Schulleitung als Prozessgestalterin
In Brückel et al.s Verständnis ist die Schulleitung nicht primär Inhalts-Lieferantin von Schulentwicklung («Ich weiss, wohin wir müssen»), sondern Prozess-Gestalterin: Sie verantwortet, wie Schulentwicklung passiert, schafft Strukturen, in denen das Kollegium Inhalte erarbeitet, und hält den Prozess über Schwankungen hinweg in Bewegung.
Drei Hauptaufgaben
Strukturen schaffen: Wer trifft sich wann mit welchem Auftrag? Welche Steuergruppen, welche Foren, welche Dokumentationen? Ohne diese Strukturen versickert jede gute Idee.
Den Prozess in Bewegung halten: Schulentwicklung hat natürliche Energietäler – nach einem intensiven Start kommt häufig Erschöpfung, nach kurzen Erfolgen Ernüchterung. Die Schulleitung sorgt für Rhythmus, für sichtbare Zwischenergebnisse, für Anerkennung der bisher geleisteten Arbeit.
Konflikte produktiv halten: In gemeinsamer Schulentwicklung kollidieren Sichtweisen – das ist Zeichen ernsthafter Auseinandersetzung, nicht Defekt. Die Schulleitung moderiert Konflikte, ohne sie wegzubügeln; sie sorgt dafür, dass aus Reibung neue Einsichten entstehen können.
Loslassen-Können
Brückel et al. betonen einen oft unterschätzten Aspekt: Die Schulleitung als Prozessgestalterin muss Inhalts-Kontrolle abgeben können. Sie muss aushalten, dass das Kollegium Lösungen wählt, die sie selbst anders gemacht hätte – solange diese Lösungen im Rahmen der gemeinsamen Vision bleiben und fachlich tragen.
Das verbindet sich direkt mit Distributed Leadership nach Anderegg: Wer Prozesse gestaltet, statt Inhalte zu diktieren, verteilt Führungsfunktionen über das Kollegium und stärkt damit die Wirksamkeit aller.
Was das nicht heisst
Prozess-Gestaltung heisst nicht «laufen lassen» oder «keine Position beziehen». Schulleitungen müssen weiterhin pädagogische Positionen vertreten, Grenzen setzen, in Konfliktfällen entscheiden. Aber sie tun das innerhalb eines Prozesses, der dem Kollegium so viel Spielraum lässt, wie verantwortbar ist – nicht durch einsame Verkündigung.
Die Balance zwischen Prozess-Steuerung und inhaltlicher Klarheit ist eine der anspruchsvollsten Schulleitungs-Kompetenzen – und sie ist erlernbar, vor allem durch Reflexion über die eigenen Tendenzen (zu viel kontrollieren? zu wenig führen?).
Verbindungen
- Schulentwicklung – gemeinsam unterwegs (Brückel et al.) – gemeinsame Schulentwicklung als Hauptanwendungsfeld der Prozessgestaltung
- Partizipative Schulentwicklung – Partizipation ist ein zentrales Prinzip guter Prozessgestaltung
- Vom Projekt zur Prozessorientierung – Prozessgestaltung heisst, das Episodische ins Routinemässige zu überführen
- Distributed Leadership – verteilte Führung – die SL gestaltet Prozesse so, dass Führung im System verteilt wirken kann
Literatur
- Brückel, F., Guerra, R., Kuster, R., Larcher, S., Spirig, R. & Beuschlein, H. (2023). Schulentwicklung – gemeinsam unterwegs. Bern: Hep. https://doi.org/10.36933/9783035523461
Verweise auf diese Seite
- Personalführungskonzept an der Schule Zettelkasten
- Q2E in der Schulleitungspraxis Zettelkasten
- Qualitätsrahmen TG als Arbeitsinstrument der Schulleitung Zettelkasten
- Schulleitung und Teacher Leadership – Zusammenspiel Zettelkasten