Die Zeitlinie der Lebenswelten 2000 bis 2025

Beitrag #4 in der Reihe «Lesekompetenz»

Wer mit dem Finger der PISA-Kurve folgt und nach 2012 an einem beliebigen Punkt verharrt, zeigt mit grosser Wahrscheinlichkeit auf den einen oder anderen Verdächtigen. Zum Beispiel das Smartphone. Oder Netflix. Oder Instagram. Der Lehrplan 21 ist da, ebenso die Pandemie. Eine illustere Ansammlung von Koinzidenzen. Dieser Beitrag legt die Veränderungen der Lebenswelt – der Kinder, vor allem aber auch ihrer Eltern – auf eine Zeitlinie von 2000 bis 2025 und darüber die Lesekurve. Diese Zeitlinie erzeugt unweigerlich Hypothesen, sie prüft sie aber nicht. Damit das nicht zum Rorschach-Test verkommt, muss jeder Kandidat drei Prüfungen bestehen:

  1. International: Der Rückgang läuft OECD-weit parallel. Ein Kandidat muss in allen Ländern gleichzeitig gewirkt haben; Schweizspezifisches – Lehrplan 21, Frühfremdsprachen, HarmoS, Lehrpersonenmangel – hat es gegen diesen Befund schwer, es sei denn, man zeigt, dass es den Schweizer Verlauf vom OECD-Verlauf abweichen lässt.
  2. Unten, nicht oben: Er muss erklären, warum er die Schwachen so viel stärker trifft als die Starken.
  3. Zeitpunkt und Kohorte: Er muss ab etwa 2012 wirken, und zwar auf die richtige Kohorte.

Kohorten statt Testjahre

PISA testet Jugendliche mit Jahrgang «Testjahr minus 16». Die Lebenswelt, die zählt, ist nicht die des Testjahrs, sondern die der Jahre, in denen Sprache (0 bis 6, im Elternhaus) und Lesen (6 bis 12, in der Primarschule) erworben wurden:

PISAJahrgangElternhaus 0–6Primarschule 6–12Lesen
200919931993–19991999–2005501
201219961996–20022002–2008509
201519991999–20052005–2011492
201820022002–20082008–2014484
202220062006–20122012–2018483
202520092009–20152015–2021470

Die erste sinkende Kohorte, Jahrgang 1999, war in der Primarschule, als das Smartphone in die Elternhäuser kam. Die Kohorten 2006 und 2009 kennen keine Eltern ohne Smartphone, und die Kohorte 2009 hatte die Pandemie in der Primarschule. Das verschiebt den Blick von «Jugendliche am Handy» auf «Eltern am Handy, während die Kinder klein waren».

Die Technologie-Schicht, datiert

Das iPhone kam im Juli 2008 in die Schweiz (Apple 2008). Bei den 12- bis 19-Jährigen besass 2010 rund die Hälfte der Handynutzer ein Smartphone, 2012 waren es 79, 2014 97 und ab 2016 98 bis 99 Prozent (Willemse et al. 2012, S. 46; Willemse et al. 2014, S. 28; Külling-Knecht et al. 2024, S. 44). Netflix kam 2014 (Klier 2014), Instagram und Snapchat überholten Facebook 2016 (Waller et al. 2016, S. 47), der Anteil der Jugendlichen mit TikTok stieg 2018 bis 2020 von 40 auf 75 Prozent (Bernath et al. 2020, Zusammenfassung).

Die Online-Zeit der Jugendlichen aber stieg später und langsamer als die Verbreitung. Die Internetzeit an Wochentagen lag 2010, 2012 und 2014 bei rund zwei Stunden: «Die Internet-Nutzungsdauer stagniert seit der Erhebung im Jahr 2010» (Willemse et al. 2014, S. 35). Sie stieg 2016 «Zum ersten Mal seit 2010» auf zweieinhalb Stunden (Waller et al. 2016, S. 29), blieb 2018 und 2020 bei zweieinhalb beziehungsweise zwei (Suter et al. 2018, S. 37; Bernath et al. 2020, S. 24) und sprang 2022 auf 3 Stunden 14 Minuten (Külling et al. 2022, S. 37). Die Dosis ist dort am höchsten, wo das Lesen am schwächsten ist: mehr Internetzeit bei Migrationshintergrund, in der Realschule und bei tiefem sozioökonomischem Status (Bernath et al. 2020, S. 24; Külling et al. 2022, S. 37). Die ganze Reihe steht im Beitrag zur JAMES-Studie.

Die Kleinen und ihre Eltern

MIKE befragt seit 2015 parallel die 6- bis 13-Jährigen und ihre Eltern. Der eigene Handybesitz der Kinder nahm nicht zu – 52 Prozent (2015), dann 48, dann «fast die Hälfte», 2021 schliesslich 43 Prozent (Suter et al. 2015, S. 29; Genner et al. 2017, S. 26; Waller et al. 2019, S. 27–29; Suter et al. 2023, S. 29) –, und das wöchentliche Bücherlesen der Kinder blieb bei 70, 72, 68 und 70 Prozent. Die Internetnutzung dagegen sprang zwischen 2015 und 2017 von 41 auf 59 Prozent und blieb dann bei 64 und 62: «Veränderungen zeigen sich vor allem zu Beginn der Messreihe; zwischen den Jahren 2015 und 2017 nahm die Internetnutzung deutlich zu» (Suter et al. 2023, S. 34–35).

Bei den Eltern dasselbe Muster: Handynutzung täglich oder mehrmals pro Woche 84 Prozent (2015), 93, 95, 94 – «Die Zunahme der Handynutzung fand zwischen den ersten beiden Erhebungen statt und hat sich seither nicht mehr verändert». 2021 nutzen 90 Prozent der Eltern das Handy täglich; Bücher lesen 54 Prozent täglich oder mehrmals pro Woche (S. 63–64). Nach dem Vorlesen fragt MIKE die Eltern nicht. Die qualitative Studie ADELE enthält dafür den Elternsatz, der die Modellhypothese fasst: «Je pense assez vite ils s’ intéressait parce qu’il voyait que nous on était toujours avec nos téléphones» (Schoch et al. 2018, S. 16).

Die Schichten Familie, Schule und Stimmung

Die Erwerbsquote der Mütter stieg von 59,6 Prozent (1991) auf 82,0 Prozent (2021), bei höheren Pensen (BFS 2022, S. 1–2 und 4). Knapp zwei Drittel der Kinder unter 13 Jahren werden familienergänzend betreut, im Schnitt 10,7 Stunden pro Woche (BFS 2021, S. 38 und 41). Die Schul-Schicht – HarmoS-Konkordat 2007, Sonderpädagogik-Konkordat 2011, Lehrplan 21 in Zürich ab 2018/19, Lehrpersonenmangel 2022/23 bis 2025/26 – ist schweizerisch; keiner dieser Schritte besteht die erste Prüfung von sich aus, denn die Schweiz weicht vom OECD-Verlauf nicht ab.

Eine dritte Schicht ist die Stimmung, und sie folgt nicht den Zahlen. Die Arbeitslosigkeit erreichte als Sorge der Bevölkerung «in den 1990er-Jahren und zu Beginn der 2000er-Jahre noch regelmässig Spitzenwerte von bis zu 90 Prozent» der Nennungen, obwohl die Arbeitslosenquote tief blieb; seit etwa 2010 laufen Sorge und Statistik auseinander, die Sorge nahm kontinuierlich ab, 2025 nennen sie noch 6 Prozent (gfs.bern 2025, S. 12 und 17). Die Kindheit der ersten fallenden Jahrgänge lag also im Jahrzehnt der Arbeitsplatzangst; die späteren Jahrgänge wuchsen mit den Sorgen Zuwanderung, Altersvorsorge und Gesundheitskosten auf, ab 2022 mit Krieg, Inflation und Wohnkosten (S. 11–16), und mit der Pandemie. Kinder verstehen den Inhalt solcher Sorgen nicht, aber sie spüren die Angst ihrer Eltern – ein Denkanstoss, der die zweite Prüfung nur für die Wirtschaftssorgen besteht und für Terror, Krieg und Tsunami nicht; eine Schweizer Reihe zum Befinden der Kinder vor 2015 gibt es nicht.

Lesart an den drei Prüfungen

Wenn das Smartphone den Rückgang mitträgt, dann nicht über die Online-Zeit der Jugendlichen, sondern über das Immer-dabei und über die Eltern, während die Kinder klein waren. Und der PISA-Modusbruch von 2015 liegt genau dazwischen. Das ist eine Hypothese mit stimmiger Chronologie, keine Prüfung.

Drei Befunde aus der Literatur ordnen sie ein. Erstens ist der Rückgang des gedruckten Lesens älter als das Smartphone: In den USA fiel der Anteil der Zwölftklässler, die täglich ein Buch oder eine Zeitschrift lesen, von 60 Prozent Ende der 1970er auf 16 Prozent 2016, «the decline in reported reading of books, magazines, and newspapers began in the early 1980s», und nach 2008 ging es weiter abwärts (Twenge, Martin und Spitzberg 2019, S. 329 und 338). Das Smartphone hat beschleunigt, was lange vorher begann. Zweitens ersetzt das Lesen am Bildschirm das Buch nicht: Digitales Freizeitlesen hängt mit dem Leseverstehen fast nicht zusammen, r = 0,055 gegen 0,36 beim gedruckten (Altamura, Vargas und Salmerón 2025, S. 1 und 19 des Manuskripts). Drittens wächst der Vorteil des Papiers seit 2000, und er ist bei Kindern nicht kleiner als bei Erwachsenen – «we cannot idly wait for screen inferiority to disappear as children are exposed to digital devices earlier and earlier in their lives» (Delgado et al. 2018, S. 34). Wenn Eltern das Smartphone als Lesemedium vorleben (Eltern als Lesemodell), trifft dieser wachsende Vorteil Kinder, für die Papier die Ausnahme ist. Das ist die Kette, an der die Zeitlinie hängt – ein Denkanstoss, kein Befund.

Vier Fallen

  1. Der Schluss vom Nacheinander auf die Ursache.
  2. Die Verwechslung von Testjahr und Kohorte.
  3. Die Vermischung gleichzeitiger Trends.
  4. Die Versuchung, die Spitze zu übersehen: Wer «Handy macht dumm» sagt, muss erklären, warum die lesestarken Jugendlichen mit demselben Handy fast stabil bleiben.

Was die Schule daraus macht, steht bei den Hebeln der Primarschule – und die naheliegendste Antwort, das Handyverbot, ist im Beitrag Handyverbot? Was die Daten sagen, und was die Experten geprüft.

Verbindungen

Literatur

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