Unterrichtsanalyse als Methode
Unterrichtsanalyse ist mehr als Bauchgefühl nach einer Hospitation. Hans Berner fasst sie im Herausgeberband Didaktisch handeln und denken als Dreischritt Unterricht beobachten – Feedback geben – reflektieren und richtet ihn auf die Professionalisierung der (angehenden) Lehrpersonen: Beobachten heisst, sich selbst und andere beobachten und beobachten lassen; Feedback meint die Rückmeldung von Kolleginnen, Mentoren und Schülerinnen und Schülern; Reflektieren ist das eigene und gemeinsame professionelle Nachdenken über Unterricht – samt dem Ziehen von Konsequenzen (2018, Teil 1, Kap. 2). Für Schulleitungen und für reflexive Lehrpersonen ist das ein zentrales Werkzeug der Professionalisierung.
Beobachten: Königsweg mit zwei Polen
Mit Helmke gilt die Beobachtung als «Königsweg» zur Beschreibung und Bewertung von Unterricht – keine andere Methode kann die Abfolge zeitlicher Sequenzen und Muster so gut berücksichtigen. Berner spannt das Spektrum auf: am einen Ende die völlig freie Beobachtung mit narrativer Beschreibung und persönlicher Einschätzung (nicht eingeengt, aber subjektiv), am anderen die Rating-Verfahren mit vorgegebenen Kategorien und Antwortschemata, wie sie externe Schulevaluationen nutzen; dazwischen Beobachtungsvorgaben durch Leitbegriffe oder Basisdimensionen, selbst gesetzte Schwerpunkte und Checklisten für kleine Ausschnitte – etwa die Häufigkeit der Lehrerfragen oder die Sprechanteile (ebd.; die Instrumente sind in Unterrichtsbeobachtungs-Instrumente versammelt). Beobachten braucht zweierlei: den «fremden Blick», der alles infrage stellt – Muss das so sein? Wie ginge es mir an der Stelle der Schülerinnen und Schüler? –, und professionelles Wissen über Unterricht als «Werkzeug des Sehens» (ebd.).
Vier Schritte: auftragsbezogen beobachten, datengestützt reflektieren
Als besonders geeignete Form empfiehlt Berner nach von Felten das auftragsbezogene Beobachten und datengestützte Reflektieren, das eine «reflection-on-action» ermöglicht: 1. Beobachtungsauftrag erteilen – die unterrichtende Person formuliert vorab, worauf zu achten ist; 2. auftragsbezogen beobachten und protokollieren – ohne zu werten; 3. datengestützt reflektieren – das Protokoll ist die Grundlage der Nachbesprechung, die unterrichtende Person nimmt die Wirkung ihres Handelns wahr, begründet ihr Vorgehen, erkennt Probleme und erwägt Alternativen; 4. Reflexion schriftlich festhalten – mit Handlungsvorsätzen für den nächsten Unterricht (ebd.). Die Reihenfolge ist der Kern: Bewertung kommt nach Beobachtung und Analyse, nicht davor. Wer mit der Bewertung beginnt, sieht nur Bestätigungen der eigenen Voreinstellung.
Feedback: wahrnehmen – interpretieren – fühlen
Damit Feedback weder zum «kollegialen Schulterklopfen» noch zu Missverständnissen und Verletzungen führt, unterscheidet Berner mit Schulz von Thun drei Empfangsvorgänge: wahrnehmen (etwas sehen oder hören), interpretieren (dem Wahrgenommenen eine Bedeutung geben – die richtig oder falsch sein kann) und fühlen (mit einem eigenen Gefühl antworten, das nicht der Beurteilung richtig oder falsch unterliegt). Der «innere Dreischritt» macht die eigenen Anteile an einer Rückmeldung sichtbar: «Ich sehe, wie du die Stirn runzelst. Ich vermute, mein Vorhaben passt dir nicht. Ich bin enttäuscht, weil …» (ebd.).
Verschiedene Settings
Berners Kapitel ist auf die Ausbildung geschrieben – Studierende, Praxislehrpersonen, Mentorate. Dieselbe Methodik trägt in weiteren Settings: Selbstanalyse (die Lehrperson reflektiert eigenständig, idealerweise schriftlich – Lerntagebuch, Unterrichtsjournal; hier liegt das grösste Wachstumspotenzial, wenn die Routine entsteht); kollegiale Hospitation (wechselseitiges Hospitieren und Besprechen; das braucht eine Vertrauenskultur, denn Hospitation macht verletzlich); Unterrichtsbesuche durch die Schulleitung (formelles Setting, siehe Arten von Unterrichtsbesuchen: Wer den Unterricht besucht, mit welcher Absicht und mit welchen Folgen und Beurteilung der Unterrichtsqualität beim Unterrichtsbesuch: Woran sich das Urteil bemisst und wie weit es trägt – es kombiniert Personalentwicklung mit Qualitätssicherung); externe Evaluation (Fachleute von ausserhalb bringen andere Sichtweisen ein und arbeiten typischerweise mit Rating-Verfahren).
Gefahren: Wahrnehmung ist Konstruktion
Die im Kapitel abgedruckten Texte handeln von der selektiven Wahrnehmung – «Glauben wir, was wir sehen, oder sehen wir, was wir glauben?»: Jeder Mensch konstruiert sich seine Realität durch Filter, die Bildteile ausblenden, erweitern oder verkleinern (Langmaack und Braune-Krickau, abgedruckt bei Berner 2018) – und von den sozialen Wahrnehmungsfehlern, die für Unterrichtsbeobachtungen und -besprechungen besondere Bedeutung haben: der erste Eindruck, der sich kaum korrigieren lässt; Stereotype («ein Lehrer!»); der Halo-Effekt (ebd.). Aus der Praxis kommen zwei weitere Fallen, die das Kapitel nicht benennt, die aber gegen seine Methodik verstossen: der Ratschlag-Reflex (statt zu analysieren, sofort Empfehlungen geben) und die Personalisierung (Probleme der Person statt der Situation zuschreiben). Eine gute Unterrichtsanalyse hält an der Methodik fest – auch wenn das Beobachtete zu schnellen Urteilen einlädt. Das ist die professionelle Disziplin, die Unterrichtsanalyse von Klatsch unterscheidet.
Verbindungen
- Arten von Unterrichtsbesuchen: Wer den Unterricht besucht, mit welcher Absicht und mit welchen Folgen – Unterrichtsanalyse passiert oft im Rahmen verschiedener Besuchsformate
- Beurteilung der Unterrichtsqualität beim Unterrichtsbesuch: Woran sich das Urteil bemisst und wie weit es trägt – Bewertung beim Besuch ist die formalisierte Form der Analyse
- Lehr-Lern-Prozesse – Grundbegriffe – die Analyse arbeitet mit den Lehr-Lern-Grundbegriffen
- Merkmale guten Unterrichts – die Qualitätsmerkmale liefern die Analyse-Kategorien
- Unterrichtsbeobachtungs-Instrumente – die Bögen und Rating-Verfahren zwischen freier Beobachtung und externer Evaluation
- Unterrichtsbesuche der Schulleitung – das formelle Setting des Unterrichtsbesuchs durch die Schulleitung: Beobachten ohne Interpretation, Beratungsgespräch nach Dubs’ Disposition
- Kommunikationsquadrat – der Empfangsvorgang am Lexikon von Schulz von Thun belegt; der dritte Schritt heisst dort innere Reaktion und ist weiter gefasst
Literatur
- Berner, H., Fraefel, U. & Zumsteg, B. (Hrsg.) (2018). Didaktisch handeln und denken. Mit Fokus auf angeleitetes und eigenständiges Lernen. Bern: Hep. – Hrsg. Berner, Fraefel und Zumsteg; Teil 1, Kap. 2 «Unterricht beobachten – Feedback geben – reflektieren», Basics von Hans Berner (Helmkes Königsweg, freie Beobachtung und Rating-Verfahren, auftragsbezogenes Beobachten nach von Felten, Werkzeuge des Sehens, Schulz von Thuns Empfangsvorgänge) sowie Text 1 (Langmaack und Braune-Krickau, selektive Wahrnehmung) und Text 2 (Wahrnehmungsfehler). Anlage ohne Druckpaginierung – nach Teil und Kapitel zitiert.
Verweise auf diese Seite
- Beurteilung der Unterrichtsqualität beim Unterrichtsbesuch: Woran sich das Urteil bemisst und wie weit es trägt Zettelkasten
- Didaktische Modelle – Überblick Zettelkasten
- Kommunikationsquadrat nach Schulz von Thun: Vier Seiten, vier Schnäbel, vier Ohren Zettelkasten
- Lehr-Lern-Prozesse – Grundbegriffe Zettelkasten
- Selbstevaluation und Fremdevaluation – die zwei Säulen Zettelkasten
- Unterrichtsentwicklung (UE) Zettelkasten
- Urteilskraft – reflektierend und bestimmend Zettelkasten