Handyverbot? Was die Daten sagen, und was die Experten
Beitrag #9 in der Reihe «Lesekompetenz»
Die naheliegendste Antwort auf sinkende Lesewerte heisst Handyverbot. Nach unserer Regel wird sie nicht übergangen, sondern geprüft: Was zeigen die Studien, die Verbote tatsächlich gemessen haben, was sagen die Bilanzen und die Fachstimmen, was gilt in der Schweiz, und was folgt daraus für eine Schule? Das Ergebnis vorweg: Ein Handyverbot kostet nichts, schadet nach allem, was bekannt ist, nicht, und nützt dort, wo der Verlust sitzt – bei den Schwachen. Es ist richtig, und es ist der kleinste Hebel. Wer es erlässt, hat für das Lesen noch nichts getan.
Die Bilanzen
Reichenbach bringt die Lage auf den Punkt: «Was die Schule aber kann: den Gebrauch von Handys im Unterricht und auf dem Schulareal zu verbieten! Ob das sinnvoll ist, bleibt unklar» (Reichenbach 2025, S. 105). Hattie misst in seiner Bilanz die Bildschirmzeit mit d = −0,29 und die Anwesenheit von Handys im Klassenzimmer mit −0,27; private Handynutzung hängt mit r = −0,16 mit der Leistung zusammen, soziale Netzwerke praktisch nicht, und er urteilt: «the negative effects are not strong enough to warrant overreaction» (Hattie 2023, S. 393–396). Beide sagen «unklar» und «nicht stark», keiner sagt «nein» – und beide messen den Zusammenhang, nicht das Verbot.
Die Studien, die Verbote gemessen haben
In England stiegen die Prüfungsleistungen nach einem Handyverbot um 6,41 Prozent einer Standardabweichung, bei den schwächsten Schülerinnen und Schülern um 14,23, bei den starken gar nicht – und gar nicht, wo das Verbot nicht durchgesetzt wurde (Beland und Murphy 2015, S. 3 und 17). In Norwegen zeigt sich über 400 Mittelschulen im Durchschnitt keine Wirkung; aber Mädchen brauchen nach einem Verbot seltener psychologische Behandlung, bekommen bessere Noten und gelangen häufiger in den Gymnasialzug, am deutlichsten die aus benachteiligten Familien; Mobbing nimmt bei beiden Geschlechtern ab, und strenge Verbote wirken stärker als milde (Abrahamsson 2024, S. 1 und 4). Die Gegenstimme kommt ebenfalls aus England: In 30 Sekundarschulen mit 1227 Jugendlichen fand sich kein Zusammenhang zwischen restriktiven Handyregeln und Wohlbefinden, Schlaf oder Schulleistung (Goodyear et al. 2025, S. 1).
Drei Dinge fallen auf. Erstens: Wo Verbote wirken, wirken sie unten – das ist die Prüfung, die jede Erklärung des Leserückgangs bestehen muss, und das Verbot besteht sie. Zweitens: Sie wirken nur, wenn sie durchgesetzt sind; ein Verbot auf dem Papier bringt nichts. Drittens, und das ist der Vorbehalt: Keine dieser Studien misst das Lesen, und keine misst die Primarschule. Gemessen wurden Prüfungsnoten, Wohlbefinden und Mobbing in Sekundarschulen. «Handyverbot hebt das Lesen» bleibt eine Hoffnung.
Was das Handy stört – und was das Lesen braucht
Was das Handy stört, ist die Aufmerksamkeit. Sie ist eine Bedingung des Lesens, kein Hebel: Stress, Schlafmangel, Einsamkeit und Bewegungsmangel beeinträchtigen jede für sich die exekutiven Funktionen, auf denen das Lesen aufbaut (Diamond 2013, S. 135) – dieselbe Bedingung heisst also auch Schlaf, Bewegung und ein Frühstück. Hebel ist, was das Lesen selbst übt: Leseflüssigkeit, Anleitung, Lesezeit in jedem Fach (Was eine Primarschule tun kann: Leseflüssigkeit zuerst). Und die Zeitlinie spricht dafür, dass das Gerät über das Immer-dabei und über die Eltern wirkt, nicht über die Schulstunden: Die Dosis des Primarschulkindes liegt zu Hause, und der Vorteil des Papiers wächst, weil «children are exposed to digital devices earlier and earlier in their lives» (Delgado et al. 2018, S. 34).
Was die Experten sagen
Die Fachwelt ist gespalten, aber nicht symmetrisch. Die Bilanz der Bilanzen ist eine Schnellübersicht aus Augsburg über fünf Verbotsstudien aus Norwegen, Spanien, Tschechien, England und Schweden: «The meta-analysis yielded an overall effect size of d = 0.162 (p < 0.05). Smartphone bans have a significant, but modest, effect. This is more pronounced in the domain of social well-being than in the performance domain.» (Böttger und Zierer 2024, S. 1). Aufgeteilt: Wohlbefinden d = 0,22, Lernleistung 0,05 – und die Autoren selbst halten ein blosses Verbot nicht für hilfreich, es brauche pädagogische Begleitung, Regeln, die erklärt und reflektiert werden (Brüning und Siewert 2024, S. 60). Derselbe Zierer fordert im August 2026 ein bundesweites generelles Handyverbot an deutschen Schulen: «Je näher das Handy, desto geringer seien Aufmerksamkeit und Lernleistung» (Morgenthal 2026, S. 1). Haidt, die lauteste Stimme der Debatte, macht handyfreie Schulen zu einer seiner vier Reformen gegen die Kindheit am Bildschirm: «No smartphones before high school, No social media before 16, Phone-free schools, Far more unsupervised play and childhood independence» (Haidt 2024, Schlusskapitel). Und die UNESCO hält in ihrem Weltbildungsbericht fest: «Mere proximity to a mobile device was found to distract students and to have a negative impact on learning in 14 countries, yet less than one in four have banned smartphone use in schools» (UNESCO 2023, Key Messages; S. 158).
Die Schweizer Fachstimmen bremsen. Der Dachverband der Lehrpersonen hält fest, es «braucht es eine differenzierte Vorgehensweise und kein generelles Verbot. Partizipativ erarbeitete Regeln sind meist zielführender als strikte Verbote» – wobei er unter Verbot das Mitnahmeverbot versteht und Lehrpersonen wie Eltern «eine wichtige Vorbildfunktion» zuschreibt (LCH 2024, S. 1). Die Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen nennt pauschale Social-Media-Verbote «nur eine vermeintliche Lösung für ein komplexes Problem», nimmt Smartphoneverbote an Schulen aber ausdrücklich aus (EKKJ 2025, S. 3). Jugend und Medien empfiehlt den Eltern «Medienfreie Zeiten und Orte» (Bernath et al. 2024, S. 10), die Kinderärzte für das Schulalter «ein bis zwei Stunden pro Tag» und «Im Kinderzimmer sind Bildschirme tabu» (pädiatrie schweiz 2013, S. 1). Zwischen Zierer und dem LCH liegt kein Widerspruch zur Reihenfolge, die hier gilt: Verbot im Primarschulalter, Umgang danach – und in beiden das Vorbild der Erwachsenen (Eltern als Lesemodell).
Was in der Schweiz gilt
Die Schweizer Praxis ist dem Streit voraus. Im Thurgau hatten per Dezember 2024 sämtliche Schulgemeinden eine Regelung, und «Rund drei Viertel der Regelungen in den Schulgemeinden sehen ein generelles Nutzungsverbot auf dem Schulareal vor» (Regierungsrat des Kantons Thurgau 2025, S. 2). In Basel-Stadt gilt: «An allen Primarschulen gilt, dass Smartphones während des Unterrichts und in den Pausen nicht sicht- und hörbar sein dürfen»; handyfreie Schutzzonen hätten darum «keinen zusätzlichen Nutzen» (Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt 2026, S. 3–4). Der Zürcher Regierungsrat bestärkt die Schulen darin, die Nutzung während des Unterrichts und an Schulanlässen zu untersagen, hält ein Mitnahmeverbot aber für weder sachlich gerechtfertigt noch angemessen, weil die Eltern entscheiden, wie sie ihr Kind ausserhalb der Schulzeit erreichen (Regierungsrat des Kantons Zürich 2024, S. 1–2); am 31. August 2026 hat der Kantonsrat dennoch mit 92 zu 82 Stimmen ein Postulat für verbindliche kantonale Richtlinien vom Kindergarten bis zur 9. Klasse überwiesen (Weidmann, Bopp und Cadonau 2025; Parlamentsdienste des Kantons Zürich 2026). Das Tessin weitet sein Verbot ab dem 30. März 2026 auf die ganze obligatorische Schule aus, Nidwalden, Aargau und Wallis verbieten private Geräte seit 2025/26 in Unterricht, Pausen und an Anlässen (Gloor 2026, S. 2). Der Streit dreht sich also nicht mehr um das Ob, sondern um das Mitnahmeverbot und darum, ob der Kanton oder die Gemeinde regelt. Und in keinem dieser Dokumente kommt das Lesen vor.
Die Entscheidung
Was bleibt, ist eine Entscheidung bei lückenhafter Evidenz, und so soll sie auch genannt werden. Ein Handyverbot kostet nichts, schadet nach allem, was bekannt ist, nicht, und nützt dort, wo der Verlust sitzt. Eine Primarschule kann es darum erlassen – und in der Sekundarstufe I, aus der die Belege stammen, rückt es in der Reihenfolge der Hebel vor (Was die Oberstufe nachholen kann). Sie soll nur nicht glauben, damit etwas für das Lesen getan zu haben. Das Verbot ist wie Amazon ein naheliegender Verdächtiger: einer, auf den man zeigt, und mit dem man sich dann nicht weiter befassen muss, weil alle Hebel an anderer Stelle liegen. Hatties Einwand, Umgang zu lehren sei besser als zu verbieten, beantwortet sich mit der Reihenfolge – Verbot im Primarschulalter, Umgang danach. Was eine Schule belegen kann, ist Lesezeit, Anleitung und Lehrperson.
Verbindungen
- Was eine Primarschule tun kann: Leseflüssigkeit zuerst – die Hebel, hinter denen das Verbot steht
- Die Zeitlinie der Lebenswelten 2000 bis 2025 – warum das Smartphone über die Eltern wirkt, nicht über die Schulstunden
- Eltern als Lesemodell – die Eltern am Handy, während die Kinder klein waren
- John Hattie – die Bilanz, die vor der Überreaktion warnt
- Roland Reichenbach – «Ob das sinnvoll ist, bleibt unklar»
- Horvath: gegen die digitale Schule – die Debatte um Bildschirme in der Schule, von der die Verbotsfrage zu trennen ist
- Was die Oberstufe nachholen kann – wo das Verbot in der Reihenfolge vorrückt
- Eltern als Lesemodell – das Vorbild der Erwachsenen, auf das LCH und Kinderärzte verweisen
- Lehrplan 21 in Zürich, Thurgau und St. Gallen – substanzielle Unterschiede der kantonalen Fassungen – warum in der Schweiz die Gemeinde regelt, bis der Kanton es tut
Literatur
Im Korpus:
- Abrahamsson, S. (2024). Smartphone Bans, Student Outcomes and Mental Health. Bergen: Norwegian School of Economics (NHH), Department of Economics. https://hdl.handle.net/11250/3119200
- Beland, L. P. & Murphy, R. (2015). Ill Communication: Technology, Distraction & Student Performance. London: Centre for Economic Performance, London School of Economics and Political Science. http://cep.lse.ac.uk/pubs/download/dp1350.pdf
- Bernath, J., Domdey, P., Genner, S., Külling-Knecht, C., Süss, D., Suter, L., Waller, G. & Willemse, I. (2024). Medienkompetenz. Empfehlungen zum Umgang mit digitalen Medien. Bern: Jugend und Medien, Bundesamt für Sozialversicherungen [BSV]; Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften [ZHAW]. https://jugendundmedien.ch/uploads/Jugend_und_Medien_Broschuere_Medienkompetenz_ZHAW_2024_DE_1_29ca91f89c.pdf
- Böttger, T. & Zierer, K. (2024). To Ban or Not to Ban? A Rapid Review on the Impact of Smartphone Bans in Schools on Social Well-Being and Academic Performance. Education Sciences, 14(8), 906. https://doi.org/10.3390/educsci14080906
- Brüning, L. & Siewert, J. (Hrsg.) (2024). Kooperatives Lernen [Themenheft]. Pädagogik, 76(12).
- Delgado, P., Vargas, C., Ackerman, R. & Salmerón, L. (2018). Don’t Throw Away Your Printed Books: A Meta-Analysis on the Effects of Reading Media on Reading Comprehension. Educational Research Review, 25, 23–38. https://doi.org/10.1016/j.edurev.2018.09.003
- Diamond, A. (2013). Executive Functions. Annual Review of Psychology, 64(1), 135–168. https://doi.org/10.1146/annurev-psych-113011-143750
- Eidgenössische Kommission für Kinder- und Jugendfragen [EKKJ] (2025). Social Media verbieten? Vermeintliche Lösung für ein komplexes Problem. https://ekkj.admin.ch/fileadmin/user_upload/ekkj/02pubblikationen/Positionspapier/d_2025_Positionspapier_EKKJ_Social_Media_verbieten_-_Vermeintliche_Loesung_fuer_ein_komplexes_Problem.pdf
- Gloor, J. (2026, 30. März). Handyverbot an Schweizer Schulen: Was gilt und warum Lehrpersonen skeptisch sind. SWI swissinfo.ch. https://www.swissinfo.ch/ger/bildung/handyverbot-an-schweizer-schulen-was-gilt-und-warum-lehrpersonen-skeptisch-sind/91121397
- Goodyear, V. A., Randhawa, A., Adab, P., Al-Janabi, H., Fenton, S., Jones, K., Michail, M., Morrison, B., Patterson, P., Quinlan, J., Sitch, A., Twardochleb, R., Wade, M. & Pallan, M. (2025). School phone policies and their association with mental wellbeing, phone use, and social media use (SMART Schools): a cross-sectional observational study. The Lancet Regional Health – Europe, 51, 101211. https://doi.org/10.1016/j.lanepe.2025.101211
- Haidt, J. (2024). The Anxious Generation. How the Great Rewiring of Childhood Is Causing an Epidemic of Mental Illness. London: Allen Lane.
- Hattie, J. (2023). Visible Learning: The Sequel. A Synthesis of Over 2,100 Meta-Analyses Relating to Achievement. London: Routledge. https://doi.org/10.4324/9781003380542
- Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz [LCH] (2024). Smartphone/Smartwatch-Regelungen an Schulen. https://www.lch.ch/fileadmin/user_upload_lch/Faktenblatt_LCH_Smartphone_Regelungen_an_Schulen.pdf
- Morgenthal, C. (2026, 20. August). Bildungsforscher fordert bundesweites Handyverbot in Klassenzimmern. evangelisch.de. https://www.evangelisch.de/inhalte/258321/20-08-2026/bildungsforscher-fordert-bundesweites-handyverbot-klassenzimmern
- Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie [pädiatrie schweiz] (2013). Kind und Bildschirm. Fernsehen, DVD, Videospiele, Internet, Tablet und Smartphone. Empfehlungen für Eltern. https://files.paediatrieschweiz.ch/production/uploads/2020/12/2020.12.17-Kind-und-Bildschirm.pdf
- Parlamentsdienste des Kantons Zürich (2026). Die Beschlüsse des Zürcher Kantonsrates vom 31. August 2026. https://parlzhcdws.cmicloud.ch/parlzh3/cdws//Files/50af515104364a948db846ae7787c285-332/1/pdf
- Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt (2026). Schriftliche Anfrage Sasha Mazzotti betreffend Handyfreie Zonen an den Volksschulen in Basel-Stadt. https://grosserrat.bs.ch/dokumente/100411/000000411676.pdf
- Regierungsrat des Kantons Thurgau (2025). Beantwortung der Interpellation «Handyverbot an Thurgauer Volksschulen». https://grgeko.tg.ch/o/grgeko-portlet/activity/6436395/Beantwortung+vom+19.08.2025+%2824-IN+6-51%29.pdf
- Regierungsrat des Kantons Zürich (2024). Anfrage (Handyfreie Schulen?!). https://parlzhcdws.cmicloud.ch/parlzh5/cdws//Files/45da136f00da4813b8122abfea0c167b-332/1/pdf
- Reichenbach, R. (2025). Die Pädagogik der Privilegierten. Ein Essay. Stuttgart: Kohlhammer. https://doi.org/10.17433/978-3-17-045335-7
- UNESCO (2023). Global Education Monitoring Report 2023: Technology in education – A tool on whose terms? https://doi.org/10.54676/UZQV8501
- Weidmann, T., Bopp, M. & Cadonau, R. (2025). Verbindliche Richtlinien – keine Smartphones an Volksschulen. Zürich: Kantonsrat des Kantons Zürich. https://parlzhcdws.cmicloud.ch/parlzh5/cdws//Files/d8cfdcbc0e06494a92b5a06cfc4adf58-332/1/pdf
Verweise auf diese Seite
- Die Zeitlinie der Lebenswelten 2000 bis 2025 Zettelkasten
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