Lehr-Lern-Prozesse – Grundbegriffe
Berner, Fraefel und Zumsteg führen die Grundbegriffe ein, mit denen die didaktische Theorie Lehr-Lern-Prozesse beschreibt. Diese Begriffe sind keine Korinthen-Klauberei, sondern Voraussetzung für klares Denken über Unterricht.
Lehren ≠ Lernen
Eine fundamentale Unterscheidung: Lehren ist das beobachtbare Handeln der Lehrperson (Erklären, Fragen, Aufgaben stellen, Feedback geben). Lernen ist die innere Verarbeitung der Lernenden – nicht direkt beobachtbar. Lehren kann Lernen ermöglichen, aber nicht erzwingen (vgl. Angebot-Nutzungs-Modell nach Helmke).
Diese Trennung verändert die Logik des Unterrichts: Eine «brillante Erklärung» ist nicht automatisch wirksamer Unterricht. Wirksam ist, was bei den Lernenden ankommt und verarbeitet wird – das hängt mehr von ihnen ab als von der Lehrperson.
Strukturmomente
Das Berliner Modell (Heimann, Otto, Schulz) – später vom Hamburger Modell (Schulz) weiterentwickelt – beschreibt Unterricht durch sechs Strukturmomente plus Bedingungsfelder. Die Strukturmomente:
Entscheidungsfelder:
- Intentionen (Ziele)
- Themen / Inhalte
- Methoden
- Medien
Bedingungsfelder:
- Anthropogene Voraussetzungen (lernpsychologische und individuelle Bedingungen)
- Soziokulturelle Voraussetzungen (gesellschaftliche, schulische, familiäre Rahmenbedingungen)
Diese sechs Felder stehen in Interdependenz – sie beeinflussen sich gegenseitig. Wer die Methode wechselt, verändert die Wirkung der Inhalte; wer andere Voraussetzungen vorfindet, muss Ziele neu denken.
Praktische Brauchbarkeit
Das Strukturmodell hilft bei der Planung und besonders bei der Analyse von Unterricht (siehe Unterrichtsanalyse als Methode): Wenn etwas im Unterricht nicht funktioniert hat, lässt sich die Frage stellen – in welchem Strukturmoment liegt das Problem? Sind die Ziele unklar? Passen die Methoden zu den Inhalten? Sind die Voraussetzungen anders, als angenommen?
Diese systematische Befragung ist hilfreicher als vage Diagnosen («Die Klasse war heute nicht bei der Sache»). Sie führt zu konkreten Veränderungsoptionen.
Bezug zu aktuellen Modellen
Das Strukturmodell ist konzeptuell anschlussfähig an die Ebenen der Unterrichtsqualität und an Helmkes Angebot-Nutzungs-Modell. Es ist heute weniger als rigides Planungsschema gemeint, sondern als Analyseraster – ein Werkzeug, um Unterricht systematisch zu reflektieren.
Verbindungen
- Didaktische Modelle – Überblick – die Modelle bestimmen, wie Lehr-Lern-Prozesse begrifflich gefasst werden
- Didaktisches Handeln – Grundbegriffe (Berner) – didaktisches Handeln zielt auf Lehr-Lern-Prozesse
- angebot-nutzungs-modell – Reusser/Pauli rahmen Lehr-Lern-Prozesse als Angebot-Nutzungs-Geschehen
- Ebenen der Unterrichtsqualität – Qualitätsebenen sind die Bezugsgrösse für die Bewertung von Lehr-Lern-Prozessen
- Helmke (2017): Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität – Primärquelle zum Angebot-Nutzungs-Modell
Literatur
- Berner, H., Fraefel, U. & Zumsteg, B. (Hrsg.) (2018). Didaktisch handeln und denken. Mit Fokus auf angeleitetes und eigenständiges Lernen. Bern: Hep.
- Helmke, A. (2017). Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts (7. Aufl.). Seelze: Klett-Kallmeyer.
Verweise auf diese Seite
- Didaktische Modelle – Überblick Zettelkasten
- Ebenen der Unterrichtsqualität Zettelkasten
- Lehr-Lern-Arrangements Zettelkasten
- Unterrichtsanalyse als Methode Zettelkasten