Zuwanderung und Lesen: höchstens ein Drittel
Beitrag #3 in der Reihe «Lesekompetenz»
Die erste Erklärung, die fällt, wenn die Schweizer Lesewerte sinken, ist die Zuwanderung. Nach unserer Regel wird sie nicht übergangen, sondern gerechnet. Ergebnis: Die veränderte Zusammensetzung der Fünfzehnjährigen erklärt zwischen 2009 und 2018 rund einen Drittel des Rückgangs, seit 2015 noch einen Sechstel, seit 2022 fast nichts. Der Verlust seit 2015 ist ein Verlust der einheimischen Jugendlichen. Die Frage, die bleibt, lautet nicht: «Was ist mit der Zuwanderung?» Sondern: «Warum lesen die einheimischen Jugendlichen schlechter als vor zehn Jahren?»
2009 bis 2018: ein Drittel
Zwischen 2009 und 2018 stieg der Anteil der Fünfzehnjährigen mit Migrationshintergrund in der Schweiz von 24 auf 34 Prozent. Da diese Gruppe in beiden Jahren rund 50 Punkte tiefer lag, erklärt die veränderte Zusammensetzung allein etwa 5 von 17 verlorenen Punkten – rund einen Drittel (OECD 2019b, S. 3 und 6). Der Abstand von 52 Punkten schrumpft nach Kontrolle der sozialen Herkunft auf 25 (OECD 2019c, Tabelle II.B1.9.3). Und unter Kontrolle von sozialer Herkunft, Geschlecht und Sprache daheim steht der Migrationsstatus in keinem signifikanten Zusammenhang mehr mit der Leseleistung. Was wirkt, ist die Sprache, mit einem Nettoeffekt von 38 Punkten (Konsortium PISA.ch 2019, S. 24–25). Hatties Bilanz über Tausende von Studien gibt dem Merkmal «Zuwanderung» einen Einfluss nahe null (d = 0,05) und warnt vor Gruppenzuschreibungen (Hattie 2023, S. 131).
Der Rückenwind 2000 bis 2012
Die Zuwanderung hat die Schweizer Reihe schon einmal bewegt – nach oben. Der Abstand zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund fiel 2000 bis 2009 von 86 auf 48 Punkte (Konsortium PISA.ch 2010, S. 32–33). 2012 schrieb das Konsortium den Trend «vorwiegend» der ersten Einwanderergeneration zu, erklärt durch deren veränderte sozioökonomische und sprachliche Zusammensetzung. Derweil hätten sich Leseleistungen der Einheimischen seit PISA 2000 kaum verändert (Konsortium PISA.ch 2013, S. 21). Den Mechanismus zeigt die Vertiefungsanalyse: Mit der Personenfreizügigkeit wanderten besser qualifizierte Arbeitskräfte ein, der Anteil der Eltern mit Tertiärabschluss stieg 2000 bis 2012 von 37 auf 56 Prozent. Bereinigt um die Zusammensetzung hat sich die Leseleistung «insgesamt nicht statistisch signifikant verändert.» Bei den Einheimischen zeigt der bereinigte Trend mit −0,5 Punkten pro Jahr leicht nach unten (Angelone und Keller 2014, S. 9–18). Cattaneo und Wolter beziffern den Rückenwind: Die erste Generation stieg 2000 bis 2009 um 40 Punkte, die Einheimischen bewegten sich kaum (517 auf 520). 55 Prozent des Anstiegs erklären sich aus den Merkmalen der neuen Zuwandererfamilien, mit der dadurch entspannten Schulzusammensetzung 75 Prozent: «at least three quarters of the increase in performance cannot be attributed to an overall improvement in schooling in Switzerland» (Cattaneo und Wolter 2015, S. 8–14). Grafik 84 des Bildungsberichts 2018 zeigt, dass der Anteil schwacher Leser auch bei den Einheimischen 2015 stieg, etwa von 8 auf 12 Prozent (Wolter et al. 2018, S. 90). Der Bruch von 2015 ist also auch ein Bruch bei den Einheimischen.
2015 bis 2025: Einheimische verlieren, Zugewanderte halten
Die Tabellen zum PISA-Band 2025 erlauben die genauere Rechnung (OECD 2026a, Tabellen I.B1.2d.1, 2d.8, 2d.11 und 2d.14, Zeile Schweiz). Der Anteil mit Migrationshintergrund stieg von 31,1 (2015) auf 37,8 Prozent (2025). Einheimische lasen 509,7 – 503,4 – 504,5 – 491,4 Punkte, Zugewanderte 458,2 – 451,3 – 449,1 – 449,2. Über zehn Jahre verloren die Einheimischen also 18,3 Punkte (statistisch gesichert), die Zugewanderten indes 9,0 (nicht gesichert). Zwischen 2022 und 2025 fielen allein die Einheimischen (−13,1), die Zugewanderten blieben (+0,1). Zerlegt man den Rückgang beider Gruppen (18,2 Punkte; eigene Rechnung), gehen 12 Punkte auf den Rückgang der Einheimischen selbst, 3,1 auf den Rückgang der Zugewanderten und 3,1 auf die Verschiebung der Anteile. Die Zusammensetzung ist seit 2015 ein Sechstel des Verlusts, nicht ein Drittel wie 2009 bis 2018, und seit 2022 fast nichts.
Bereinigt um sozialen Status und Sprache zu Hause liest die Gruppe mit Migrationshintergrund 2025 gleich gut wie die Einheimischen (−2,3 Punkte, Standardfehler 4,1). 2015 betrug der bereinigte Abstand noch 11 Punkte. Der Anteil schwacher Leserinnen und Leser stieg in beiden Gruppen um sechs Prozentpunkte: Einheimische von 14,4 auf 20,5 Prozent, Zugewanderte von 30,6 auf 36,7. Die OECD selbst zählt die Schweiz zu den Ländern, in denen der wachsende Anteil Zugewanderter «a small portion of the negative trend in reading performance» erklärt (OECD 2026a, S. 310).
Mehr und zweigeteilt, nicht bildungsferner
Die Gründe der ständigen Einwanderung haben sich nach 2015 kaum verschoben. Asylbedingte Zugänge stiegen von etwa 2 Prozent (2008 bis 2013) auf etwa 5 Prozent (2014 bis 2025). Der Asylbereich zählte Ende 2025 235’641 Personen, davon 71’762 mit Schutzstatus S (SEM 2026a, Tabellen 3-30-R, 6-00-R und 6-10-G, S. 39, 75 und 79; eigene Rechnung). Der Migrationsbericht 2025 beschreibt dieselbe Zweiteilung im Jahr 2025: 165’386 Zuzüge in die ständige ausländische Wohnbevölkerung, Nettozuwanderung 74’675. «Der wichtigste Grund für die Einwanderung war die Erwerbstätigkeit» – 95 Prozent der eingewanderten Arbeitskräfte stammten aus dem EU/EFTA-Raum. Daneben 25’781 Asylgesuche, 15 Prozent weniger als 2023 und deutlich weniger als in der Flüchtlingskrise 2015/16 (SEM 2026b, Kapitel «Zuwanderung», «Asylgesuche» und «Ukraine»). Die erste Generation der Zugewanderten ist heute höher gebildet als 2012, nicht tiefer: Der Tertiäranteil stieg von 30,3 auf 41,6 Prozent, bei den Eltern der Primarschulkinder (35- bis 44-Jährige) von 38,2 auf 51,1 (BFS 2025b, Blätter 2012 und 2024). Zugleich haben 29,7 Prozent der ersten Generation nur die obligatorische Schule besucht, bei Zugewanderten aus europäischen Staaten ausserhalb von EU und EFTA 51,4 Prozent (ebd.). Der Durchschnitt verdeckt also zwei Zuwanderungen (Migration und Bildungserfolg): die qualifizierte aus der EU und eine kleinere, seit 2014 gewachsene aus Asyl und Familiennachzug mit tiefer Schulbildung und grosser Sprachdistanz. In der Schule treffen beide aufeinander.
Dass die zweite Generation 2025 fast so schwach liest wie die erste – 35,7 gegen 38,7 Prozent unter Niveau 2 (Erzinger et al. 2026, Abbildung 8.2.11, S. 112) –, spricht gegen die Lesart «neue Zuwanderung gleich schwächere Leser» und für soziale Herkunft, Familiensprache und Schulzusammensetzung als Träger des Abstands. (→ Migration und Mehrsprachigkeit)
Die Schwelle von 20 Prozent
Zusammensetzung wirkt nicht linear. Nach Coradi Vellacott et al. (2003) wird der negative Effekt «almost exponential once a threshold of 20% of these students is crossed» (zitiert nach Cattaneo und Wolter 2015, S. 11). Der Bildungsbericht 2023 beschreibt Kippeffekte oft ab etwa 20 Prozent Risikoschülerinnen und Risikoschülern je Schule, ab 40 bis 50 Prozent auch für die übrigen (Wolter et al. 2023, S. 86–87). Im Kanton Zürich steigt die Wahrscheinlichkeit, die Grundkompetenzen zu erreichen, pro Einheit sozialer Herkunft um 16 Prozentpunkte, auch unter Berücksichtigung von Migrationshintergrund und Familiensprache – signifikant mehr als etwa in Glarus mit 10,4 (Herzing et al. 2022, S. 19). Ob die Zuwanderung seit 2015 die Konzentration je Schule wieder erhöht hat, lässt sich aus den Daten nicht ableiten. Die Schwelle sagt aber, ab wann Deutsch als Zweitsprache, Sprachförderung und Klassenbildung nicht mehr Zusatz, sondern Bedingung sind. (→ QUIMS)
Die Frage, die bleibt
Die Zuwanderung erklärt einen Teil des Rückgangs, und sie erklärt ihn ehrlich gerechnet: ein Drittel bis 2018, seitdem noch ein Sechstel. Den Rest tragen die einheimischen Jugendlichen – nämlich die schwachen unter ihnen, deren Anteil in zehn Jahren von 14 auf 21 Prozent gestiegen ist. Als Erklärungsversuch verfehlt die Zuwanderung darum zwei Drittel des Problems. Die folgenden Beiträge suchen dort, wo der Verlust eigentlich sitzt: in Elternhäusern, in Bücherregalen und in der Schule, die ihre Hebel hat.
Verbindungen
- Lesekompetenz seit PISA 2000: die Schweizer Zeitreihe – die Reihe, deren Verlust hier in Zusammensetzung und Rest zerlegt wird
- Migration und Bildungserfolg – die zwei Zuwanderungen und ihre Bildungswege
- Migration und Mehrsprachigkeit – warum die Sprache zählt und nicht der Pass
- QUIMS und Sprachförderung in urbanen Schulen – die Antwort des Kantons Zürich auf Schulen über der Schwelle
- Chancengerechtigkeit im Schweizer Bildungssystem – die Herkunft, die den Abstand trägt
- Eltern als Lesemodell – wo die Suche weitergeht, wenn die Zuwanderung nicht reicht
Literatur
Im Korpus:
- Wolter, S. C., Cattaneo, M. A., Denzler, S., Diem, A., Hof, S., Meier, R. & Oggenfuss, C. (2018). Bildungsbericht Schweiz 2018. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung [SKBF].
- Konsortium PISA.ch (2013). Erste Ergebnisse zu PISA 2012. SBFI/EDK und Konsortium PISA.ch. https://www.pisa-schweiz.ch/publikationen/erste-ergebnisse-zu-pisa-2012/
- Konsortium PISA.ch (2010). PISA 2009: Schülerinnen und Schüler der Schweiz im internationalen Vergleich. Erste Ergebnisse. Neuchâtel: BBT/EDK und Konsortium PISA.ch. https://ibe.uzh.ch/dam/jcr:ffffffff-cb01-00e7-ffff-fffffba033ae/PISA_2009_ErsteErgebnisse.pdf
- Konsortium PISA.ch (2014). PISA 2012: Vertiefende Analysen. Neuchâtel: SBFI/EDK und Konsortium PISA.ch. https://edudoc.ch/record/114463/files/pisa2012_vertiefende_analysen_0.pdf
- Bundesamt für Statistik [BFS] (2025). Bildungsniveau, nach Migrationsstatus, verschiedenen soziodemografischen Merkmalen und Grossregionen.
- Cattaneo, M. A. & Wolter, S. C. (2015). Better migrants, better PISA results: Findings from a natural experiment. IZA Journal of Migration, 4(1), 18. https://doi.org/10.1186/s40176-015-0042-y
- Erzinger, A. B., Pham, G., Denecker, C. & Salvisberg, M. (Hrsg.) (2026). PISA 2025. Die Schweiz im Fokus. Bern: Interfaculty Centre for Educational Research (ICER), Universität Bern. https://doi.org/10.48620/99606
- Hattie, J. (2023). Visible Learning: The Sequel. A Synthesis of Over 2,100 Meta-Analyses Relating to Achievement. London: Routledge. https://doi.org/10.4324/9781003380542
- Herzing, J., Seiler, S., Benz, R. & Erzinger, A. B. (2022). Die Überprüfung des Erreichens der Grundkompetenzen in der Schweiz. Porträt Kanton Zürich. Bern: Interfaculty Centre for Educational Research (ICER), Universität Bern. https://doi.org/10.48350/170352
- Konsortium PISA.ch (2019). PISA 2018: Schülerinnen und Schüler der Schweiz im internationalen Vergleich. Bern und Genf: SBFI/EDK und Konsortium PISA.ch. https://www.pisa-schweiz.ch/wp-content/uploads/2021/09/PISA2018_SuSinCHimInternationalVergleich_deu.pdf
- OECD (2019b). PISA 2018 Results. Country Note: Switzerland. https://www.oecd.org/pisa/publications/PISA2018_CN_CHE.pdf
- OECD (2019a). PISA 2018 Results (Volume II). Where All Students Can Succeed. https://doi.org/10.1787/b5fd1b8f-en
- OECD (2026). PISA 2025 Results (Volume I). Future-Ready Students. https://doi.org/10.1787/73451bc5-en
- Staatssekretariat für Migration [SEM] (2026a). Ausländer- und Asylstatistik 2025. https://www.sem.admin.ch/dam/sem/de/data/publiservice/statistik/bestellung/auslaender-asylstatistik-2025.pdf.download.pdf/auslaender-asylstatistik-2025-d.pdf
- Staatssekretariat für Migration [SEM] (2026b). Migrationsbericht 2025. https://migration.swiss/de-CH
- Wolter, S. C., Albiez, J., Cattaneo, M. A., Denzler, S., Diem, A., Lüthi, S., Oggenfuss, C. & Schnorf, R. (2023). Bildungsbericht Schweiz 2023. Aarau: Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung [SKBF].