Schulleitung als Profession (professionssoziologischer Diskurs)
Anders als Capaul (der von einer professionalisierten Leitungsfunktion spricht) versteht ein Teil der Literatur – und das Berufsfeld selbst – Schulleitung als eigenständige, junge Profession: mit eigenem Selbstverständnis, eigener Ausbildung und in bewusster Abgrenzung zum Lehrberuf. Zwei Bezugspunkte tragen diesen Diskurs: die professionstheoretische Linse (Terhart) und das berufsständische Selbstverständnis (VSLCH-Berufsleitbild 2015).
Was eine «Profession» ausmacht (professionstheoretische Linse)
In der Professionstheorie (für den Lehrberuf entfaltet bei Terhart 1998) gilt ein Beruf als Profession, wenn er über bestimmte Merkmale verfügt: einen spezialisierten, wissenschaftlich fundierten Wissensbestand, eine lange, hochschulische Ausbildung mit Zugangsregelung, Autonomie in der Berufsausübung, ein geteiltes Berufsethos mit kollektiver Selbstkontrolle sowie eine Klienten- und Gemeinwohlorientierung. Der Kern des Diskurses ist die Frage, ob Schulleitung diese Kriterien erfüllt – oder ob sie ein «erweiterter Lehrberuf» bleibt.
Das Schweizer Selbstverständnis: VSLCH-Berufsleitbild 2015
Das Berufsleitbild des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz (VSLCH, 2015) formuliert dieses Selbstverständnis explizit. Ein Berufsleitbild «gibt das Selbstverständnis einer Profession wieder» (S. 3); Schulleitende der Volksschule «gehören einer jungen Profession an», die sich «in kluger Abgrenzung zu Berufsfeldern, mit denen sie eng kooperiert: zum Lehrberuf, aber auch zu Führungsaufgaben in Verwaltung und Privatwirtschaft» profiliert (S. 3). Schulleitende seien sich «ihrer eigenständigen Profession bewusst» (S. 9), und Schulen seien «professionelle Organisationen mit besonderen Eigenschaften» (S. 9).
Das Leitbild bündelt das Berufsbild in sechs Leitsätzen (S. 4): Schulleitende (1) sind für das Qualitätsmanagement der ganzen Schule zuständig, (2) sind Fachleute für das Führen, Gestalten und Weiterentwickeln ihrer Schule, (3) wissen mit vielfältigen Interessen und Ansprüchen umzugehen, (4) handeln im Rahmen eines geklärten Auftrags, (5) sind qualifiziert ausgebildet, vernetzen sich und bilden sich stetig weiter, und (6) haben eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Volksschule.
Professionsbildend sind dabei besonders Ausbildung und Vernetzung (S. 9): Führungskompetenz und Fachwissen werden «in einer anspruchsvollen Ausbildung auf Hochschulniveau» erworben, kontinuierliche Weiterbildung ist «zwingend», und Kooperationen (Intervision, Supervision, Verbandsforen) «stärken die Profession und die individuelle Praxis gleichermassen». Für Quereinsteigende hält das Leitbild fest: «nicht pädagogisch vorgebildete Schulleiterinnen und Schulleiter müssen ihre Eignung für die Führung einer Schule auf anderen Wegen nachweisen» (S. 9).
Abgrenzung zu Capaul
Capaul, Seitz und Keller führen diesen professionssoziologischen Rahmen nicht: Sie sprechen von Professionalität/Professionalisierung, gesichert über Kompetenzstandards (EDK-Profil, ISLLC, PSEL) und Berufsstandards (vgl. Schulleitung als professionalisierte Leitungsfunktion (Capaul)). Die beiden Sichten ergänzen sich: Das VSLCH-Leitbild liefert das berufsständische Selbstverständnis («eigenständige Profession»), Capaul die kompetenzbasierte Fundierung der Leitungsfunktion.
Verbindungen
- Schulleitung als professionalisierte Leitungsfunktion (Capaul) – Capauls Gegenposition (professionalisierte Leitungsfunktion statt eigenständige Profession); bewusste Gegenüberstellung
- nBA (neu definierter Berufsauftrag) für Lehrpersonen – der neu definierte Berufsauftrag macht die Profession rechtlich-strukturell sichtbar
- Leadership vs. Management – die Doppelrolle der Schulleitung – das Führungshandeln, das die Profession inhaltlich füllt
- Berufsleitbild in der Schulleitungspraxis – das LCH-Berufsleitbild der Lehrpersonen in der SL-Praxis (Schwesternotiz: Lehrpersonen-Ethik statt SL-Profession)
- LCH-Berufsleitbild – Grundgedanke – zur Unterscheidung: LCH = Berufsleitbild der Lehrpersonen, VSLCH = Berufsleitbild der Schulleitenden
Literatur
- Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz (VSLCH). (2015). Berufsleitbild Schulleitung. Fislisbach: VSLCH. – «junge»/«eigenständige Profession» S. 3, 9; sechs Leitsätze S. 4; Kompetenzen und Persönlichkeit S. 6; integrative Funktion S. 7; geklärter Auftrag und Gestaltungsfreiräume S. 8; Hochschulausbildung, Weiterbildung, Vernetzung und Quereinsteiger-Klausel S. 9; Systementwicklung S. 10; basiert auf dem VSLZH-Berufsleitbild, verbindlich seit 21. Januar 2015 (S. 2, 11).
- Terhart, E. (1998). Lehrerberuf: Arbeitsplatz, Biographie, Profession. In H. Altrichter, W. Schley & M. Schratz (Hrsg.), Handbuch zur Schulentwicklung (S. 560–585). Innsbruck/Wien: Studienverlag. – professionstheoretische Linse (Merkmale einer Profession; Lehrberuf zwischen Beruf und Profession). [Zitiert nach Capaul et al. 2020, Literaturverzeichnis; nicht im Volltext geprüft.]
- Berufsleitbild Schulleitung (2015). Fislisbach: Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz [VSLCH]. https://www.vslch.ch/schule-leiten/beruf.html