Roland Reichenbach

Schweizer Bildungsphilosoph, geboren 1962, seit 2013 Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich, zuvor in Münster und Basel; ausgebildeter Primarlehrer, Studium der Psychologie und der philosophischen Ethik in Freiburg, Habilitation 1999 mit Demokratisches Selbst und dilettantisches Subjekt; geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für Pädagogik 2009–2015, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Bildungsforschung 2012–2015; öffentlich einer der frühesten und beharrlichsten Kritiker des Lehrplans 21.

Wer in einer Sitzung «Reichenbach» sagt, meint oft «Einwand»: die Frage, wem eine Pädagogik nützt, die Eigenerfahrung, selbstorganisiertes Lernen, Lernbegleitung und «gleiche Augenhöhe» für alle Kinder gleich gut findet. Und er meint eine Haltung: Urteilskraft statt Kompetenzvokabel, Führung statt Augenhöhe, das Bewährte vor dem Neuen – vorgetragen mit Kant, Arendt und Taylor, gern polemisch, nie ohne Argument.

Wofür der Name steht

Urteilskraft und Gemeinsinn. Ohne Einbildungskraft keine Wahrnehmung, kein Urteil, kein Gemeinsinn – Reichenbach macht mit Kant und Arendt das reflektierende Urteil zum Modell: Es sucht sein Allgemeines erst, braucht Beispiele statt Regeln und die Präsenz der anderen, weshalb gemeinsame Urteilspraxis schlicht Beratung heisst (2025a, S. 23, 27 f., 114). Die «eigene Meinung» ist kein Gütekriterium; was zählt, ist die Differenziertheit der Begründung und die Bewährung nach der Hinterfragung (2025a, S. 65; 2025b, S. 150). Die Krise unserer Zeit ist für ihn eine Krise der Imagination: Gegenwartszentrismus, horizontales Verknüpfen statt vertikaler Verankerung, Innovationsrhetorik statt Fortschritt – und sie besteht nicht darin, das Neue nicht zu erkennen, sondern «das Bewährte nicht mehr wahrnehmen und schätzen zu können» (2025a, S. 163 f.).

Wem nützt die Individualisierung? Sieben «Mythen» des Lernvokabulars sind nicht falsch, aber einseitig: Sie dienen den Privilegierten, die in jeder didaktischen Welt zurechtkommen, und schaden den anderen, die «mehr Instruktion, kleinere Lernschritte, weniger ›Eigenverantwortung‹, mehr Kontrolle und viel mehr Ermutigung» bräuchten (2025b, S. 46). Individualisierung des Lernens heisst Depersonalisierung des Lehrens – dabei haben manche Kinder die Lehrperson viel nötiger als andere: «Enthusiasmus, Zuversicht, Geduld und Heiterkeit» sind «die solideste Grundlage für eine gerechtere Schule» (2025b, S. 117, 129).

Autorität. Anerkennung von Autorität, autoritäres Verhalten und autoritäre Persönlichkeit sind drei Dinge; Autorität liegt zwischen Zwang und Argument und ist eine Eigenschaft der Beziehung, nicht der Person (2025b, S. 154 f., 161). Wer sie unter «gleicher Augenhöhe» verschwinden lässt, kaschiert Dominanz, statt sie zu verantworten; die eigentliche Krise ist, dass niemand mehr gegen Autoritäten kämpft, die nichts zu versprechen haben. «Eine Pädagogik, die auf Führung verzichten will, ist schon im Wortsinn keine Pädagogik mehr» – und Kinder brauchen Führung, «manche sehr viel mehr als andere» (2025b, S. 158–160, 169).

Wie der Name hier fällt

Reichenbach ist die bildungsphilosophische Gegenstimme zum empirischen Fundament dieser Beiträge – Bandura, Hattie, Helmke, Berner. Er widerlegt sie nicht, er rahmt sie. Drei Verwendungen:

  1. Als Träger eigener Beiträge. Acht Beiträge ruhen auf ihm: Urteilskraft, eigene Meinung, vertikales Denken, die drei Fragen bewahren–verbessern–hinnehmen, demokratische Bildung, Bildungsverweigerung, pädagogische Autorität und die Frage, wem die Individualisierung nützt.
  2. Als Gegenstimme. Rund ein Dutzend Beiträge zu Lehrplan 21, Evidenz, Selbstwirksamkeit, Motivation, Digitalisierung, Schulkultur, Selbstführung und Unterrichtsbeurteilung führen ihn als Einwand, meist in einem Absatz.
  3. Als Prüfstein. Der Führungsleitspruch «auf Augenhöhe gehen» besteht seinen Einwand, weil er die Asymmetrie sichtbar lässt; die Frage «Wem nützt es?» gehört seither vor jedes Individualisierungskonzept.

Was nicht von ihm stammt. «Reichenbach (2010)» in den Beiträgen zur Psychomotorik ist Christina Reichenbach, keine Verwandte und kein Bezug. Und Reichenbach argumentiert bildungsphilosophisch, nicht empirisch: Seine Belege sind Lektüren – Arendt, Taylor, Michéa, Viain, Meirieu –, seine Bücher nennen sich Essays und verzichten auf Wertfreiheit (2025b, S. 16 f.). Wer ihn zitiert, zitiert eine Position, konservativ-republikanisch und ambiguitätstolerant, keine Studie.

Was im Korpus liegt. Krise der Imagination. Zum Verlust von Urteilskraft und Gemeinsinn (2025) und Die Pädagogik der Privilegierten. Ein Essay (2025) sind vollständig gelesen; dazu der Aufsatz Die Tiefe der Oberfläche (2000) zu Foucaults Selbstsorge. Die Einführung Philosophie der Bildung und Erziehung (2007) und die Habilitationsschrift (1999) liegen als Grundlagenwerke im Korpus und sind bisher in Aufbau und Einleitung erschlossen. Pädagogische Autorität (2011) und Für die Schule lernen wir (2013) fehlen noch.

In der Liste Hundert Bücher für Schulleitungen stehen Die Pädagogik der Privilegierten auf Rang 12 und Krise der Imagination auf Rang 17.

Verbindungen

Literatur