Die Bücher verschwinden «unten»
Beitrag #7 in der Reihe «Lesekompetenz»
Die OECD fragt seit der ersten PISA-Erhebung, wie viele Bücher es bei den Fünfzehnjährigen zu Hause gibt – nicht, weil Bücher an sich klug machen, sondern weil kaum ein Merkmal des Elternhauses so verlässlich mit der Lesekompetenz zusammenhängt. Zwanzig Jahre dieser Frage ergeben für die Schweiz einen Befund, der zur Zeitreihe des Lesens passt wie ein Schlüssel ins Schloss: Die Bücher verschwinden aus den Haushalten, und sie verschwinden dort, wo der Leseverlust sitzt.
Unten halbiert, oben gleich
Schweizer Fünfzehnjährige aus sozioökonomisch benachteiligten Familien – dem untersten Viertel nach Status – hatten im Jahr 2000 im Schnitt 131 Bücher zu Hause, 2009 noch 74, 2018 noch 67. Das oberste Viertel blieb bei 287, 280 und 284 Büchern. Der Abstand zwischen «oben» und «unten» wuchs von 157 auf 217 Bücher. Der Einbruch liegt zwischen 2000 und 2009 – unten 57 Bücher weniger, statistisch gesichert; oben eine Veränderung, die innerhalb des Zufalls liegt –, seither ist der Stand unten tief, aber stabil (OECD 2021, Tabellen B.4.14a und b). Die Zahl ist ein Index aus den Antwortkategorien, kein gezählter Bestand; die OECD hat die Kategorien der Fragebögen über die Zyklen harmonisiert, damit die Reihe trägt.
Im OECD-Durchschnitt sieht es genau gleich aus: unten 148, 88, 81 Bücher, oben 266, 271, 268. Die OECD selbst schreibt, dass «socio-economically disadvantaged students in 2018 had approximately half the number of books at home they used to have in 2000 while advantaged students had essentially the same number» (S. 83), und im Vorwort des Berichts: Benachteiligte Jugendliche in den OECD-Ländern verlieren zunehmend «the cultural capital of having books in their home-learning environments» (S. 4). Die Schweiz ist darin der Normalfall. Mit einer Besonderheit: Bei den Nachbarn wächst der Bestand oben noch – Österreich von 254 auf 298, Deutschland von 287 auf 312 –, in der Schweiz bleibt er, wo er war.
Nach 2018 geht die Reihe für die Schweiz anders weiter als für den Rest. Im Durchschnitt von 59 Ländern stieg der Anteil der Fünfzehnjährigen mit höchstens zehn Büchern zu Hause von 19 Prozent (2015) auf 26 Prozent (2022); nur vier Länder blieben stabil – Frankreich, Irland, Kosovo und die Schweiz (OECD 2024b, S. 2–3). Der Schweizer Einbruch ist also älter als die Pandemie und älter als das Smartphone: Er fällt in die Jahre 2000 bis 2009, als das Internet die Nachschlagewerke ersetzte, die Buchpreisbindung fiel und die Zuwanderung den Zuschnitt der Familien veränderte.
Deutschland misst es bei den Viertklässlern
Was PISA bei den Fünfzehnjährigen sieht, zeigt der IQB-Bildungstrend bei den Viertklässlerinnen und Viertklässlern: Der Anteil der Haushalte mit höchstens 100 Büchern stieg von 61 Prozent (2011) über 66 (2016) auf 69 Prozent (2021), und der Anteil der Kinder mit höchstens zehn Büchern zu Hause hat sich im selben Jahrzehnt etwa verdoppelt. Entscheidend ist der Satz, der daneben steht: Der mittlere sozioökonomische Status der Familien blieb in dieser Zeit gleich, nur der Bücherbesitz, «als Indikator für kulturelles Kapital», hat sich signifikant verringert (Stanat et al. 2022, S. 155 und 177). Die Bücher gehen, ohne dass die Familien ärmer würden. Und sie fehlen dort, wo sie am meisten bewirken: Nach Kontrolle aller Lernbedingungen lesen Kinder aus Haushalten mit mehr als 100 Büchern noch elf Punkte besser als die anderen (S. 177).
Ein steiler und ein flacher Statusindikator
Warum ausgerechnet Bücher? Weil sie das sichtbarste Zeichen dessen sind, was Bourdieu kulturelles Kapital nannte – und weil sie, anders als Geräte, nach Status sortieren. In einer Grazer Studie mit 425 Jugendlichen standen bei 60 Prozent der Familien mit niedrigem Status weniger als ein Meter Bücher, bei 9 Prozent der Familien mit hohem; Computer und Internet besassen dagegen 85,7 gegen 98,7 Prozent – ein steiler Indikator und ein flacher (Kaufmann 2013, S. 123–125). Derselbe Datensatz zeigt, was die Bücher mit dem Lesen verbindet: «Bei uns liest die ganze Familie gern» sagen 16,7 Prozent der Jugendlichen aus Haushalten ohne Bücher und 76,7 Prozent aus Haushalten mit mehr als vier Metern Büchern, und Ermahnungen zum Lesen, die dem eigenen Verhalten der Eltern widersprechen, bleiben wirkungslos (S. 63–64 und 219–223). Das Regal ist nicht die Ursache des Lesens; es ist der Ort, an dem das Vorbild sichtbar wird.
Das Smartphone hat diese Schere beim Medium geschlossen, nicht beim Lesen: Geräte haben heute fast alle, Bücher immer weniger. Dass gleichzeitig die klassische Literatur zu Hause zunimmt – zwischen 2015 und 2022 im Durchschnitt von 52 auf 63 Prozent, in der Schweiz mit einem der grössten Zuwächse überhaupt –, während das Wörterbuch von 92 auf 80 Prozent fällt (OECD 2024b, S. 2–3), passt ins Bild: Das Nachschlagewerk ist ins Internet gewandert, die Klassikerausgabe wird zum Distinktionsgut. Das Buch bleibt, wo es zur Identität gehört. Wo es das nicht tut, geht es.
Gekauft und gelesen
Gekauft und gelesen sind zwei verschiedene Dinge, und die Zahlen dazu drehen eine naheliegende Vermutung um. Der Deutschschweizer Buchhandel verkaufte 2012 knapp 20 Millionen Bücher, 2019 noch gut 14 Millionen; seit 2021 zählt der Verband auch die Lieferungen an Schulen und Bibliotheken, seit 2024 die E-Books, und kommt so auf 18,5 Millionen (SBVV 2026, Marktreporte 2012, 2019, 2021 und 2024, S. 2–3). Gelesen wird mehr: Aus den Antwortkategorien der Kulturverhaltenserhebung ergeben sich rund sieben gelesene Bücher pro Person ab 15 Jahren im Jahr 2019 und 5,8 im Jahr 2024 (BFS 2025c, Tabelle T 16.02.04.17; eigene Schätzung mit den Kategorienmitten 2, 8 und 20). Bei rund 4,6 Millionen Menschen ab 15 Jahren in der Deutschschweiz (eigene Schätzung) sind das 2019 rund 33 Millionen gelesene gegen gut 14 Millionen gekaufte Bücher. Bibliothek, Leihe, Geschenk, Wiederlesen und Antiquariat liefern also mehr Lektüre, als der Handel verkauft – in Deutschland dasselbe Bild, 83 Prozent Buchleser gegen 59 Prozent Buchkäufer (Börsenverein 2015, S. 9), bei sinkender Käuferzahl, 36,0 Millionen 2013 und 29,6 Millionen 2017 (Börsenverein 2018, S. 3). Ein Delta «gekauft, aber ungelesen» lässt sich auf Bevölkerungsebene nicht ableiten; es gibt es beim einzelnen Buch: Von den angefangenen E-Books beenden die Leser je nach Genre 60 bis 62 Prozent, Donna Tartts «Distelfink» brachten 44,4 Prozent der britischen Leser zu Ende (Flood 2014, S. 1–2), und der «Hawking Index», der misst, wo in einem Buch die meistmarkierten Stellen liegen, kommt bei Pikettys «Kapital» auf 2,4 Prozent, bei Hawkings «Kurzer Geschichte der Zeit» auf 6,6 (Ellenberg 2014, zit. nach Haq 2014, S. 1–2). Das Ungelesene hat eine freundliche Lesart – Taleb nennt Umberto Ecos Bibliothek ungelesener Bücher eine Antibibliothek, den Vorrat dessen, was man noch nicht weiss (Taleb 2010, Einleitung zu Teil eins), Eco selbst hat die Rechtfertigung einer privaten Bibliothek zum Essay gemacht (Eco 1992/1994), und die Japaner haben seit dem 19. Jahrhundert ein Wort für den Stapel, den man kauft und nicht liest, tsundoku (Gerken 2018, S. 1–2). Die bessere Nachricht steckt aber in der Rechnung: Die Leserinnen und Leser lesen mehr, als der Markt verkauft. Das Bedürfnis ist grösser als der Kauf – und wo es fehlt, fehlt nicht das Buch, sondern die Flüssigkeit, es zu lesen.
Was ist mit Amazon?
Der Verdacht liegt nahe: Wo der Buchladen verschwindet, verschwinden die Bücher. Die Daten tragen ihn nur halb. Der Onlinehandel hat den Zugang zu Büchern verbilligt und verbreitert, nicht verengt – und zwischen 2000 und 2009, als der Schweizer Bestand unten einbrach, war Amazon noch ein Buchhändler und kein Warenhaus. Was mit dem Buchladen verschwand, ist nicht der Zugang, sondern der Anlass: das Geschenk vom Bahnhof, das Stöbern, das Regal, vor dem man steht, ohne ein Buch gesucht zu haben. Der Buchladen war eine Gelegenheitsstruktur, die auch Familien zum Buch brachte, in denen Bücher nicht zur Identität gehören. Amazon ist Zugang ohne Anlass. Diesen Anlass kann der Onlinehandel nicht ersetzen – die Schule kann es.
Zwei andere Erklärungen bleiben offen und sind ehrlich zu nennen: die Zusammensetzung des untersten Viertels, in dem seit 2000 mehr Familien leben, die ihre Bücher in einer anderen Sprache besitzen oder zurückgelassen haben, und der Formwechsel, den das Wörterbuch vorführt – ein Haushalt, der das Lexikon durch das Internet ersetzt hat, hat weniger Bücher und liest deshalb nicht weniger. Beide Erklärungen verkleinern den Befund, keine hebt ihn auf: Auch im IQB-Trend, der nicht nach Vierteln sortiert, nehmen die bücherarmen Haushalte zu, bei gleichem Status.
Wo die Bücher herkommen, wenn sie nicht gekauft werden
Der Vorlesemonitor der Stiftung Lesen misst keine Verkaufskanäle, aber er misst die Gelegenheiten. 62 Prozent aller Eltern betreten keine Bibliothek; von den Eltern, denen selbst nie vorgelesen wurde, sind es 82 Prozent (Stiftung Lesen 2023, S. 18). Eltern mit formal niedriger Bildung lesen zu 31 Prozent nie vor. Erinnern sie sich an Buchgeschenke in der Familie, sind es 18 Prozent; an Buchgeschenke durch Dritte – Kinderarztpraxis, Bibliothek, Drogerie –, sind es 16 (S. 27). Wo Kita oder Schule Bücher ausleihen, nutzen 86 Prozent der Familien das Angebot, aber nur ein Viertel der Eltern weiss von einem (S. 28). Das Fazit der Stiftung: «Da viele Familien zu Hause nur wenige Bücher haben, ist dies ein zentraler Weg, um Bücher und Geschichten in die Familien zu bringen» (S. 32). Wo das Buch ins Haus kommt, wird gelesen – und für die Schweiz heisst das Programm, das genau dies versucht, Buchstart, mit dem bekannten Zielgruppenproblem: Es erreicht «in einem erhöhten Mass die nicht benachteiligten Familien» (Vogt et al. 2024, S. 73).
Die Lesesozialisationsforschung erklärt, warum der Weg über die Kinder trotzdem offen ist. Ein Kind aus einer schriftfernen Familie, das durch andere Instanzen zum Leser wird, kann «das familiale Leseklima insgesamt verändern» (Garbe, Holle und Jesch 2009, S. 174) – die Bücher, die die Schule ins Haus bringt, wirken in beide Richtungen.
Was daraus folgt
Der Verlust an Lesekompetenz sitzt bei den Jugendlichen, deren Familien in zwanzig Jahren die Hälfte ihrer Bücher verloren haben. Keine Schule kann das Regal zu Hause füllen. Aber sie ist für viele Kinder die letzte Gelegenheitsstruktur, in der sie überhaupt vor einem Regal stehen: Schulbibliothek, Klassenbibliothek, Leseausleihe, das Buch als Geschenk. Wo es sie gibt, nutzen 86 Prozent der Familien die Ausleihe. Dass drei Viertel der Eltern nichts von einer wissen, ist die Lücke, die eine Schule selbst schliessen kann – und die billiger ist als jede andere Massnahme in dieser Reihe.
Verbindungen
- Lesekompetenz seit PISA 2000: die Schweizer Zeitreihe – der Leseverlust sitzt unten; dieser Beitrag zeigt, dass die Bücher dort verschwunden sind
- Was eine Primarschule tun kann: Leseflüssigkeit zuerst – die Hebel der Schule, zu denen das Regal im Schulhaus gehört
- Chancengerechtigkeit im Schweizer Bildungssystem – die Vererbung von Bildung, deren sichtbarstes Zeichen das Bücherregal ist
- Internationale Vergleichsstudien (PISA, TIMSS) – die Erhebung, aus der die Frage nach den Büchern stammt
- Sprachförderung vor Schuleintritt – der andere Hebel vor dem Kindergarten, der dieselben Familien erreichen müsste
Literatur
Im Korpus:
- Bundesamt für Statistik [BFS] (2025). Lesen von Büchern, E-Books und Comics, nach soziodemografischen Merkmalen.
- Börsenverein des Deutschen Buchhandels (2015). Buchkäufer und -leser 2015. Profile, Motive, Einstellungen. https://www.boersenverein.de/markt-daten/marktforschung/studien-umfragen/buchkaeufer-und-buchleser-studie-2015/
- Börsenverein des Deutschen Buchhandels (2018). Buchkäufer – quo vadis? Kernergebnisse. https://www.boersenverein.de/markt-daten/marktforschung/studien-umfragen/studie-buchkaeufer-quo-vadis/
- Eco, U. (1994). How to Travel with a Salmon and Other Essays. New York, NY: Harcourt Brace.
- Haq, H. (2014, 8. Juli). Which Are the Most Unread Books of 2014? The Christian Science Monitor. https://www.csmonitor.com/Books/chapter-and-verse/2014/0708/Which-are-the-most-unread-books-of-2014
- Flood, A. (2014, 10. Dezember). Ebooks Can Tell Which Novels You Didn't Finish. The Guardian. https://www.theguardian.com/books/2014/dec/10/kobo-survey-books-readers-finish-donna-tartt
- Garbe, C., Holle, K. & Jesch, T. (2009). Texte lesen. Lesekompetenz – Textverstehen – Lesedidaktik – Lesesozialisation. Paderborn: Schöningh.
- Gerken, T. (2018, 29. Juli). Tsundoku: The Art of Buying Books and Never Reading Them. BBC News. https://www.bbc.com/news/world-44981013
- Kaufmann, E. A. (2013). Die Lesekrise zu Beginn der Pubertät. Ursachen der Lesekrise und ihre Manifestationen bei Jugendlichen mit Deutsch als Zweitsprache [Dissertation]. Karl-Franzens-Universität Graz.
- OECD (2021). 21st-Century Readers. Developing Literacy Skills in a Digital World. https://doi.org/10.1787/a83d84cb-en
- OECD (2024). Fewer Books and More Educational Software. How Have Home Learning Environments Changed Since 2015? https://doi.org/10.1787/0e179a87-en
- Schweizer Buchhandels- und Verlags-Verband [SBVV] (2026). Marktreport Deutschschweizer Buchhandel, Berichtsjahre 2012–2025.
- Stanat, P., Schipolowski, S., Schneider, R., Sachse, K. A., Weirich, S. & Henschel, S. (Hrsg.) (2022). IQB-Bildungstrend 2021. Kompetenzen in den Fächern Deutsch und Mathematik am Ende der 4. Jahrgangsstufe im dritten Ländervergleich. Münster: Waxmann. https://doi.org/10.31244/9783830996064
- Stiftung Lesen (2023). Vorlesemonitor 2023. Vorlesen gestaltet Welten – heute und morgen. Repräsentative Befragung von Eltern mit Kindern zwischen einem und acht Jahren. https://www.stiftunglesen.de/fileadmin/PDFs/PM/2023/Vorlesemonitor2023_final.pdf
- Taleb, N. N. (2010). The Black Swan. The Impact of the Highly Improbable (2. Aufl.). New York, NY: Random House Trade Paperbacks.
- Vogt, F., Cordeiro, G. S., Glauser, V., Kappeler Suter, S., Veraguth, T. & Vogt, M. (2024). Evaluation Buchstart. St. Gallen: Pädagogische Hochschule St.Gallen [PHSG]. https://doi.org/10.18747/phsg-coll3/id/2070
Verweise auf diese Seite
- Eltern als Lesemodell Zettelkasten
- Lesekompetenz 📖 Themen
- Vorstellung vom Verlust des Lesens Zettelkasten
- Warum Schülerinnen und Schüler immer schlechter lesen und was die Schule dagegen tun kann Zettelkasten
- Was die Oberstufe nachholen kann Zettelkasten
- Was eine Primarschule tun kann: Leseflüssigkeit zuerst Zettelkasten
- Zuwanderung und Lesen: höchstens ein Drittel Zettelkasten