Amtsantritt
Fragen, die hierher führen
«Ich bin seit einer Woche Schulleiter und weiss nicht, wo anfangen» · «Was muss ich meine Vorgängerin alles fragen?» · «Was mache ich im ersten Jahr – und was besser nicht?» · «Wie komme ich ins Kollegium, ohne alles umzukrempeln?» · «Wie viel darf ich entscheiden?»
Der Einstieg in die Schulleitung wird selten als das behandelt, was er ist: ein Übergang mit hoher Fehlerlast und geringer Rückholbarkeit. Was in den ersten Monaten an Vertrauen entsteht oder verspielt wird, prägt die Amtszeit länger als jedes Konzept. Zugleich ist die Erfahrung nicht übertragbar – man kann sich vorbereiten, aber das Amt lernt man im Amt.
Vor dem ersten Tag: die Übergabe
Die Übergabe ist der wertvollste und am schlechtesten genutzte Zeitpunkt des ganzen Einstiegs. Was gefragt werden sollte:
- Ordnung der Zuständigkeiten – gibt es ein Pflichtenheft für die Stelle, ein Funktionendiagramm, ein Organisationsstatut? Was entscheidet die Schulleitung, was die Behörde, was der Gemeinderat? (Siehe kommunale Reglemente und Pflichtenhefte.)
- Laufende Verfahren – Personalfälle, Beschwerden, sonderpädagogische Verfahren, Rekurse. Was ist offen, was ist verabredet, was ist versprochen?
- Der Kalender – wo im Planungsjahr steht die Schule, welche Fristen laufen in den nächsten drei Monaten?
- Die Geschichte – welche Vorhaben sind gescheitert, und woran? Diese Frage erspart mehr Ärger als jede andere. Wer eine Idee einbringt, die vor drei Jahren am selben Widerstand zerbrochen ist, verliert Glaubwürdigkeit, die er noch gar nicht aufgebaut hat.
- Die Menschen – wer trägt, wer bremst, wer wird übersehen; wer sind die informellen Autoritäten im Kollegium.
Dazu: die Website der Schule, das Leitbild, das Schulprogramm, die letzten Evaluationsberichte, die Protokolle der Behörde. Und die gesetzlichen Grundlagen des Kantons – Volksschulgesetz und -verordnung, danach das Personalrecht.
Das erste Jahr: fünf Regeln
Diese Aufstellung ist eine Arbeitsregel aus der Praxis, keine empirisch geprüfte Empfehlung. Sie hat sich in Gesprächen und in der Ausbildung als tragfähig erwiesen.
- Ein Drittel bis die Hälfte der Agenda blocken. Wer den Kalender vollständig füllen lässt, verliert die Fähigkeit, auf das zu reagieren, was tatsächlich kommt.
- Keine Entwicklungsprojekte anreissen. Im ersten Jahr wird nichts Neues initiiert, was nicht durch Frist oder Not erzwungen ist. Die Versuchung ist gross, weil neue Leitungen ihre Legitimation im Gestalten suchen; die Wirkung ist meistens gegenteilig.
- Wissen sammeln. Zahlen, Verfahren, Geschichte, Personen. Fragen stellen ist im ersten Jahr erlaubt und wird später teuer.
- Caring: in die Beziehung gehen. Präsenz in den Zimmern, auf dem Pausenplatz, im Lehrerzimmer. Nicht als Kontrolle, sondern als Interesse.
- Feedback-Kultur einführen, samt kritischen Freunden ausserhalb der eigenen Schule. Wer früh Rückmeldung organisiert, muss später weniger korrigieren.
Die typischen Stolpersteine
Der Berufseinstieg bringt wiederkehrende Muster mit sich, die neue Schulleitungen erstaunlich zuverlässig erleben:
- Der Rollenwechsel. Wer aus dem Kollegium heraus befördert wurde, erlebt am deutlichsten, wie sich Beziehungen verändern – Nähe wird zur Frage, Freundschaft zur Belastung. Das ist kein persönliches Versagen, sondern eine Eigenschaft der Rolle.
- Die offene Bürotür. Sie ist gut gemeint und führt dazu, dass die Schulleitung permanent unterbrochen wird und die eigene Arbeit in den Abend verschiebt. Erreichbarkeit braucht Zeiten, nicht Dauerzustand (siehe Selbstführung).
- Das fehlende Fachwissen. Personalrecht, Sonderpädagogik, Finanzen – niemand bringt alles mit. Der Ausweg ist das Netzwerk: die Schulleitungskonferenz, die Vorgängerin, die Schulaufsicht, kantonale Fachstellen. Wer erst fragt, wenn es brennt, fragt zu spät.
- Der Sprung ins kalte Wasser. Der Einstieg ist selten begleitet. Wo Mentorat oder Coaching angeboten wird, lohnt sich der Zugriff; wo nicht, ersetzt eine feste Verabredung mit einer erfahrenen Kollegin einen Teil davon.
- Die Erwartung, alles zu wissen. Realistisch ist: Es wird Situationen geben, die man zunächst nicht versteht, und Arbeiten, von denen man nicht weiss, wie man sie erledigen soll. Wer das vorher weiss, erschrickt weniger.
Was in den ersten Wochen konkret zu tun ist
- Zuständigkeiten schriftlich klären – wenn es kein Funktionendiagramm gibt, ist dessen Erarbeitung das erste sinnvolle «Projekt», weil es keine Entwicklung ist, sondern Ordnung.
- Die Behörde treffen – Erwartungen, Sitzungsrhythmus, Berichtsweg, Entscheidungskompetenzen. Missverständnisse hier kosten später am meisten (siehe operativ und strategisch).
- Jede Lehrperson einmal einzeln sprechen – ohne Agenda, mit denselben drei Fragen an alle. Das ist der wirksamste Einsatz von Zeit im ersten Quartal.
- Die Notfallordner prüfen. Wer im ersten Jahr eine Krise erlebt, will nicht dann feststellen, dass Nummern und Abläufe fehlen (siehe Krisenteams und Notfallpläne).
- Den eigenen Arbeitsrhythmus festlegen – Jahresarbeitszeit heisst nicht ständige Verfügbarkeit; die Einteilung folgt dem Rhythmus des Schuljahrs und muss vorher gedacht werden.
Verbindungen
- Leitspruch: Führung in vier Bewegungen – die Haltung, aus der die Jahr-1-Regeln folgen
- Selbstführung der Schulleitung – Agenda-Disziplin und Erreichbarkeit sind Selbstführung in der Praxis
- Schulleitung als lernende Haltung – Wissen sammeln und Caring sind ihr Ausdruck
- 360-Grad-Feedback – die Feedback-Kultur des ersten Jahres, in institutionalisierter Form
- Schulleitung als Prozessgestalterin – im ersten Jahr beobachtet die Schulleitung, statt eigene Prozesse anzustossen
- Planungsjahr der Schule – der Kalender, in den der Amtsantritt fällt; er bestimmt, was in den ersten Wochen ohnehin ansteht
- Kommunale Reglemente und Pflichtenhefte – wo die eigenen Kompetenzen tatsächlich stehen
- Operatives und strategisches Führen – die Grenze zur Behörde, die am Anfang zu klären ist
Literatur
- Schädeli, D. (2021). Traumberuf Schulleitung? Auf Denkreise durch den Berufseinstieg. Bern: Hep. – Traumberuf Schulleitung? Auf Denkreise durch den Berufseinstieg*: 24 Alltagseinblicke aus Interviews mit Schulleitungen im ersten Jahr – realistische Tätigkeitsvorschau (Nr. 1), Übergabe (Nr. 11), Zeiteinteilung (Nr. 13), offene Bürotür (Nr. 14), Beratung und Unterstützung (Nr. 15), Start in den Alltag (Nr. 16), Aushalten von Inkompetenz (Nr. 18), den eigenen Platz suchen (Nr. 19); dazu Denkanstoss 4 (typische Stellenausschreibung) und 6 (Fragen an die Anstellungsbehörde). EPUB-Ausgabe, daher ohne Seitenpin.
- Stemmer Obrist, G. (2014). Schule führen. Wie Schulleiterinnen und Schulleiter erfolgreich sein und woran sie scheitern können. Bern: Haupt. – Schule führen*: Aufgabenkatalog «Führung Schule vor Ort» in fünf Bereichen, S. 55 f.; Handlungsfelder im gelebten Führungsalltag, Kap. 10.4.2.
- Dubs, R. (2019). Die Führung einer Schule. Leadership und Management (3. vollst. überarb. u. erw. Aufl.). Stuttgart: Steiner. – Die Führung einer Schule*: Stellenbeschreibung und Pflichtenheft, Kap. 2.4.4, S. 119 ff.
- Eigenleistung (Dani): die fünf Regeln für das erste Jahr – Arbeitsregel ohne empirische Basis, entstanden als einer der ersten Einträge dieses Zettelkastens und seither fortgeschrieben.
Verweise auf diese Seite
- Das Planungsjahr der Schule Zettelkasten
- Schulleitung Zettelkasten
- Selbstführung der Schulleitung Zettelkasten