führungsperson kommt ohne Selbst- und Sachkompetenz aus, also ist Führungskompetenz nicht einfach eine Sozialkompetenz (2025b, S. 171–173). An einem Zürcher Katalog überfachlicher Kompetenzen (Grob und Maag Merki 2001) zeigt er, dass zwischen Fertigkeiten, Kompetenzen, Persönlichkeitseigenschaften, Dispositionen, Motiven und Tugenden nicht mehr unterschieden wird (S. 180). Für die Praxis ist das kein Grund, die Bereiche aufzugeben – wohl aber, sie als Ordnungshilfe zu lesen und nicht als Bauplan des Menschen.
Verbindungen
- Lehrplan 21 in Zürich, Thurgau und St. Gallen – substanzielle Unterschiede der kantonalen Fassungen – ÜK sind in allen kantonalen Fassungen integriert
- Kompetenzorientierte Unterrichtsplanung – ÜK müssen in der Planung explizit mitgedacht werden
- Lehrplan 21: Umsetzung und Herausforderungen – ÜK sind in der Umsetzung oft unterbelichtet
- Selbstreguliertes Lernen – die personalen ÜK münden in Selbstregulation
- Lernstrategien und Metakognition – methodische ÜK umfassen Lernstrategien und Metakognition
- KV-Reform 2023 – die KV-Reform betont ÜK explizit auf der Berufsbildungs-Seite
- Fächer-Codes – ÜK ergänzen die fachlichen Codes als Querschnitts-Dimension
- Die «eigene Meinung» als Bildungsziel – Reichenbachs Kritik an der «eigenen Meinung» als Kompetenzziel
Literatur
- Reichenbach, R. (2025a). Krise der Imagination. Zum Verlust von Urteilskraft und Gemeinsinn. Gießen: Psychosozial-Verlag. – Kritik der «eigenen Meinung» S. 65–67; intellektuelle Tugenden und Lehrplan-Kritik S. 122 f. Druckseite = PDF-Seite − 2.
- Reichenbach, R. (2025b). Die Pädagogik der Privilegierten. Ein Essay. Stuttgart: Kohlhammer. https://doi.org/10.17433/978-3-17-045335-7 – Roths Trias und das Kompetenzgebäude S. 171–173; Katalog von Grob und Maag Merki S. 180. Druckseite = PDF-Seite − 1.
Verweise auf diese Seite
- Die «eigene Meinung» als Bildungsziel Zettelkasten
- Fächer-Codes Glossar
- Kompetenzorientierte Unterrichtsplanung Zettelkasten
- KV-Reform 2023 Zettelkasten
- Lehrplan 21 Zettelkasten
- Lehrplan 21 in Zürich, Thurgau und St. Gallen – substanzielle Unterschiede der kantonalen Fassungen Zettelkasten
- Projektbasiertes Lernen und multiple Intelligenzen Zettelkasten
- Tugend oder Kompetenz: Reichenbachs Leitbild-Kritik Zettelkasten