Vorstellung vom Verlust des Lesens
Bonus: Essay von Daniel Hofmann zur Reihe «Lesekompetenz»
Stell dir mal einen Zettel vor, auf dem steht: «Kannst du das lesen?» Ob du es kannst oder nicht, entscheidet über dein Leben.
Dieser Text gehört zur Beitragsreihe über Lesekompetenz auf «Einmaleins.Schule». Er steht aber auch etwas daneben. Alles andere in der Reihe sind Befunde – dieser Text nicht. Er ist ein Essay und ein Gedankenspiel, das fragt: Was, wenn man die Linie der PISA-Zeitreihe schnurgerade weiterzieht?
Eine simple Rechnung
Der Anteil der Schweizer Fünfzehnjährigen «unter Niveau 2» stieg von 2012 bis 2025 um etwa einen Prozentpunkt pro Jahr. Niveau 2 ist die Schwelle, unter der die OECD von leseschwachen Jugendlichen spricht. Was darüber liegt, definiert sie so: «Readers at Level 2 can identify the main idea in a piece of text of moderate length» (OECD 2019a, S. 88). Es geht also darum, den Hauptgedanken eines mittellangen Texts zu finden. Mehr nicht.
Läuft die PISA-Linie weiter, fällt zwischen 2044 und 2049 die Hälfte der Schweizer Fünfzehnjährigen unter Niveau 2. Der Mittelwert, der pro Jahr um zwei bis drei Punkte fällt, läge 2044 dann dort, wo heute die schwächsten OECD-Länder stehen. Um 2049 fiele er unter die Niveau-2-Schwelle. Die Fünfzehnjährigen des Jahres 2045 sind Jahrgang 2030. Das sind Kinder von Eltern, die heute als Jugendliche bereits Lesekompetenz einbüssen.
Das holt unser Gedankenspiel aus der Spekulation. Es ist nichts anderes als Fund 8 aus dem Leitbeitrag, weitergezählt: Die Schweiz vererbt Lesekompetenz stärker als jedes Vergleichsland. Die Elterngeneration liest heute schlechter und weniger als vor zwanzig Jahren. Bücher verschwinden aus den Haushalten, die sie am nötigsten hätten. Bei den Erwachsenen ist das Gedankenspiel zum Teil schon Gegenwart: 22 Prozent lesen ungenügend, von denen ohne nachobligatorische Bildung 44 Prozent. Ein Viertel liest im Jahr kein einziges Buch, von den Eltern ohne nachobligatorische Bildung fast die Hälfte (PIAAC 2023). In Deutschland zählt die LEO-Studie 12,1 Prozent «gering literalisierte Erwachsene». Das sind mehr als sechs Millionen Menschen (Grotlüschen und Buddeberg 2020, S. 18).
Im Westen nichts Neues?
Mit welcher historischen Epoche kann man das vergleichen? Erster Impuls: mit dem 19. Jahrhundert. Das ist aber falsch, und der Irrtum ist lehrreich. Ausgehend vom 19. Jahrhundert hat die Schweiz das Lesen in nur achtzig Jahren «erobert».
Um 1830 waren etwa 30 Prozent der Bevölkerung alphabetisiert. «Gemäss den eidgenössischen Rekrutenprüfungen galten 1879 noch 1,6% der geprüften Schweizer Stellungspflichtigen als Illiteraten. Bis 1913 war die entsprechende Quote in einem kontinuierlichen Prozess auf 0,04% gesunken.» (Grunder 2015). Die pädagogische Rekrutenprüfung von 1878 ist die einzige Schweizer Lesereihe des 19. Jahrhunderts mit Werten nach Kanton. Die kantonalen Unterschiede zeichnen wirklich das Bild einer anderen Zeit: im Thurgau etwa vier Prozent schwache Leser, in Zürich knapp fünf, in Uri über 33 Prozent. Und schweizweit: Von 23’492 geprüften Rekruten erhielten im Lesen 12,2 Prozent die schlechtesten Noten (HSSO 2012, Tabelle Z.43; eigene Rechnung). Faszinierend, aber Zufall: Das ist fast exakt dieselbe Grössenordnung wie 140 Jahre später bei der deutschen LEO-Studie. Nur die Trendlinien beider Reihen zeigen in entgegengesetzte Richtungen.
Das Problem des 19. Jahrhunderts war Analphabetismus, nicht Leseschwäche. Eine Gesellschaft, in der die Hälfte der Fünfzehnjährigen den Hauptgedanken eines mittellangen Texts nicht fassen kann, ist darum kein Rückfall ins 19. Jahrhundert, sondern etwas Neues: lesen können und es nicht tun. Ist das Einknicken unter dem Gewicht einer grossen Errungenschaft? Für den Aufstieg von dreissig auf hundert Prozent brauchten die Schweizer:innen des 19. Jahrhunderts immerhin achtzig Jahre Willenskraft. Den Abstieg von 14 auf 29 Prozent unter Niveau 2 haben wir im 21. Jahrhundert in dreizehn Jahren geschafft. Man ahnt das Poltern der Hantel, die am Boden aufschlägt.
Wer hätte das gedacht?
Wenn wer behaupten darf, sie habe es gewusst, dann nicht die Wissenschaft (die sich eine Welt ohne Lesen gar nicht vorstellen kann). Nein, es ist die Literatur. Neil Postman stellte 1985 Orwell gegen Huxley: «What Orwell feared were those who would ban books. What Huxley feared was that there would be no reason to ban a book, for there would be no one who wanted to read one.» (Postman 1985/2006, S. xix). Ray Bradbury, dessen «Fahrenheit 451» meist als Roman über Zensur gelesen wird, sagte 1993 in einem Interview: «You don’t have to burn books to destroy a culture. Just get people to stop reading them.» (Bradbury, zit. nach Berson 1993, S. 2). Walter Ong hat 1982 den Begriff für eine Kultur geprägt, die nach der Schrift wieder zum Hören zurückkehrt: die sekundäre Oralität (Ong 1982). Maryanne Wolf beschreibt, was dabei verloren geht: «When the reading brain skims texts, we don’t have time to grasp complexity, to understand another’s feelings or to perceive beauty» (Wolf 2018, S. 1). Und dass unser Gedankenspiel an der Spitze konkret wird, meldet «The Atlantic» aus den Elite-Universitäten: «To read a book in college, it helps to have read a book in high school.» (Horowitch 2024, S. 1).
Ein achtzigjähriger Goethe scherzte am 25. Januar 1830 über Leute, die wissenschaftliche Werke lesen wollen wie einen Roman: «Die guten Leutchen, fuhr er fort, wissen nicht, was es Einem für Zeit und Mühe gekostet, um lesen zu lernen. Ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht, und kann noch jetzt nicht sagen, daß ich am Ziele wäre.» (Eckermann 1848, S. 281). Er meinte das verstehende Lesen, nicht das Entziffern. Also die Grenze, die Niveau 2 zieht.
Nikola muss, weil sie niemals musste
Eine Fiktion. Ein Leben im Jahr 2045, wie es die PISA-Linie zeichnet.
Nikola, Jahrgang 2030, ist fünfzehn. Sie kann lesen, sie hat es in der zweiten Klasse gelernt. Ihre Mutter hat ihr damals erzählt, sie sei in der PISA-Stichprobe von 2025 gewesen. Und ihre Lehrerin hat erzählt, früher hätten sie «Lautlesetandems» gemacht, was immer das gewesen sein mochte. Nikola liest täglich, auf dem Tablet, in Zeilen von acht Wörtern, die nach drei Sekunden weiterrücken. Einen Text, der auf Papier eine Seite vorn und hinten füllen würde, hat sie seit der Primarschule nicht mehr am Stück gelesen. Die Schule verlangt es nicht, weil die Hälfte der Klasse es nicht kann, und Entlastung ist nach einer Metastudie von 2040 einer der wichtigsten Faktoren für Lernerfolg. Die Tablets lesen alles vor, die Stimme ist jugendlich, lebhaft und zugewandt. Man kann sie ändern, Nikolas Mutter nutzt lieber die Stimme einer verstorbenen Schauspielerin.
Über Bücher denkt Nikola nicht nach. Die sind ja nicht verboten oder so, das wäre zumindest spannend. Es gibt keine Zensur. Es gibt keinen Grund dafür. Tatsächlich gibt es mehr Bücher als je zuvor, und fast ebenso viele Stimmen. Oft nimmt die Auswahl der Stimme mehr Zeit in Anspruch als die Wahl des Buchs. Niemand sieht im Überfluss einen Mangel.
Nikola beginnt ihre Lehre im Jahr 2045. Den Lehrvertrag, den Nikola im Frühling unterschreibt, lässt sie sich vorlesen – das dauert vierzehn Minuten! Was sie letztlich unterschreibt, hat die Stimme zusammengefasst in einem freundlichen Schachtelsatz, den Nikola halbwegs versteht. Im Betrieb bekommt sie alle Anweisungen in gesprochener Form und beantwortet sie gleichsam als Sprachnachricht. Die KI, die beides in Text konvertiert, analysiert und memoriert, liest besser als jeder im Betrieb. Nikolas Chefin, Jahrgang 1996, gehört «zur anderen Hälfte». Sie liest die Verträge noch selbst. Prüft, was die KI für Mitarbeitende «in den bewältigbaren Rahmen» setzt. Sie weiss, warum. Sie findet immer, was in der Zusammenfassung fehlt. Nikolas Chefin führt die KI wie eine Mitarbeiterin. Und Nikola wird von der KI geführt. Nicht, weil sie dümmer ist als ihre Chefin, sondern, weil sie nie etwas musste. Jetzt muss sie.
Die Gegenfrage
Die Szene wäre falsch, wenn sie die Technik zum Schuldigen machte. Sprach-KI macht das Lesen gleichzeitig wichtiger und optionaler. Wichtiger, weil jede Anweisung an KI Sprache ist und die Prüfung der Antwort besser lesend als hörend geht. Gleichzeitig optionaler, weil jeder Text auf Knopfdruck zu einer natürlich klingenden Stimme wird, ohne dass man je «aufs Hörbuch warten» muss, und weil das Vorlesen durch die Technik eine Beiläufigkeit erlaubt, die das Lesen nie hatte. Beides ist wahr, und beides gilt nicht für dieselben Kinder. Für die, die lesen können, ist die Stimme ein Werkzeug. Für die, die es nicht mussten, ist sie der Ersatz.
Die Dystopie ist darum nicht, dass niemand mehr lesen kann. Sie ist, dass niemand mehr lesen muss. Dass die, die es können, die KI führen, während die anderen von ihr geführt werden. Es wäre die Vererbung aus Fund 8 in der dritten Generation, und sie liefe entlang derselben Linie wie heute. Oben das Buch. Unten die Stimme.
Ausblick mit Wahlmöglichkeit
Dieser Text ist ein Gedankenspiel, keine Prognose. Trends laufen nicht linear. Die OECD-Kurven flachen ab, und «Niveau 2» – diese Linie im Sand zwischen gut und schlecht lesen – ist eine Konvention von Statistikern, kein Mass für gelingendes Leben. Ebenso ist die PISA-Linie keine Naturkonstante. Sie ist die Summe von Entscheidungen, von denen die meisten in der Primarschule getroffen werden. Was die Schule heute tun kann, steht in der Beitragsreihe: Leseflüssigkeit zuerst. Länger anleiten. Auf Papier üben. In der Oberstufe nachholen. Die Eltern über Beziehung erreichen. Der letzte Ort sein, an dem das Kind vor Bücherregalen steht. Nichts davon braucht die Dystopie, um richtig zu sein. Aber das Kopfkino, das entsteht, lohnt. 2045 ist der Grund, es jetzt zu tun – solange die Hälfte, die liest, die Mehrheit ist.
Unser Gehirn hat sich für den Spracherwerb entwickelt. Lesen kann es von sich aus nicht. Lernen wir es nicht, können wir es nicht. Sprache ist die wichtigste Grundlage der Kultur. Lesen ist die wichtigste Errungenschaft der Zivilisation und zugleich jedes einzelnen Schulkinds. Stell dir eine Schulklasse vor und vor jedem Kind einen Zettel mit den Worten: «Kannst du das lesen?» Und dann?
Verbindungen
- Warum Schülerinnen und Schüler immer schlechter lesen und was die Schule dagegen tun kann – die zehn Funde, aus denen die Linie kommt
- Lesekompetenz seit PISA 2000: die Schweizer Zeitreihe – die Reihe, die hier weitergezogen wird
- Eltern als Lesemodell – die Vererbung, die das Gedankenspiel in die zweite Generation trägt
- Die Bücher verschwinden «unten» – oben das Buch, unten die Stimme: die Linie, an der die Szene spielt
- Die Zeitlinie der Lebenswelten 2000 bis 2025 – die Technik, die das Gedankenspiel dreht, statt es zu erklären
- Was eine Primarschule tun kann: Leseflüssigkeit zuerst – die Entscheidungen, die die Linie unterbrechen können
- Was die Oberstufe nachholen kann – der zweite Ort, an dem sie unterbrochen werden kann
- Chancengerechtigkeit im Schweizer Bildungssystem – warum die Linie in der Schweiz steiler ist
Literatur
Im Korpus:
- Berson, M. (1993, 12. März). Bradbury Still Believes in Heat of ‹Fahrenheit 451›. The Seattle Times. https://archive.seattletimes.com/archive/19930312/1689996/bradbury-still-believes-in-heat-of-fahrenheit-451
- Bradbury, R. (1953). Fahrenheit 451. New York, NY: Ballantine.
- Eckermann, J. P. (1848). Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Magdeburg: Heinrichshofen.
- Grotlüschen, A. & Buddeberg, K. (Hrsg.) (2020). LEO 2018. Leben mit geringer Literalität. Bielefeld: wbv. https://doi.org/10.3278/6004740w
- Grunder, H. U. (2015). Alphabetisierung.
- Horowitch, R. (2024). The Elite College Students Who Can't Read Books.
- Historische Statistik der Schweiz [HSSO] (2012). Ergebnisse der pädagogischen Rekrutenprüfung von 1878.
- OECD (2019). PISA 2018 Results (Volume I). What Students Know and Can Do. https://doi.org/10.1787/5f07c754-en
- Ong, W. J. (1982). Orality and Literacy. The Technologizing of the Word. London: Methuen.
- Postman, N. (2006). Amusing Ourselves to Death. Public Discourse in the Age of Show Business. New York, NY: Penguin.
- Wolf, M. (2018, 25. August). Skim Reading Is the New Normal. The Effect on Society Is Profound. The Guardian. https://www.theguardian.com/commentisfree/2018/aug/25/skim-reading-new-normal-maryanne-wolf